Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude „Haus der Zukunft / Futurium“ in Berlin von Richter Musikowski

Schmetterlingswolke

 Thomas Geuder
3. April 2018
Das Futurium ist ein Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude im Herzen von Berlin – eingebettet zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, Spreebogen und Humboldthafen, Hauptbahnhof und Gelände der Charité. (Bild: Richter Musikowski)
Inmitten typischer Berliner Schmalfenster-Fassaden haben die Architekten von Richter Musikowski ein Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude errichtet, das mit dieser Monotonie bricht und zugleich städtebauliche Qualitäten schafft.
Projekt: Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude „Haus der Zukunft / Futurium“ (Berlin, DE) | Architektur: Richter Musikowski (Berlin, DE) | Bauherr: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Berlin, DE), Partner: Bundesministerium für Bildung und Forschung (Berlin, DE) | Hersteller: Saint-Gobain Building Glass Europe (Stolberg, DE), Kompetenz: Fassadengläser | weitere Projektdaten siehe unten
Rund um den Berliner Humboldthafen entstehen gegenüber des Spreebogenparks seit einigen Jahren zahlreiche Gebäude, die die Freiflächen mit Leben zu füllen suchen, etwa das Hotel Steigenberger am Kanzleramt von O&O Baukunst oder das HumboldtHafenEins von KSP Jürgen Engel Architekten, um nur zwei zu nennen. Im Dreieck zwischen jenem HumboldtHafenEins, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Bahngleisen haben nun die Architekten von Richter Musikowski (Berlin) das „Haus der Zukunft / Futurium“ errichtet, das bereits durch seine Gestaltung zeigen will, was in ihm steckt. Die Gebäudekubatur ist eine eigenständige, skulpturale Form, die zwar weitestgehend durch die Anordnung der umgebenden Bauten bestimmt wird, die durch ein Zurücksetzen aber auch zwei öffentliche Plätze schafft. An diesem Ort mit direktem Bezug zur Spree ist das eine gute Entscheidung, die die ansonsten eher monotonen Fassadenfluchten entlang der Straße Kapelle-Ufer geschickt aufbricht. An der Straße Alexanderufer faltet sich der Baukörper schmetterlingsartig auf, wodurch bauliche Hochpunkte entstehen, was die visuelle Prägnanz des Futuriums zwischen Spree und Hochbahn noch verstärkt. Die beiden Haupteingänge an den beiden Vorplätzen werden durch weite Auskragungen (rund 18 Meter) zusätzlich markiert, wodurch hier jeweils auch ein geschützter Bereich entsteht.
Zwei große, bis zu 18 m weite Auskragungen überspannen und definieren zwei Vorplätze, an denen sich auch die Haupteingänge befinden. (Bild: Richter Musikowski)
Auffällig ist neben der Gebäudekubatur vor allem die Fassade des Neubaus: Sie besteht aus einer rund 4.000 m² großen, hinterlüfteten und diagonal eingebrachten Kassettenschicht, die einen bewussten Kontrapunkt zur stark von der Orthogonalität geprägten baulichen Umgebung herstellt. Insgesamt etwa 8.000 70x70 cm große Elemente (Saint-Gobain) bilden eine Art Schleier, der die Fassade mit Lebendigkeit versieht. Drei Viertel der Elemente bestehen aus 12 cm tiefen, unterschiedlich gefalteten Metallreflektoren, die außen mit keramisch bedrucktem, 6 mm starkem Gussglas versehen sind. „Das Gussglas ermöglicht ein vielfältiges Lichtspiel. Im Gegensatz zu transparentem Glas streut und moduliert es das Licht mit den Umgebungsreflektionen“, erklärt der Architekt Christoph Richter. „Für uns ist das ein wichtiger gestalterischer Effekt.“ So entsteht ein sich mit der Tages- und Jahreszeit immer wieder veränderndes Erscheinungsbild. Die weiße Bedruckung wurde dabei changierend über die langen Fassaden verteilt (Bedruckungsanteil 1/4, 1/2, 3/4 und 4/4, dem Knick des Metalls folgend), wodurch eine wolkenartige Wirkung entsteht. Je nach Innenraum wurden auch komplett „durchlässige“ Gläser eingesetzt, um einen stärkeren Lichteinfall zu erhalten. Die 28 m breiten und 8 bzw. 11 m hohen Pfosten-Riegel-Fassaden an den auskragenden Schauseiten – von denen aus man einen wunderbaren Ausblick in die Umgebung hat – sind komplett an darüber liegenden Hohlkastenträgern abgehängt und mit einer Wärmeschutzverglasung versehen. Für den Sonnenschutz sorgt die graue Tönung der Gläser, wodurch auf einen außenliegenden Sonnenschutz verzichtet werden konnte.
Die 70x70 cm großen Elemente sind diagonal angebracht und erzeugen auf der Fassade eine wolkenartige Schattierung. (Bild: Richter Musikowski)
Das Innere des Gebäudes besteht im Prinzip aus drei Bereichen: Im Erdgeschoss gelangt man ins großzügig gestaltete Foyer mit Restaurant, Shop und verschieden konfigurierbaren Veranstaltungsräumen. Das Untergeschoss ist für das 600 m² große und 6 m hohe „Futurium Lab“ reserviert, dessen Atmosphäre durch die dunkel eingefärbten Sichtbetonoberflächen, schwarze Gussasphaltplatten sowie ein Deckenraster aus 126 Leuchtschirmen bestimmt ist. Herzstück des Futuriums ist der 3.000 m² große Ausstellungsbereich im Obergeschoss, der zukünftig in drei große Denkräume gegliedert sein wird, die sich mit unserem künftigen Verhältnis zur Technik, zur Natur und zu uns selbst beschäftigen. Das gesamte Gebäude, das in der Nachhaltigkeitsbewertung den Status BNB-Gold erreicht, ist als Niedrigstenergiegebäude konzipiert. Teil dessen ist ein Hybrid-Energiespeicher, der durch eine patentierte Makroverkapselung das latente Phasenwechselmaterial Paraffin mit dem sensiblen Speichermedium Wasser vereint und so die achtfache Kapazität herkömmlicher Wasserspeicher erreicht. Photovoltaik und Solarthermie auf dem Dach sorgen für die Energiegewinnung. Das Wasser des als Schale geformten Dachs wird in einer Zisterne gesammelt und für die Gebäudekühlung sowie die Bewässerung der Grünanlage genutzt. Hier oben auf dem Dach befindet sich schließlich der öffentlich zugängliche „Skywalk“, der für die Besucher des Hauses einen exponierten Blick auf den Berliner Stadthorizont von der Reichstagskuppel bis zum Fernsehturm, im Süden das Bundeskanzleramt und den Spreebogen und im Norden auf das Charitégelände und den Berliner Hauptbahnhof bereithält.
Auch auf der Unterseite der Auskragungen sind die Fassadenelemente angebracht. (Bild: Arup/Rossmann / Saint-Gobain Glass)
Mit seiner Fassade und Form durchbricht das Futurium die hier vorherrschende Gestaltungsmonotonie. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Schwarzplan und Lageplan (Quelle: Richter Musikowski)
Grundriss Obergeschoss (Quelle: Richter Musikowski)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Richter Musikowski)
Grundriss Untergeschoss (Quelle: Richter Musikowski)
Ansicht West (Quelle: Richter Musikowski)
Die 70x70 cm großen Elemente bestehen aus unterschiedlich gefalteten Metallreflektoren mit einem äußeren, 6 mm starken Gussglas. (Bild: Arup/Rossmann / Saint-Gobain Glass)
Im Untergeschoss im „Futurium Lab“ können die Besucher selbst erleben können, wie spannend Zukunftsforschung sein kann. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Das Foyer ist hell gestaltet und leitet über eine zentrale Treppe ins Obergeschoss. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Überall im Innenraum ist die diagonale Rasterung der Fassade spürbar. Im Bild: der große Veranstaltungsraum im Erdgeschoss. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Die schmetterlingsartige Dachform zeichnet sich auch im großen Ausstellungsraum im Obergeschoss ab. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Einen herrlichen Blick über den Spreebogenpark mit den Regierungsgebäuden hat man vom Obergeschoss aus. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Der öffentlich zugängliche Skywalk auf dem Dach ist sowohl zu Fuß als auch mit dem Aufzug erreichbar und läuft einmal komplett um das gesamte Dach. (Bild: Schnepp Renou / Richter Musikowski)
Projekt
Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude „Haus der Zukunft / Futurium“
Berlin, DE

Architektur
Richter Musikowski
Berlin, DE

Bauherr
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
Berlin, DE

Partner
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Berlin, DE

Hersteller
Saint-Gobain Building Glass Europe
Stolberg, DE

Kompetenz
Fassadengläser SGG Decorglass SR Listral L, Vario DZ Climatop XN II, Vario DZ Climatop One II, SGG Planiclear

Fassadenberatung
ARUP Deutschland
Berlin, DE

Fassadenausführung Vorhangfassade
AL PROMT Metallbau
Constanta, RO

Ferrolight SG
Kevelaer, DE

Fassaenausführung Panoramafassade
Metallbau Windeck
Kloster Lehnin-Rietz, DE

Glasverarbeitung
Glas Expert SRL
Bukarest, RO

Flachglaswerk Radeburg
Radeburg, DE

Freianlagen
JUCA architektur + landschaftsarchitektur
Berlin, DE

Tragwerk
Schüßler-Plan Ingenieursgesellschaft mbH
Berlin, DE

Haustechnik HLS
GM Planen + Beraten GmbH
Griesheim, DE

IBS-Net Ingenieure
Köln, DE

Ingenieurgesellschaft Grabe
Hannover, DE

Bauphysik/Nachhaltigkeit
WSGreen Technologies GmbH
Stuttgart, DE

Müller BBM GmbH
Berlin, DE

Lichtplanung
Realities United
Berlin, DE

BGF
14.007 m²

BRI
89.311 m³

Primärenergiebedarf
16,8 KWh/m²a nach EnEV (Niedrigstenergiegebäude)

Fertigstellung
2017

Fotografie
Richter Musikowski
Schnepp Renou
Arup/Rossmann / Saint-Gobain Glass
Über das Projekt wurde bereits im Bau der Woche berichtet: Museum für die Zukunft
sowie in den Meldungen: Der Zukunft zugewandt.
Projektvorschläge
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