Siemensstadt 2.0

O&O Baukunst
3. Juni 2020
Vogelperspektive von Nordosten (Foto © Siemens AG)

O&O Baukunst mit capattistaubach Landschaftsarchitekten und BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung gewinnen den städtebaulichen Wettbewerb um die Siemensstadt 2.0 in Berlin. Markus Penell von O&O Baukunst und Tancredi Capatti von capattistaubach Landschaftsarchitekten stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Dem Gründungskonzept entsprechend soll auf einem Areal mit circa 70 Hektaren die Berliner Siemensstadt als Innovationscampus mit vereintem Arbeiten, Forschen und Wohnen fortgeschrieben werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

MP: Das Areal ist geprägt von Funktionsbauten aus der Geschichte und Gegenwart der Industriekultur vor Ort. Die Industrie- und Firmengeschichte von Siemens wird bilderbuchartig vor Augen geführt. Herausragend ist das sogenannte Schaltwerkhochhaus von Hans Hertlein, dem ersten mehrgeschossigen Fabrikgebäude in Europa. Es ist ein 45 Meter hohes und 175 Meter langes Scheibenhochhaus, eine Großform. Es finden sich aber aus allen Epochen der Siemensgeschichte Bauwerke, das Verwaltungsgebäude von Karl Janisch, die großflächigen Schaltwerkhallen, eine kleinere Bogenhalle und natürlich auch einfachere, profane Industriehallen der Gegenwart.

TC: Die klar ablesbaren Industriebauten stehen diametral zu den fragmentierten Freianlagen. Industriebetriebe wachsen überwiegend situativ, nach Bedarf und zweckorientiert. Sie folgen der Logik der Produktion und nicht der Stadt, zumeist ohne Masterplan. Das Ergebnis ist eine Ansammlung von Solitären, die ausschließlich Resträume generieren. 

Bestand Wettbewerbsareal und Siemensstadt (Foto © Siemens AG)
Welche Vorstellung von Stadt, Arbeiten und Wohnen liegt Ihrem Entwurf zugrunde?

TC: Anders als Tegel, das künftig als Produktionsstandort entwickelt werden soll, oder Adlershof, das in ein Forschungsquartier transformiert wurde, ist in der Siemensstadt bereits alles da. Sie basiert jedoch auf Großstrukturen, die räumlich nicht mehr wachsen können. Um sich zu erneuern, muss die Siemensstadt neu gedacht werden. Ein dichter, vernetzter und vielseitiger Campus, keine Enklave, vielmehr ein offener und pulsierender Ortsteil. 

MP: Mit den teilweise weiterhin arbeitenden Produktionsstandorten der Siemens Energy werden hohe Anforderungen an die Mischung gestellt. Das Schutzbedürfniss hinsichtlich Schall aus der Produktion und auch aus dem Verkehr, denken Sie an die reaktivierte S-Bahn-Strecke, führt zu geschützten Nestbildungen im Inneren der Quartiere für das Wohnen am Ort. Das heißt die Mitte der neuen Siemensstadt ist geprägt von Wohnen, hier sind Menschen zu Hause. Das ist gut und erzeugt auch ein anderes Verantwortungsgerüst für die öffentlichen Räume. Entsprechend wichtig ist damit die Ausbildung des Erdgeschosses als Stadtgeschoss. Die Hoffnung liegt in der Mischung und soll dazu führen, dass sich jenes Unerwartbare entwickelt, das wir an der Stadt so schätzen

Atmosphärische Darstellung (Visualisierung © O&O Baukunst)
Welche Besonderheiten waren Ihnen wichtig beim Umgang mit Erschließung, Freiräumen und der Wichtungen von Nutzungen und Bebauung?

MP: Mich beschäftigt die Frage, welche Fähigkeiten hat - frei nach dem Titel Siemensstadt 2.0 - eine Europäische Stadt 2.0. Welche Resilienzen, welche Möglichkeiten kann man aus einem ohnehin hochbewährten Stadtmodell noch herauspressen. Tatsächlich stellen sich neue Anforderungen, denen wir im Entwurf wortwörtlich Raum gegeben haben. Aus Straßen werden Räume, aus einer Stadt der Gegenwart eine zukunftsfähige Stadt, die sich verändern darf.

TC: Genau, das Konzept der Siemensstadt basiert nicht auf Straßen, als vielmehr einer Abfolge von Freiräumen, die Anforderungen der Mikro- und Makro-Mobilität miteinander verweben. Die Siemensstadt folgt dem Rhythmus von Fußgängern und Fahrradfahrern. Die Geschwindigkeit der Menschen ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal des Stadtteils.

Lageplan (Zeichnung © O&O Baukunst / Capatti Staubach)
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?

MP: Die Qualitäten spielen sich aus unterschiedlichen Themen und Bereichen zusammen. Ich hoffe natürlich auf einen sehr vitalen Schmelztiegel unterschiedlicher Welten, Arbeitswelten, Wohnwelten, Bildungswelten mit der Schule, dem Bildungszentrum, Gastronomien, Bewegungswelten mit Fahrrädern, Rikschas, Shuttles, S-Bahn mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Sport und allem was die öffentlichen Bereiche animiert und belebt. Die Siemensstadt 2.0 soll eine lebendige, eine inspirierende Welt sein. Natürlich gehören dazu auch ökologische und auch ökonomische Qualitäten.

TC: Je dichter das Quartier desto effizienter muss es werden. Die Freiräume sind keine isolierten Episoden, sondern bilden vernetzte Naturkorridore, die sich gegenseitig stärken und Naturphänomene, Wind, Niederschlagswasser, Verschattung und so weiter kanalisieren. Eine intelligente Steuerung der Ressourcen sorgt für Komfort, Resilienz und Nachhaltigkeit und auch ein angenehmes Mikroklima für das Quartier entsteht.

Atmosphärische Darstellung (Visualisierung © O&O Baukunst)
Mit 600 Millionen Euro geplanter Investitionssumme ist das Stadtentwicklungsprojekt Siemensstadt 2.0 über Berlin hinaus heiß diskutiert – wie wurde Ihr Wettbewerbsgewinn aufgenommen und welche Formen von Bürgerdialog sind vorgesehen?

MP: Der Entwurf hat im Preisgericht einen breiten Konsens genossen, wurde von einer hochkarätigen Jury einstimmig als erster Preis nominiert. Der Eigentümer Siemens, die politischen Entscheidungsträger der Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung, für Kultur und für Wissenschaften sowie der Bezirk Spandau als auch die Denkmalpflege stehen hinter dem Projekt. Es gibt einige Überarbeitungshinweise aus dem Preisgericht. Aber der Rückhalt ist da.

Siemens hat eine sehr schöne und anspruchsvolle Ausstellung vorbereitet, die nur für kurze Zeit physisch besucht werden konnte...vor Corona. Ein erster Bürgerdialog musste abgesagt werden. Die Ausstellung kann man jetzt aber online besuchen und es ist auch angedacht den Bürgerdialog digital durchzuführen, Meinungen kann man bereits äußern.

TC: Siemensstadt liegt in Spandau, gehört zu Berlin und ist weltbekannt. Siebzig Hektar zu gestalten, kann nur das Ergebnis von Dialogen und Bündnissen sein. Die Fläche ist schlicht zu groß für einen einzigen Akteur. Gefragt sind strategische Partner, die sich gegenseitig inspirieren und befruchten, um das Areal zu entwickeln und die wichtige Durchmischung zu ermöglichen. 

Für wann ist der anschließende, hochbauliche Wettbewerb geplant?

TC: Wir wurden in diesem Jahr mit unvorstellbaren Lebensveränderungen konfrontiert. Das Coronavirus hat vieles auf den Kopf gestellt. Vor drei Monaten hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt und versichert, dass der Wettbewerb noch 2020 stattfindet. Heute kann ich nur sagen: „So schnell wie möglich, aber so langsam wie nötig“.

MP: Ich hoffe noch in diesem Jahr. Wir dürfen trotz der Pandemie nicht vergessen, dass sich das neue schon wieder vorbereitet.

Vogelperspektive von Südosten (Foto © Siemens AG)
Siemensstadt 2.0 in Berlin
Nichtoffener Wettbewerb, zweistufig
 
Auslober/Bauherr: Siemens AG, München, Berlin, München, Köln, Hamburg
Betreuer: [phase eins], Berlin
 
Jury
Stefan Behnisch, Vors. | Christian Bohne | Thomas Braun | Barbara Ettinger-Brinckmann | Prof. Kees Kaan, Stefan Kögl | Regula Lüscher | Tobias Micke | Prof. Ivan Reimann | Prof. Manuel Scholl | Julia Tophof | Prof. Sophie Wolfrum
 
1. Preis nach Überarbeitung
Architekt: O&O Baukunst, Berlin, Köln, Wien (AT) 
Landschaftsarchitekt: capattistaubach Landschaftsarchitekten, Berlin
Verkehrsplaner: BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung - Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH, Aachen - Axel Springsfeld
Energieplanung: BLS Energieplan, Frankfurt am Main - Juan Villeda
 
2. Preis
Architekt: Kleihues + Kleihues Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin, Dülmen-Rorup
Landschaftsarchitekt: Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten und Stadtplaner GmbH, München, Berlin
TGA-Fachplaner: ZWP Ingenieur-AG, Köln, München, Stuttgart, Wiesbaden, Berlin, Hamburg, Bochum, Dresden, Köln, Köln
Verkehrsplaner: BPR Dr. Schäpertöns Consult GmbH & Co. KG, München, Augsburg, Bad Reichenhall, Nürnberg, Würzburg, Halle / Saale, Regensburg, Berlin, Traunstein, Dresden
 
3. Preis
Architekt: ROBERTNEUN™, Berlin
Landschaftsarchitekt: Atelier Loidl, Berlin
Verkehrsplaner: Ramboll GmbH, Berlin, Hamburg
 
4. Preis
Architekt: HENN, München, Berlin, Beijing (CN)
Landschaftsarchitekt: WES LandschaftsArchitektur Schatz Betz Kaschke Wehberg-Krafft Rödding, Hamburg, Oyten, Berlin, Düsseldorf, Shanghai (CN) 

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie

Bumerang
vor einer Woche
Klar gegliedert
vor 3 Wochen
Siemensstadt 2.0
vor einem Monat
Zur Ruhe kommen
vor einem Monat
Lerndorf
vor 2 Monaten
Zeitreise
vor 2 Monaten