Sie lebt, die Idee vom Berliner Flussbad

Manuel Pestalozzi
7. April 2021
Eine neue Ebene für die Stadtbetrachtung – so stellen sich die Unterstützer des Flussbadprojekts die Schwimmstrecke entlang der James-Simon-Galerie vor. (Visualisierung: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Seit 1998 träumen die Künstler und Architekten Jan und Tim Edler vom „Flussbad“, das sich im Spreekanal im Zentrum Berlins erstrecken soll. Viel Konzeptarbeit wurde geleistet, zahlreiche Veranstaltungen sind dem Projekt gewidmet. Doch es gibt auch Opposition.

Über die Aktivitäten des gemeinnützigen Vereins „Flussbad Berlin“, welche das Projekt vorantreibt, hat German Architects bereits berichtet – 2019 wurde beispielsweise ein Wassergang für die Sache angekündigt. Seither hat sich die Angelegenheit auf die Ebenen der Straße und der Debattierzimmer verlagert. Der Verein kündigt für dieses Jahr diverse Fluss-Läufe an. Und kurz vor Beginn der Badesaison widmet auch die FAZ dem Thema einen ausführlichen Artikel. Er befasst sich mit der Deutungshoheit über den Stadtraum und gibt die aktuelle Gemütslage zum Thema wieder.

Der Wasserfluss im Spreekanal (von rechts nach links) soll eine natürliche Filterungsmöglichkeit bieten. Vor dem neuen Schloss führt eine Freitreppe zum erfrischenden Nass. (Plan: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Die Berliner Stadtregierung hat gemäß FAZ beschlossen, das Pilotprojekt nach den Vorstellungen von Jan und Tim Edler zu realisieren. Nach einer wasserfilternden Biotoplandschaft entlang der Friedrichsgracht soll beim neuen Schloss eine Freitreppe zum Spreekanal hinab führen. Dort und bei der Monbijoubrücke sollen einfache Unterstände und Stege eine bescheidene Infrastruktur bieten und Einstiegshilfen leisten. Ausgedehnte Sonnendecks und ein drohender „Fleischmarkt“ sind in den Darstellungen des Vereins nicht auszumachen.

Doch nicht alle sind von der Idee begeistert. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, fürchtet gemäss FAZ „Vermüllung“ in Museumsnähe: „Hier werden Hunderte nicht nur baden, sondern feiern wollen“, zitiert ihn die Zeitung. Das gefährde die Museumsinsel. Wer baden wolle, solle lieber an den Schlachtensee fahren oder in den Freibädern von Neukölln oder Kreuzberg bleiben.

Weitere Opposition erwächst dem Projekt durch einen offenen Brief „des Berliner Doms“, der im vergangenen März verfasst wurde. Die Unterzeichner*innen, zu denen gemäss FAZ auch Architektin Petra Kahlfeldt gehört, geben zu bedenken, dass der Dom ein „Ort der Besinnung“ sei. Es gehe dort um „Spiritualität, Kunst, Hilfe in Lebensfragen, geistige und geistliche Arbeit“. Mit dem Badeprojekt sei das nicht in Einklang zu bringen. Es sei „unsozial und elitär“, es drohe eine „Event-Landschaft für Auserwählte“. Deshalb wird die Senatsverwaltung aufgefordert, dem Vorhaben ein Ende zu bereiten. Der Brief ist online nicht abrufbar, die Antwort des Vereins hingegen schon.

Letztlich ist die Haltung zur Idee eine gesellschaftliche Frage. Die Allgemeinheit muss entscheiden, was wo ziemlich ist und wie Respekt vor bestimmten Stadtbezirken zum Ausdruck gebracht werden soll. Der Badebetrieb könnte zu einer Belebung der Innenstadt führen und gerade den Menschen, die in der Innenstadt arbeiten oder studieren, eine willkommene, nahe Erfrischungsmöglichkeit bieten. Dass der Spreekanal vergnügungssüchtige Massen anziehen sollte, erscheint eher unwahrscheinlich. Nur schon der Niveauunterschied zwischen dem Wasser und der Straße dürfte für eine „Aussortierung“ der Bedürfnisse der diversen Nutzer*innen sorgen.

Der Querschnitt durch den Schwimmbereich auf Höhe der ESMT und des Auswärtigen Amts erlaubt einen Blick auf Wehranlage und Umkleidezone. (Visualisierung: Flussbad Berlin e.V., realities:united)

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie