Sichtbeton gewünscht

Drei Architekten
24. Januar 2024
Die Sichtbetonfassade nimmt eines der bestimmenden Fassadenmaterialien des Bestandsbaus auf, die dort ruppigere Brettschalung wird durch eine Schalungstafel mit feinerer Holzstruktur neu interpretiert. (Foto: Zooey Braun)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Wir akquirieren unsere Aufträge fast ausschließlich über Wettbewerbe, VgV-Verfahren oder Mehrfachbeauftragungen. Umso mehr haben wir uns darüber gefreut, dass der Steinbeis-Verbund für die Planung seiner neuen Zentrale in Stuttgart-Plieningen direkt auf uns zu kam. Eines unserer Projekte aus dem Jahr 2000, das SIMT – Stuttgart Institute of Management and Technology war zuvor vom Steinbeis-Verbund gekauft worden und hatte sich im Alltag bewährt. Zudem hatten wir hier das Glück, bereits bei der Erstellung des Raumbedarfs und der Diskussion der Projektziele sehr eng mit involviert zu sein und das Projekt von Beginn an gemeinsam mit dem Steinbeis-Verbund entwickeln zu können. 

In den Obergeschossen wird die Fassade durch großzügige Fensterelemente in nur einer Größe rhythmisiert, während im Erdgeschoss bodentiefe Fassadenbänder auf die hier anzutreffenden Sondernutzungen reagieren. (Foto: Zooey Braun)
Foto: Zooey Braun
Im bereits 2000 fertiggestelltes Gebäude (damals SIMT, jetzt SHMT) befinden sich Büro- und Seminarräume. Auf der direkt anschließenden dreieckigen Grundstücksfläche entstand der neue Hauptsitz des Steinbeis-Verbunds. (Foto: Zooey Braun)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das dreieckige Baufeld wird vom Bestandsgebäude, den Stellplätzen parallel zur Adornostraße und der schräg dazu verlaufenden Grenze zur benachbarten Universität Hohenheim, begrenzt. 

Der Neubau mit seiner unregelmäßigen Grundfläche nutzt das zur Verfügung stehende Baufeld maximal aus. Die Eingangsseite zur Adornostraße bezieht sich auf die Gebäudevorderkante des benachbarten Bestandsgebäudes. Das Erdgeschoss springt zum Schutz der Quellfassung deutlich zurück. Die dadurch entstehende stützenfreie Auskragung der Obergeschosse schützt den Haupteingang und die hier angeordnete Außenterrasse. 

Die unmittelbare lockere Umgebungsbebauung aus größeren Gebäuden der Universität Höhenheim und freistehenden Mehrfamilienhäusern hat den Entwurf nicht wesentlich beeinflusst. Vielmehr wurde der Neubau als Dialog mit dem Bestandsbau aus dem Jahr 2000 aufgefasst. Als Hauptmaterial innen und außen wurde der Sichtbeton als Thema weitergeführt und in der inneren Organisation die Idee der zentralen Halle als Haupterschließung wieder aufgenommen.

Sichtbeton bildet auch im Innenraum das Leitmaterial und findet sich an den Innenseiten der Außenwände sowie an den weitgehend unverkleideten Geschossdecken wieder. (Foto: Zooey Braun)
Die eingestellten Wendeltreppe dient als vertikale Haupterschließung des Hauses. (Foto: Zooey Braun)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Das Steinbeis-Haus Stuttgart sollte als einladender Ort der Vernetzung und Begegnung für alle Unternehmen des Steinbeis-Verbunds zur Verfügung stehen und zugleich die bisher in verschiedenen innerstädtischen Gebäuden verteilten zentralen Dienste in flexiblen Open Spaces zusammenführen. Der Entwurf setzt diese Gegensätze zwischen Offenheit und interner Verwaltung auf einfache Weise um: Im Erdgeschoss finden sich eine multifunktionale Foyerfläche und ein Konferenzbereich, während die beiden Obergeschosse in vier übersichtliche Open Spaces organisiert wurde. Unterteilt werden die Obergeschosse durch das unregelmäßige Atrium, das Licht in die Tiefe des Gebäudes bringt und mit seiner skulpturalen Wendeltreppe alle Bereiche des Gebäudes miteinander verbindet. 

Sehr herausfordernd war die unterirdische Quellfassung unmittelbar vor dem Neubau, die die Teiche des benachbarten Botanischen Gartens der Universität Hohenheim speist und die nicht angefasst werden durfte. Die jeweiligen Rücksprünge des Erdgeschosses und des Untergeschosses stellten große konzeptionelle und statische Herausforderungen dar, die aber letztendlich den Charakter und die Individualität des Gebäudes stark mitgeprägt haben. 

Durch die verglasten Innenfassaden zum zentralen Atrium entstanden transparente und übersichtliche Büroflächen. (Foto: Zooey Braun)
Die Oberflächen bilden einen ruhigen Hintergrund für die Farbigkeit der abgehängten Akustikelemente und der Möblierung der offenen Besprechungszonen. (Foto: Zooey Braun)
Die Rohdecken in den Obergeschossen sind mit regelmäßig eingelegten Schallabsorbern ausgestattet. In den Besprechungszonen wurden zusätzliche Akustikelemente abgehängt. (Foto: Zooey Braun)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die gemeinsame Entwicklung des Programms und der Projektziele vor Planungsstart mit den Steinbeis-Verbund, klare gestalterische Vorstellungen und sehr intensive Abstimmungen in den frühen Leistungsphasen führten zu einem sehr belastbaren Stand am Ende der Entwurfsphase. Im weiteren Planungsverlauf kam es natürlich immer wieder zu kleineren Anpassungen und Weiterentwicklungen, aber zu keinen nennenswerten Änderungen. Im Großen und Ganzen konnte das Gebäude 1:1 umgesetzt – ohne wesentliche Abstriche in Gestaltung und Qualitäten. 

Über die großzügigen Fensterelemente entstanden gut belichtete Kommunikations- und Rückzugsorte. (Foto: Zooey Braun)
Unterschiedlich große Besprechungsboxen sind auf den Geschossen verteilt und bieten ergänzende Arbeitsbereiche (Foto: Zooey Braun)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Der Steinbeis-Verbund hatte hohe Anforderungen an Materialien und Qualitäten. Die Verwendung von Sichtbeton war ausdrücklicher Wunsch der Bauherrschaft, und wir Planer schätzen das Material nach wie vor wegen seiner Langlebigkeit und Robustheit. Der Einsatz erfolgte als Fassadenmaterial und im Innenbereich, die Oberflächen wurde sehr sorgfältig geplant und ausgeführt, mit einer Hydrophobierung geschützt und somit über viele Jahre ohne Überarbeitung überdauern. 

Auch der Verzicht auf flächendeckende Abhangdecken und hohe Räume war ein Projektziel der Bauherrschaft, das uns sehr entgegen kam. So konnten die klimatischen Vorteile einer trägen Rohdecke voll ausgenutzt werden, und eine integrierte Bauteilaktivierung wurde so zu einem effektiven Baustein eines Low-Tech-Energiekonzepts. 

Der Sichtbeton wurde mit wenigen Materialien zu einem zurückhaltenden Farb- und Materialkonzept ergänzt: europäische Eiche für großflächige Akustikverkleidungen der Wände und für die Innenseiten der Fensterelemente, robuster heller Terrazzo im Erdgeschoss sowie neutrale Teppichbeläge in den Bürobereichen. Die Oberflächen des Gebäudes bildet damit einen ruhigen Hintergrund für die Farbigkeit der abgehängten Akustikelemente und der Möblierung, die sich im Lauf der Zeit auch ohne Weiteres ändern darf. 

Lageplan (Zeichnung: Drei Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Drei Architekten)
Grundriss 2. Obergeschoss (Zeichnung: Drei Architekten)
Schnitt (Zeichnung: Drei Architekten)
Steinbeis-Haus Stuttgart-Hohenheim
2022
Adornostraße 8
70599 Stuttgart
 
Nutzung
Bürobau
 
Auftragsart
Direktbeauftragung
 
Bauherrschaft
Steinbeis Property Management GmbH, Stuttgart
 
Architektur
Drei Architekten – Konsek Streule Vogel Partnerschaft mbB, Stuttgart 
Team:  Christian Vogel (verantwortlicher Partner), Eva Berlin (Projektleitung LPH 1-2), Martina Dietrich (Projektleitung LPH 3-9), Elena Oberdörfer, Laura Schuberth, Elisa Baumgarten
 
Fachplaner
Freianlagen: Glück Landschaftarchitektur GmbH, Stuttgart
Tragwerksplanung: Rehle Ingenieure GmbH, Stuttgart
HLS-Planung + Thermische Bauphysik: Pfeil & Koch Ingenieurgesellschaft GmbH & Co. KG, Stuttgart
Elektroplanung: GBI Gesellschaft Beratender Ingenieure mbH, Stuttgart
Schallschutz + Raumakustik: RW Bauphysik Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG, Schwäbisch Hall
Brandschutz: Oehmke + Herbert Planungsgesellschaft im Bauwesen mbH, Nürnberg
Geologie: Smoltczyk & Partner GmbH, Stuttgart
Lose Möblierung: Studio HANS
 
Bauleitung
SIIN GmbH

Ausführende Firmen
Baugrube: Kurt Motz, Illertissen
Rohbau: Leonhard Weiss GmbH & Co. KG, Göppingen
Verglasung: Epplerfenster GmbH & Co. KG, Meßstetten
Stahltüren und TG-Tor: Ullrich & Schön GmbH, Fellbach-Schmiden
Stahl-Glas-Elemente: Georg Diezinger GmbH, Leutershausen
Fliesen: von Au - Gehrung Fliesen GmbH, Nürtingen
Trockenbau: Ullrich & Schön GmbH, Fellbach-Schmiden
Schlosser: Ernst Pfeffer Metalltechnik, Eutingen im Gäu
Wendeltreppe: Illshofer Treppenbau Gebr. Abel GmbH, Ilshofen
Hohlraumboden: GMi Bodensysteme, Niedernberg
Bodenbelag: Fussboden Haag GmbH, Fellbach
Betonwerkstein: Terrazzo, Estrich: R. Bayer Betonsteinwerk GmbH, Blaubeuren
Dachabdichtung: W. Müller GmbH & Co. KG Bedachungen, Weinstadt-Endersbach
Gerüst: Karl Sikler & Sohn GmbH & Co. KG, Stuttgart
Aufzug: Kone GmbH, Ludwigsburg
Parksystem: KLAUS Multiparking GmbH, Aitrach
Sanitär: Karl Scharpf GmbH & Co. KG, Esslingen
Heizung & Lüftung: Wölpper GmbH, Kirchheim
Elektro: Speidel GmbH, Göppingen
MSR: GFR Gesellschaft für Regelungstechnik und Energieeinsparung mbH, Ismaning
Feuerlöschanlage: Nohl Brandschutz GmbH, Sindelfingen
Schreiner: K. Westermann GmbH + Co. KG, Denkendorf
Vorhänge Fassade: BauerHeilig GmbH, Filderstadt-Harthausen
Akustiksegel: GFAG – Gesellschaft für Akustik und Gestaltung mbH, Bietigheim-Bissingen
Beklebung Signalethik: Handel Werbetechnik, Metzingen
Außenanlagen: Seidenspinner Garten- und Landschaftsbau GmbH, Stuttgart
 
Hersteller
Oberlichter / Lichtkuppeln: Lamilux Heinrich Strunz Holding GmbH & Co. KG, Rehau
dezentrale Lüftungsgeräte: Trox GmbH, Ismaning
Alu-PR-Fassade (EG): Raico Bautechnik GmbH, Pfaffenhausen
Holzfenster (OG): Gutmann Bausysteme GmbH, Weißenburg
Sonnenschutz (OG): Roma KG, Burgau
Sonnenschutz (EG): Warema Renkhoff SE, Marktheidenfeld
Atriumverglasung: Forster Profilsysteme GmbH, Arbon
Teppich: Interface Deutschland GmbH, Krefeld
Vorhänge Fassade: Création Baumann GmbH, Dietzenbach
Innentüren: Schörghuber Spezialtüren KG, Ampfing
Holz-Akustik-Paneele: akustik plus Behringen GmbH & Co. KG, Hörselberg-Hainich
Leuchten Atrium: Sattler GmbH, Göppingen
Leuchten allgemein: Lenneper GmbH & Co. KG, Gummersbach
 
Bruttogeschossfläche
3.400 m²
 
Gebäudevolumen
14.200 m³

Gesamtkosten
k.A.
 
Auszeichnungen
Best Workspaces 2023 – Auszeichnung
German Design Award 2024 –Winner
 
Fotos
Zooey Braun, Stuttgart

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Robert Meyer und Tobias Karlhuber Architekten

Wohnbebauung in Bad Tölz

Andere Artikel in dieser Kategorie