Bahnstadt Braunschweig

prasch buken partner architekten
3. Mai 2023
Vogelblick auf das Urbane Quartier Hauptgüterbahnhof Braunschweig (Visualisierung: prasch buken partner architekten)
In die Entwicklung der Braunschweiger Bahnstadt sollen zukunftsweisende Themen der Gesellschafts- und der Stadtentwicklung, wie Digitalisierung, vernetzte Mobilität, Industrie 4.0 oder klimagerechte Stadt- und Technikentwicklung, einfließen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Zunächst einmal muss ich sagen, dass Wettbewerbe dieser Art uns mittlerweile vertraut sind. Städtebauliche Wettbewerbe dieser Größenordnung müssen weit in die Zukunft blicken. Ein von uns gewonnener Wettbewerb in Düsseldorf Heerdt von vor zehn Jahren hätte heute keine Chance mehr. Wettbewerbe wie in Braunschweig bewegen sich zwischen Wunsch und Wirklichkeit, sie sind zugleich state oft the art. Neben den von Ihnen schon angesprochenen Bedingungen haben wir es mit Konversionsflächen zu tun, angrenzenden Gewerbeflächen mit komplizierten Eigentumsverhältnissen, wie zum Beispiel der Deutschen Bahn, einer Demografie, die das Jetzt und die Zukunft in den Grundrissen abbilden, die zugleich bezahlbar sein müssen und Investoren nicht abschrecken. Hilfreich für unsere Antwort war eine Aufgabenstellung, die eine klare, ziel- und federführende Haltung der Stadt Braunschweig erkennen ließ. Das ist nicht selbstredend.

Lageplan, mittelfristig (Zeichnung: prasch buken partner architekten)
Wie organisieren Sie das künftige Quartier?

Das Wettbewerbsgebiet am Hauptgüterbahnhof Braunschweig wird von uns in drei Grünzonen unterteilt, um den Transformationsprozess zu einem urbanen Quartier zu unterstützen. Vier unterschiedliche Realisierungsgebiete sollen hochwertiges Wohnen mit städtischen Funktionen und Gewerbeflächen verbinden. Die Wohnformen reichen von geförderten Wohnungen bis hin zu Wohn-Pflegegemeinschaften. Besonderen Wert wird auf die familiengerechte Ausstattung der Höfe und Freianlagen gelegt. Co-Working-Flächen, Mobility Hubs, Kitas und ein Kulturangebot machen die Quartiere zu einem neuen Stadtteil.

Die Gleispromenade verbindet die Quartiere mit dem DHL Logistikzentrum und dem Siemens Rail Campus. Eine geplante Umgehungsstraße soll den Gewerbeverkehr von den Wohnbereichen fernhalten. Die Verlegung der Straßenbahn und die Neustrukturierung der Gewerbeflächen bilden die Initialzündung für die Entwicklung des Quartiers. Die vorhandene Gewerbenutzung wird beibehalten, während neue Hofstrukturen eine Vernetzung von Fahrrad- und Fußverkehr ermöglichen. Ein Mobility Hub am Auftaktplatz ergänzt das gastronomische und gewerbliche Angebot. Durch einen Stich von der Helmstedter Straße erschlossen, besteht die Möglichkeit das Quartier an die Verkehrsflächen der östlichen Bestandsquartiere anzubinden. Die Bebauungsstruktur, gruppiert zu kleinen Hofstrukturen, nimmt dabei die Fluchten der östlichen Bestandsbauten auf und ermöglicht so einen Zusammenschluss der Grünräume sowie eine Vernetzung von Fahrrad- und Fußverkehr.

Eine Platzfläche im Süden wird für die quartiersinterne Kita und die Gastronomie genutzt, während eine separate Entwicklungsmöglichkeit an der Spitze der Helmstedter Straße / Am Hauptgüterbahnhof besteht. Ein markanter Hochpunkt mit Gewerbenutzung könnte hier als Auftakt zum Gesamtquartier entstehen.

Um zukünftigen Entwicklungen Raum zu geben, dient die im südlichen Wettbewerbsgebiet liegende Produktivachse als Experimentierfeld für verschiedene Gewerbe- und Sonderwohnformen. Der großzügige Werkshof bietet Raum für Erschließung, Lagerlogistik und Veranstaltungen. Als identitätsstiftendes Merkmal bleiben die Laufkatze sowie Teile der nördlichen Halle in aufgelöst und ergänzter Struktur bestehen.

Schwarz-Grün-Plan, mittelfristig (Zeichnung: prasch buken partner architekten)
Welche Bedeutung kommte den Freianlagen zu?

Das Freiraumkonzept für das urbane Quartier umfasst drei Grünzüge, die sich fächerartig durch das Gebiet ziehen und an den Grünraum des Hauptfriedhofs anschließen. Jeder Grünzug hat eine spezifische Identität und Programmierung, wie beispielsweise das Garten- und Sportband, der Kiez- und Aktivpark und der Gleispark.

Die Quartiers- und Nachbarschaftsplätze dienen als zentrale Anlauf- und Knotenpunkte und tragen zur Orientierung bei. Das Konzept fördert die Biodiversität, schafft Räume zur Aneignung und Interpretation und erzeugt eine einzigartige Atmosphäre zwischen dem Alten und Neuen.

Um die zu sanierende „H_LLE“ im Zentrum des Gebiets entsteht ein großzügiges Parkband als Aufenthalts- und Pufferzone zum Gewerbe. Die überwiegend der Wohnnutzung dienenden Quartiere spannen sich mit mittiger Erschließung zwischen Kiezpark und östlicher Spiel- und Parkspange auf. Jeder Quartiersblock grenzt sowohl an einen Grünraum als auch an einen Quartiersplatz.

Experimentierverband (Isometrie: prasch buken partner architekten)
Können Sie uns durch das neue Quartier führen als ob es schon fertiggestellt wäre?

Zunächst nähere ich mich dem neuen Quartier stadtauswärts von der Helmstedter Straße über die Straße „Am Hauptgüterbahnhof“ auf das Quartier zu. Schon von Weitem kann man den Hochpunkt als Auftakt des neuen Quartiers erkennen. Dieser leitet mit visuell ins Quartier hinein. Direkt am Eingang des Quartiers steht ein Mobility Hub in dem ich mein E-Bike oder mein ausgeliehenes Car-Sharing-Fahrzeug abstellen und aufladen kann. Den Rest des Quartiers erlebe ich zu Fuß! Mehrere kleine Kiezplätze, die an die einzelnen Baublöcke angesiedelt sind, laden zunächst als öffentliche Plätze zum Verweilen ein. Nun kann ich mir überlegen, ob ich mich ins Private, also in die Wohnung oder den privaten beziehungsweise halböffentlichen Innenhof zurückziehen möchte, oder die Kulturangebote der Kulturachse erleben möchte. Alles ist möglich: Familie, Arbeiten, Einkaufen, Kultur erleben, sogar bis ins höhere Alter. Die Wege in die Stadt beziehungsweise aus der Stadt heraus können reduziert werden, um die täglichen Aufgaben zu erfüllen.

Urbanes Quartier Hauptgüterbahnhof Braunschweig (Visualisierung: prasch buken partner architekten)
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Die Stadt Braunschweig (Bahnstadt Braunschweig) hat bereits im Vorwege für das 300 Hektare große Entwicklungsgebiet Öffentlichkeitsbeteiligungen im Dialog mit den Bürgern und Bürgerinnen und eine Ideenwerksstatt mit Fachleuten aus verschiedensten Bereichen durchgeführt, um strategische Zukunftsthemen zu diskutieren. Die Ergebnisse dieser offenen Diskussion wurde dann ein Rahmenplan entwickelt, der in der Auslobung integriert wurde.

Im nächsten Schritt soll das Wettbewerbsergebnis in die 1. Öffentliche Beteiligung zur Erstellung eines Bebauungsplanes gehen.

Urbanes Quartier Hauptgüterbahnhof Braunschweig
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: Stadt Braunschweig, Fachbereich Stadtplanung und Geoinformation, Städtebauliche Planungen / Innenstadt – in enger Kooperation mit der Aurelis Asset GmbH und der IntReal International Real Estate Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH, vertreten durch LIP Invest GmbH
Betreuung: FSW Düsseldorf GmbH Faltin + Sattler, Düsseldorf
 
Jury
Prof. Christa Reicher, Aachen (Vors,) | Prof. Dr. Detlef Kurth, Kaiserslautern | Heinz-Georg Leuer, Stadtbaurat der Stadt Braunschweig | Prof. Dr. Janna Hohn, Frankfurt a.M. | Bernd Schmidbauer, Fachbereichsleiter Stadtplanung und Geoinformation, Stadt Braunschweig | Prof. Dr. Elmar Schütz, Leiter Development Aurelis Region Mitte | Prof. Annegret Stöcker, Dresden | Burim Mehmeti, Ratsfraktion | Sabine Kluth, Ratsfraktion | Oliver Schatta, Ratsfraktion (für die kurzfristig verhinderten Heidemarie Mundlos und Antoinette von Gronefeld) | Christin Schulz, Leiterin Aurelis Region Nord | Daniel Pahl, IntReal International Real Estate Kapitalverwaltungsgesellschaft mbH, vertreten durch LIP Invest GmbH
 
1. Preis
prasch buken partner architekten partG mbB, Hamburg | Frank Buken
Mitarbeit: Knut Böhmer, Tim Büschel, Martin Hertel, Anneke Jobs
GHP Landschaftsarchitekten, Hamburg | Nikolaus Gurr, Christian Schierstedt
Mitarbeit: Lisa Brunnert, Felix Bunke
 
2. Preis
holger meyer architektur, Frankfurt am Main | Holger Meyer
Mitarbeit: Raimund Holubek, Francesco Di Capua, Deacon Lee, Francisco Vilar Navarro, Omar Abdelkhalek
Lützow 7 C. Müller · J. Wehberg Garten- und Landschaftsarchitekten, Berlin | Prof. Cornelia Müller, Jan Wehberg, Tim Hagenhoff
Mitarbeit: David Levain, Mahnush Arbabi, Michèle Remy
Freier Sachverständiger für Verkehrsplanung und Parkierungsanlagen: Prof. Dr.-Ing. Rudolf Eger, Darmstadt
 
3. Preis
Studio Wessendorf, Berlin | Jörg Wessendorf
Mitarbeit: Maximilian Mohr, Moritz Unger, Nina Rickert
Visualisierung: Christian Marrero
Atelier Loidl Landschaftsarchitekten, Berlin | Leonhard Grosch
Mitarbeit: Tajana Busch

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