Neue Hülle, altes Haus

heilergeiger architekten und stadtplaner BDA
7. Oktober 2020
Die Kita Karoline Goldhofer liegt in der ehemaligen Parkanlage des Stifter-Anwesens (Foto: Nicolas Felder)

heilergeiger architekten und stadtplaner BDA aktivieren ein altes Wohnhaus, um Raum für Kinder und Energie zu gewinnen. Jörg Heiler und Peter Geiger beantworten unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Aufgabe war, das pädagogische Konzept, die Wiederverwendung des Bestands, den erforderlichen Raumgewinn für die Kita und die energetische Sanierung in einer nachhaltigen Architektur zu vereinen.

Wiederverwendung des Gebrauchten – hier das Wohnhaus der Stifterfamilie aus den 1960er-Jahren (Foto: heilergeiger)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die verschiedenen Wege, schon Gebrauchtes wiederzuverwenden und damit kreativ umzugehen, sind Inspiration für das Projekt, aber auch generell für unsere Arbeit. Für die neue Kita Karoline Goldhofer stand das Wohnhaus der Stifterfamilie aus den 1960er-Jahren zur Verfügung und konnte entweder abgebrochen oder umgebaut werden. Für uns war klar, den Bestand des Hauses weiter zu nutzen, da die Wertschätzung des Gebrauchten ein Element der in der Kita angewendeten Reggio-Pädagogik ist (Der erste Kindergarten der Reggio-Pädagogik wurde mit dem Verkaufserlös eines alten Panzers nach dem zweiten Weltkrieg finanziert und im italienischen Reggio Emilia gebaut). In dieser inzwischen weltweit anerkannten Pädagogik ist wichtig, dass nicht gegen die Schwächen, sondern mit den Stärken der Kinder gearbeitet wird. Das hat uns auch inspiriert beim Umgang mit dem Bestand. Seine historischen Schichten und Spuren konnten so erhalten werden und die früheren Außenwände ungedämmt bleiben. Auch das „As-Found“-Prinzip, bei dem es um die Auseinandersetzung mit dem Vorgefundenen der Alltagsarchitektur geht, als architekturtheoretische Position von Alison und Peter Smithson, ist so ein Weg und beeinflusste uns beim Entwerfen.

Eine weitere wichtige Inspirationsquelle für das Projekt waren die kybernetischen, nachhaltigen Energiekonzepte von Günter Pfeifer. Kybernetisch bedeutet dabei das Zusammenspiel von Raum, Konstruktion, Gebrauch und Energie. In der Kita sind die zwischen Bestand und neuer, transluzenter Hülle entstehenden Zwischenräume „Energiegärten” und zugleich Gemeinschaftsbereiche mit flexiblem Gebrauch. Energetische Fragen werden so in das räumliche Entwurfskonzept integriert und gesamtheitlich behandelt. Wir konnten mit unserer Bauherrin, der Alois Goldhofer Stiftung, und Günter Pfeifer auch einige seiner Gebäude besichtigen.

Spielen zwischen den alten Bäumen und auf der großzügigen Wiese (Foto: Nicolas Felder)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die drei Gebäudeteile des alten Wohnhauses wurden erhalten, freigestellt und unter der neuen Hülle eingestellt. Die Aktivierung des Bestands legte Position und Orientierung der Grundstruktur bereits fest. Der Entwurf greift mit der neuen Hülle die Qualitäten der Topographie des Orts auf, durch die ein Geländeversprung gegeben ist und ein Erdgeschoss auf einer oberen und ein Gartengeschoss auf einer unteren Ebene entstehen. Innen wird damit zwischen Bestand und neuer Hülle ein zweigeschossiger Bewegungsraum im tiefer liegenden Gartengeschoss geschaffen, der über eine großzügige Treppe und eine Rutsche vom Erdgeschoss erreicht wird. Mit dem Außenbereich und seinen unterschiedlichen Geländeniveaus ist die Kita über Öffnungen in der Hülle verknüpft sowie über bewusst gesetzte, „gerahmte Blicke“ in den Garten.

Die im Grundriss polygonale Hülle reagiert durch ihre konkaven Bereiche auf die außen stattfindenden Nutzungen wie das Ankommen beim Haupteingang oder das Spielen auf den Terrassen und bildet hier empfangende, bergende Räume. Durch unterschiedliche Gestaltung und Gebrauchsmöglichkeiten nimmt auch der Entwurf der Freianlage von Latz + Partner im bestehenden Park des Stifteranwesens die Qualitäten des Orts, seiner Topographie und Atmosphären auf. Das Konzept der Wiederverwendung des Gebrauchten wird hier fortgesetzt, indem beispielsweise neue Stützmauern mit alten Dachplatten gebaut werden oder die Kinder mit recyceltem Bestandsmaterial in angelegten Feldern experimentieren können.

In einem weiteren Kontext betrachtet, liegt die Kita am Rand von Memmingen in einer typischen Zwischenstadt mit einer Struktur aus Wohnsiedlungen, Landwirtschaft und Gewerbe. Die Firma Goldhofer, deren Stiftung die Bauherrin der Kindertagesstätte ist, produziert hier Spezialtransportfahrzeuge für den Weltmarkt. Mit der Hülle aus recycelbarem Polycarbonat und der roh belassenen, ergänzten Konstruktion wird dieser Kontext in der Architektur der Kita spürbar und so etwas wie eine Werkstattatmosphäre erzeugt, die wiederum der Reggio-Pädagogik entspricht.

Details des Bestands bleiben und das Ergänzte ist roh (Foto: Nicolas Felder)
Möbel vom Schreiner unterstützen den Gebrauch des Alten (Foto: Nicolas Felder)
Das Spielhaus macht das alte Schwimmbad erlebbar (Foto: Nicolas Felder)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die Reggio-Pädagogik wurde von der Alois Goldhofer Stiftung ausgewählt. Qualität in Gestaltung, Konstruktion und Material war der Stiftung ebenso wichtig. Nicht nur, weil dadurch die Investition nachhaltiger wird, sondern vor allem, weil dies gut für die Kinder und die MitarbeiterInnen der Kita ist. Hinzu kommt, dass Wertschätzung bei der Stadt Memmingen, der Nutzerin, ein grundlegendes Element der Kita-Pädagogik ist. Der sorgsame Umgang mit dem Bestehenden und die Bedeutung von Qualität passen hierzu perfekt. Das zeigt sich auch daran, dass die vom Schreiner maßgefertigten Einbaumöbel mit den NutzerInnen und der Bauherrin entwickelt wurden. Für das kybernetische Energiekonzept und dem damit verbundenen Material Polycarbonat war die Aufgeschlossenheit der Bauherrin ein wesentlicher Faktor für das Gelingen des Projekts.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Das Konzept „Erhalten – Freistellen – Umhüllen“ war von Beginn des Entwurfsprozesses an vorhanden, um den Bestand weiter zu nutzen und zu aktivieren. Der Vorentwurf sah allerdings noch eine gekurvte Hülle aus Polycarbonat vor. Sie wurde jedoch recht bald zu einer polygonalen Struktur mit geraden und geknickten Gebäudekanten weiterentwickelt. Das ist materialgerechter, viel einfacher zu bauen, zu fügen und somit auch wirtschaftlicher. Zudem ist die neue Form im Alltag besser für den Gebrauch und die Funktion der Kita.

Die Bestandsfassade umschließt mit der Hülle aus recycelbarem Polycarbonat den hohen Multifunktionsraum (Foto: Nicolas Felder)
Die transluzente Hülle prägt die Atmosphäre in den Raumerweiterungen (Foto: Nicolas Felder)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Vorgefundene Materialien, Konstruktionen und Details so wie sie sind zu belassen und sie direkt dem Neuen, Ergänzten mit seinen rohen, unbehandelten Oberflächen gegenüberzustellen, ist eine Herangehensweise, die wir in der aktuellen, europäischen Architektur beobachten. Nicht alles mit einer perfekten Oberfläche und überall aufwendige Details auszuführen, scheint auch uns ein Weg zu sein für ein einfacheres Bauen. Eine Hierarchie von bewusst Geplantem oder Detailliertem gegenüber dem Zulassen alltäglicher Baupraxis oder von Grob zu Fein bei Material und Konstruktion war allerdings schon vor Jahrzehnten Thema der Smithsons.

Die entscheidende Tendenz, wenn man das so nennen mag, die das Projekt und unsere Arbeit beeinflusst, ist jedoch die Notwendigkeit des ökologischen Wandels und des Klimaschutzes auch beim Bauen für eine nachhaltige Architektur. Durch den weitestgehenden Erhalt des Bestands und damit die Einsparung von „grauer Energie“, sowie einem regenerativen Anteil von 82% bei der Energieerzeugung durch das kybernetische Energiekonzept leistet die Kita hierzu ihren Beitrag. Ihr CO2-Verbrauch mit knapp unter 5 kg/m²a entspricht bereits dem Klimaziel 2050. Mit ihrer Architektur sucht die Kita also nach Antworten auf diese gesellschaftlich relevanten Fragen des Bauens: Wie nutzen wir Bestand und schonen Ressourcen? Wie vermeiden wir CO2 und gewinnen Raum? Wie wird Klimaschutz als räumliche Bereicherung erfahrbar?

Überlagerung von alten und neuen Schichten (Foto: Nicolas Felder)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Sicherlich ist die den Bestand umhüllende Polycarbonatfassade prägend für die Kita Karoline Goldhofer. In Verbindung mit den Speichermassen des Bestands wirkt sie als Kollektor von Licht, Luft und Energie. Die dadurch zwischen Alt und Neu entstandenen Räume haben mit ihrer Ambiguität zwischen Innen und Außen ihre ganz eigene Atmosphäre, Lichtstimmung und ein besonderes, offenes Gebrauchsangebot für die Kinder. Das natürliche Gewinnen von Energie wird zum Teil ihres Kita-Alltags.

Lageplan (Zeichnung: heilergeiger architekten und stadtplaner BDA)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: heilergeiger architekten und stadtplaner BDA)
Längsschnitt (Zeichnung: heilergeiger architekten und stadtplaner BDA)
Kita Karoline Goldhofer
2019
Berwangweg 10
87700 Memmingen
 
Auftragsart
Auftrag nach Mehrfachbeauftragung. Lph 1 – 9 nach HOAI
 
Bauherrschaft
Alois Goldhofer Stiftung, Memmingen
 
Architektur
heilergeiger architekten und stadtplaner BDA
Dr. Jörg Heiler und Peter Geiger PartmbB, Kempten
 
Fachplaner
Landschaftsarchitektur: Latz + Partner Landschaftsarchitektur Stadtplanung Architektur Partnerschaft mbB, Kranzberg
Heizung, Lüftung, Sanitär: Güttinger Ingenieure GbR, Kempten
3D thermodynamische Simulation: Ifes Institut für angewandte Energiesimulation, Köln
Elektroplanung: Kettner & Baur GmbH, Memmingen
Lichtplanung: Generation Licht, Gaienhofen
Tragwerksplanung: IHW Beratende Ingenieure, Kempten
Brandschutzplanung: Anwander GmbH & Co. KG, Sulzberg
 
Ausführende Firmen
Fassadenarbeiten, Schlosserarbeiten, Sonnenschutz: Weber Stahl- und Metallbau, Argenbühl
Baumeister, Erdarbeiten: Kutter GmbH & Co. KG, Memmingen
Einbaumöblierung: Arnulf Gött Schreinerei GmbH und Co. KG, Oy-Mittelberg
Dachabdichtungen: Ballmann Dächer GmbH, Waltenhofen-Hegge
 
Hersteller
Polycarbonatstegplatten: Rodeca GmbH
Modular Skylights: Velux Deutschland GmbH
 
Energiestandard
Energieeffizienzklasse A+ (29,2 kWh/m²a)
 
Bruttogeschossfläche
1.123  m²

Gebäudevolumen
3.907 m³

Gesamtkosten
k.A.
 
Auszeichnungen
Hans Sauer Award 2020 | Preisträger
Geplant + Aausgeführt 2020 | Auszeichnung
Deutscher Nachhaltigkeitspreis DGNB 2020 | Shortlist
Velux Architekten-Wettbewerb 2020 | Shortlist
DAM Preis 2021 | Shortlist
 
Fotos
Nicolas Felder, Wiggensbach

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