Ein Haus zwischen Großstadt und Park

O&O Baukunst
10. November 2021
Gartenseite des Kinder- und Jugendtheaters (Visualisierung: O&O Baukunst / Nightnurse Images)

O&O Baukunst gewinnt den Wettbewerb um die Einrichtung eines Kinder- und Jugendtheaters im Zoogesellschaftshaus in Frankfurt am Main. Roland Duda stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Im Zoogesellschaftshaus in Frankfurt am Main sollen neben einem Kinder- und Jugendtheater auch Flächen für die Verwaltung des Zoologischen Gartens, einer Zooschule sowie Präsentationsflächen zum Thema Naturschutz und Biodiversität geschaffen werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Ja, das möchste: 
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, 
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; 
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, 
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn – 
aber abends zum Kino hast dus nicht weit. [..]"

Kurt Tucholsky, Das Ideal (1927)

Das 1874 errichtete, denkmalgeschützte Frankfurter Zoogesellschaftshaus repräsentiert die Architektur des 19. Jahrhunderts. Eine Architektur, die allerdings durch Umbauten und Ergänzungen im Laufe der Jahre stark beeinträchtigt wurde. Dies betrifft sowohl den in den Jahren durch Einbauten und Zwischendecken immer kleinteiliger gewordenen Innenausbau, sowie im besonderen die Südfassade und die zum Zoo ausgerichtete Ostfassade. Die im ursprünglichen Entwurf des Hauses bereits angelegte Differenz zwischen der Stadt- und der Zooseite wird zum Schlüsselthema des Entwurfes: dem klassischen Auftritt zur Stadt wird eine neue funktionale und architektonische Ausrichtung zum Zoo zur Seite gestellt: Ein Haus zwischen Großstadt und Park.

Lageplan (Zeichnung: O&O Baukunst)

Worin lag die Herausforderung der Aufgabenstellung?

Diese einmalige Lage zwischen Großstadt und Park ist in den letzten Jahrzehnten durch die Umbauten der Fassade und die innere Organisation nicht mehr erlebbar. Die inhaltliche Neuorientierung mit der Zusammenführung von Zoogesellschaft, Kinder- und Jugendtheater und Zooschule bietet die Chance, dem Haus eine neue gesellschaftliche Rolle in Frankfurt zu geben. Ziel des Entwurfes ist es, dem Programm entsprechend, dem Denkmal mit neuer räumlicher Ordnung und architektonischen Ergänzungen zu verlorengegangener Attraktivität und neuem Glanz an diesem Ort zu verhelfen. Die ehemals vorhandenen zum Park orientierten Zooterrassen werden neu interpretiert und wiederhergestellt.

Axonometrie (Zeichnung: O&O Baukunst)

Wie organisieren Sie das Kinder- und Jugendtheater? 

Das Kinder- und Jugendtheater ist der größte Nutzer im Haus. Wir haben uns entschieden das Theaterfoyer mit einer eigenen Terrasse zum Zoo zu öffnen. Die Zooterrassen erhalten eine zusätzliche Ebene. Hier findet das Theater seinen Platz. Der Besucher betritt das Haus zunächst durch das repräsentative Portal an der Zeil. Mit einer lichten Raumhöhe von 5,30 m reihen sich dann die verschiedenen Funktionen in einer offenen Raumfolge um die zentralen Theatersäle: Besucherzentrum mit Haupteingang, Workshopbereiche, Garderoben, Ausstellung und schließlich das neue große Foyer mit Gastronomie zum Garten. 

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: O&O Baukunst)
Schnitt (Zeichnung: O&O Baukunst)

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Anstelle der in den 1990iger-Jahren überformten Ostfassade haben wir ein neues Gartenhaus eingefügt. In diesem neu errichteten Gartenhaus in Holzhybridbauweise findet sich neben dem Foyer auch ein großer Teil der neu zu errichtenden Büroflächen. Flexibel nutzbar, hell, mit Aussicht. Die neue Fassade präsentiert sich eigenständig und offen: zusammengesetzt aus großflächigen französischen Fenstern und geschosshohen gliedernden Gittern. Sie bilden zusammen eine architektonische Schicht, die neben atmosphärischem Spiel von Licht und Schatten jedem Büro einen kleinen Austritt bietet. Eine Neuinterpretation von Gartenhausarchitektur, filigran, lichtdurchlässig und funktional. Der neue Dachaufbau wird Teil des neuen Gartenhauses. In das flache Pyramidendach wird ein begrünter Hof eingeschnitten, zur Belichtung und als grünes Zentrum der Zooverwaltung. Ringsum dieses Geschoß sorgen begrünte Terrassen für beste Arbeitsbedingungen und ständigen Überblick über den Zoo. Am Dach selbst wird Energie gewonnen mit allseitig angelegten Photovoltaikpaneelen.

Die neue Theaterterrasse, Fassadenausschnitt (Visualisierung: O&O Baukunst / Nightnurse Images)
Der Blick in den Park (Visualisierung: O&O Baukunst / Nightnurse Images)

Welche Besonderheiten hinsichtlich Konstruktion und Material zeichnen Ihren Vorschlag aus?

Sichtbares Zeichen für die Erneuerung des Hauses und die Umsetzung der Kriterien des Nachhaltigen Bauens ist die Konstruktion des eingefügten Gartenhauses in Holzbauweise. Sämtliche Materialien werden darüber hinaus im Neubauteil materialsichtig ohne zusätzliche Beschichtungen oder Verbundschichten eingesetzt. Dies ermöglicht einerseits ein einfaches sortenreines Recyceln der Materialien im Sinne des Materialkreislaufes und zieht sich darüber hinaus als gestalterisches und auch wirtschaftlich optimiertes Konzept durch das gesamte Projekt. Die Fügung des neuen Hauses wird erfahrbar. 

Das Foyer (Visualisierung: O&O Baukunst / Nightnurse Images)

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Einen konkreten Zeitplan zur Fertigstellung gibt es noch nicht. Im Anschluss an das Wettbewerbsverfahren wird nun das Vergabeverfahren für die Planungsleistungen durchgeführt.

weitere Informationen zum Projekt und Verfahren, sowie Interviews mit den Beteiligten finden sich hier

Zoogesellschaftshaus (Foto: O&O Baukunst)
Einrichtung eines Kinder- und Jugendtheaters im Zoogesellschaftshaus in Frankfurt am Main
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslober: Stadt Frankfurt am Main - Der Magistrat, Dezernat VII Kultur und Wissenschaft, MuseumsBausteine Frankfurt GmbH
Betreuung: BSMF - Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung mbH, Frankfurt am Main
 
Jury
Prof. Anett-Maud Joppien, Architektin, Frankfurt am Main (Vorsitzende) | Sigrid Eichler, Architektin, Frankfurt am Main | Prof.i.V. Silvia Schellenberg-Thaut, Architektin, Leipzig | Till Schneider, Architekt, Frankfurt am Main | Prof. Zvonko Turkali, Architekt, Frankfurt am Main | Prof. Gesine Weinmiller, Architektin, Berlin | Stadträtin Dr. Ina Hartwig, Dezernentin Kultur und Wissenschaft, Frankfurt am Main | Thomas Bäppler-Wolf, kulturpolitischer Sprecher, Frankfurt am Main | Stefan von Wangenheim, kulturpolitischer Sprecher, Frankfurt am Main | Britta Wollkopf, kulturpolitische Sprecherin, Frankfurt am Main | Mirrianne Mahn, kulturpolitische Sprecherin, Frankfurt am Main | Brigitte Dethier, Intendantin, Stuttgart
 
1. Preis
Ortner & Ortner Baukunst Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin (O&O Baukunst)
Roland Duda, Prof. Manfred Ortner
Mitarbeit: Fabian Maurer, Morana Mazuran, Luis Schrewe, Anna Bajanova, Frank Illing, Nico Linnartz
Landschaftsarchitekt: capattistaubach urbane landschaften PartGmbB, Berlin, Tancredi Carpatti
Fachplaner: Kunkel Consulting International GmbH, Bürstadt, Christoph Franzen
Hilfskräfte: Hege Modellbau GbR, Dirk Hermandung | Nightnurse Images AG, Margherita Pastrello
 
2. Preis
Hascher Jehle Architektur, Berlin
Prof. Rainer Hascher, Prof. Sebastian Jehle
Mitarbeit: Fleur Keller, Maria I. Savva, Johannes Anselmann, Timur Yelkenkayalar, Nathalie-Sophie Engel
TGA/Energie: Assmann Beraten + Planen, Hamburg, Dr. Torsten Warner
Tragwerk: Assmann Beraten + Planen, Hamburg, Henning Klattenhoff
 
3. Preis
karlundp, München
Ludwig Karl
Mitarbeit: Luis Sagüillo Gutiérrez, Martina Sauerer, Theresa Mörz

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