Längst möglich: lasttragend mit Strohballen bauen

Leonhard Fromm
21. September 2022
Rund 60 Häuser hat Virko Kade mittlerweile in Österreich mit Strohballen gebaut. (Foto: Kade) 

Gut 100 Gebäude aus Stroh haben allein die Referenten bei den 1. Bayreuther Strohballen-Bautagen seit 1995 bereits errichtet. Mehr als 100 Fachleute aus Architektur und Energieberatung, aber auch Prüf-Ingenieure und Baustofflieferanten haben die zweitägige Fachtagung Mitte September an der Universität besucht. Bis aus den Niederlanden und Italien waren Teilnehmer angereist, um dem Biobaustoff mit den CO2-Bestwerten zu mehr Verwendung im Bauwesen zu verhelfen.

Christopher Taube, Bau-Ingenieur an der Bauhaus-Universität in Weimar, forscht seit Jahren über die Belastbarkeit und Tragfähigkeit von lasttragenden Strohballen im Hochbau. Sein Ziel: Standards für die Normierung zu definieren, die die Einzelfallprüfung von Genehmigungsverfahren bei Oberen und Unteren Baubehörden ersetzen und allen Beteiligten Rechts- und Kostensicherheit ermöglichen. In Bayreuth gab der Forscher, der aus dem Betonbau kommt und dessen Prüfkriterien nun auf den Strohballenbau überträgt, Einblick in seine Arbeit. 
Dafür hat er sich einen Prüfstand bauen lassen, auf dem sowohl von oben wie auch von der Seite massive Kräfte hydraulisch einwirken. „Wir untersuchen, wie und wo sich die Ballen deformieren, wenn kurz- oder langfristig Druck auf sie ausgeübt wird,“ so Taube. Dies geschehe mit und ohne begrenzende Holzkonstruktionen. Ziel seien mathematische Formeln, um mit den unterschiedlichsten Parametern Entwürfe simulieren zu können.

Wohnüberbauung von Atelier Schmidt in Nänikon, Schweiz (Foto: Beat Brechbuehl)
Die Holzmodule wurden in Werkhallen mit Stroh verfüllt. (Foto: Damian Poffet)

Erfahrungswerte liegen beispielsweise vom Schweizer Architekt Werner Schmidt vor, der seit 1995 mehr als 40 Objekte mit Stroh gebaut hat, darunter ein Einzelhandelsgebäude bei Ulm und zuletzt 28 Wohneinheiten nahe Zürich für eine Investorin. „Bei einem vierstöckigen Gebäude hat sich das EG unter der Gesamtlast um 30 cm gesenkt, das 1. OG um 25 cm und das 2. OG um 20 cm“, so Schmidt. Er berichtet auch von einem seiner Strohhäuser, das in den Alpen auf 1200 Metern Höhe einen Lawinenabgang nahezu unbeschadet überstanden habe.

Forscher Taube attestiert den Ballen, die üblicherweise mit Spanngurten im Abstand von einem Meter je Etage niedergezurrt werden, eine Traglast von vier Tonnen je Quadratmeter. Sein Credo: „Die Tragfähigkeit ist überhaupt nicht begrenzt, nur muss man die Verdichtung in der Planung berücksichtigen.“ Einig sind sich die referierenden Experten, darunter Virko Kade aus Österreich, der mehr als 60 Gebäude seit 1998 aus Stroh errichtet hat, davon mindestens ein Viertel lasttragend, dass die Senkung nach rund zehn Tagen abgeschlossen ist.

Die Strohballenbauer bestätigen, was Taube wissenschaftlich erforscht: Je höher die Lasten, desto wichtiger werden Details wie Dichte des Ballens, Stärke der einzelnen Halme und deren Ausrichtung. Kade: „Lange Halme sind gut für die Verbindung innerhalb des Ballens, aber die kürzeren, hölzrigen sind besser belastbar.“ Üblich sind Ballen mit 140 bis 200 Kilo Gewicht je Kubikmeter. Entsprechend wichtig wird, mit welchem Mähdrescher und dessen Einstellung sowie welcher Geschwindigkeit der Landwirt bei welcher Witterung über die Felder fährt.

Denn auch das geben Fachleute wie Florian Hoppe, der in Weimar mit zwei Partnerinnen ein Architekturbüro betreibt, eng mit der Bauhaus-Universität Weimar kooperiert und jüngst den Deutschen Fachverband Strohballenbau (FASBA) gegründet hat, zu bedenken: „Je mehr Unkraut zwischen dem Getreide wächst, desto mehr Feuchte beinhalten die Ballen.“ Der FASBA e.V. strebt bis 2024 die Normierung seiner Bauweise an, sodass aufwändige Einzelfallgenehmigungen entfallen würden.

Florian Hoppe diskutiert mit den Teilnehmern baurechtliche Aspekte des Bauens mit Stroh. (Foto: PR)

Deshalb muss auch gesagt werden: Sämtliche Belastungstests an der Hochschule Weimar befassen sich mit Ballen aus Weizenstroh. Bei Gerste, Roggen oder Dinkel kommt es schon wieder zu Abweichungen. Deshalb warnt mancher Experte in der Zuhörerschaft vor zu viel Regulierung, die die Genehmigungen behindern könne, „weil die Baubehörde oder der Gutachter dann jede Planung auf die Goldwaage legt.“ Stroh-Stararchitekt Schmidt stimmt dem zu. Er habe sich nur entfalten können, weil die Schweiz ein liberales Baurecht hat. Der Graubündener: „Bei uns gehen die Behörden vom mündigen Bauherren aus, der weiß, was er tut.“

Und während der Strohballenbau in Deutschland erst am Anfang steht – wobei etliche potentielle Bauherren aus der gesamten Republik in Bayreuth im Publikum sitzen und die FAZ bereits 2008 über ein Strohhaus in Trier berichtet hatte – ist Kade, der aus Norddeutschland stammt aber seit 20 Jahren in Österreich lebt, schon einige Schritte weiter: Mit 75 Metern Länge, 1,2 Metern Breite und fünf Metern Höhe hat er 2021 bei Salzburg die bislang größte, lasttragende Strohwand errichtet, die nur von vertikalen Spannguten in je einem Meter Abstand gehalten wird, um die massive Windlast der Herbststürme abzutragen. „Der Bauherr, ein Landwirt, hat nicht verkaufsfähige, weil angegraute Strohballen verwandt und verzichtet sogar auf Lehm- oder Kalkputz zum Schutz gegen Schlagregen,“ so Kade. Zwar handelt es sich nur um eine Maschinenhalle, in der der 51-Jährige auch fünftägige Workshops zum Bauen mit Strohballen abhält, doch sammelt die gesamte Branche dadurch Erfahrung und bekommt Argumentationshilfen für Genehmigungsverfahren bei den Baubehörden. 2023 finden die Strohballen-Bautage wieder statt. Dann am 12./13. September an der Uni Weimar.

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