Nachverdichtung für die Kunst

eckertharms Architekten
13. Dezember 2023
Foto: Lennart Wiedemuth
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Für den Neubau gab es erst einmal keine Referenzen zur Orientierung. Dazu kamen recht komplexe Anforderungen an das Baufenster in einem bestehenden Schulensemble, teilweise aus der Jahrhundertwende, teils aus den 1960er- und 1990er-Jahren.

Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Das Gebäude sollte in den Oberflächen und Materialien einen Werkstattcharakter erhalten – darin wird gemalt und gedruckt, es gibt Bildhauerei, Plastik und Fotografie als Klassen. Architektonisch wichtig war uns die Form: Verschobene Kuben mit einer großzügigen Öffnung als Halle. Das Auge hat dort zu arbeiten und wird zugleich geschult.

Durch den Neubau wurde der Schulhof erheblich verkleinert. Die Freianlage wurde neu konzipiert, um trotz der Verkleinerung wertvolle Flächen zu erhalten. (Foto: Lennart Wiedemuth)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das Baufenster innerhalb des Schulhofs war sehr begrenzt. Gelungen ist die Nachverdichtung durch einen Baukörper, der auf die räumlichen Gegebenheiten reagiert. Die oberen Etagen sind an der Nordseite zurückversetzt, sodass die Bestandsbauten weiterhin genügend Belichtung erhalten. Um den nötigen Raumbedarf zu decken, kragen die Obergeschosse dafür Richtung Westen über der Sporthalle aus. Durch das Verdrehen des Baukörpers in halber Höhe entstanden ebenerdig überdachte Freiflächen für Bildhauerei und Malerei sowie eine als Freiluft-Klassenraum nutzbare Dachfläche im ersten Obergeschoss.

Um die verlorene Schulhoffläche auszugleichen, haben wir großzügige Aufenthaltsbereiche für die Schüler*innen innerhalb des Gebäudes konzipiert. Das Foyer im Erdgeschoss mit einer Galerieöffnung bietet außerdem Platz für Ausstellungen und Vorträge. Neben klassischen Unterrichtsräumen beherbergt das Ateliergebäude mit einer Bruttogeschossfläche von rund 2700 Quadratmetern mehrere Medienlabore, einen Malsaal, ein Fotostudio und eine Druckerei.

Als Ersatz für die entfallenen Schulhofflächen gibt es ein großzügiges Foyer, das auch als Arbeits- und Vortragsraum dient. (Foto: Lennart Wiedemuth)
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Wir haben vor einigen Jahren den Direktauftrag zu einer Machbarkeitsstudie erhalten. Es sollte zuerst ein angrenzendes Grundstück angekauft werden. Der Grundstückskauf hat dann nicht stattgefunden, der Landwirt und Eigentümer war nicht zum Verkauf zu bewegen. Wir haben deshalb untersucht, wie der Bau auf dem Schulgrundstück platziert werden kann. Wir fanden eine Entwurfslösung und konnten uns beim VgV-Verfahren für die nächsten Leistungsphasen durchsetzen.

Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Die am meisten beeinflussende Größe bei dem Projekt war die Enge des Grundstücks im Verhältnis zu dem recht großen Raumprogramm. Es gab natürliche Belichtungen der Nachbargebäude und Abstände zu wahren und das alles zudem in einer recht bewegten Grundstückstopografie.

Das Foyer öffnet sich auch in die Vertikale. Auf der oberen Ebene gibt es einen weiteren Aufenthaltsbereich. (Foto: Lennart Wiedemuth)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Ich möchte sagen, dass wir bei dem Entwurf eigentlich freie Hand hatten. Der Nutzer und der Bauherr, der LBB Mainz, waren schnell von den Ideen angetan und haben die Arbeit bis zum fertigen Ergebnis mitgetragen.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert? (Wurden zusätzliche Funktionen gewünscht oder Teile des Projektes gestrichen?

Das Projekt hat sich fast gar nicht bis zur Fertigstellung geändert. Das Foyer musste neu aufgeteilt werden, es sollte ein weiterer Unterrichtsraum geschaffen werden. Öffnet man die Trennwand, kann man diese aber für größere Veranstaltungen wieder dem Foyer zuschlagen.

Der Umgang im 1. Obergeschoss dient als Ausstellungsfläche, das hohe Foyer kann für Großskulpturen genutzt werden. (Foto: Lennart Wiedemuth)
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Das Gebäude ist als Passivhaus errichtet, dies war (schon vor vielen Jahren) eine Vorgabe des Landes Rheinland-Pfalz. Deshalb musste hier keine Aufklärungsarbeit geleistet werden. Wir waren auch ohnehin gut im Thema, wir hatten bereits 2009 eine Passivhaus-Grundschule in Wiesbaden gebaut.

Als maximalen Faktor für die Nachhaltigkeit von Gebäuden kann man ja das Weglassen von Baustoffen bezeichnen. Wir haben Materialien sehr reduziert eingesetzt und viele davon sind trennbar verbaut. Die Fassade besteht zudem aus heimischen Laubhölzern.

Das Fotostudio im obersten Geschoss bietet neben einer professionellen Ausstattung einen beeindruckenden Ausblick.  (Foto: Lennart Wiedemuth)
Welche digitalen Instrumente haben Sie bei der Planung eingesetzt?

Da die anfänglichen Planungen schon einige Jahre alt und in 2D begonnen waren, haben wir die Systematik durchgehalten. Mittlerweile arbeiten wir aber schon einige Zeit mit BIM.

Für die natürliche Nachtauskühlung über Fensteröffnungen wurden Fensterflügel als Kastenfenster mit Jalousierosten verbaut. Zwischen Flügel und Rost lassen sich Malutensilien und Kunst zum Trocknen lagern. (Foto: Lennart Wiedemuth)
Die Raumhöhen sind für die Ateliers deutlich höher als für Schulbauten üblich. Die Sonnenschutz-Screens außen sorgen für blendfreies Licht. (Foto: Lennart Wiedemuth)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Unsere Idee war, dass die produzierte Kunst der Schüler die Farbe und den Kontrast bringt und sich deshalb das Material des Gebäudes zurücknimmt. So ähnelt der Linoleum-Belag farblich dem Beton und die Holzfenster passen zu den Akustikdecken aus Holzwolle.
Die Außenhaut musste gestalterisch den Spagat zwischen unterschiedlichen Fassaden schaffen: es gibt Backsteinfassaden aus dem 19. Jahrhundert und aus den 1960er-Jahren, aber auch weiße Putzfassaden mit grauen Stahlbauteilen aus den 1990er-Jahren. Wir haben uns für eine horizontale Bänderung im Wechsel aus Putz und Metall entschieden. An sich schlicht und auch zurücknehmend und über die Gebäudegeometrie doch spannend. 

Foto: Lennart Wiedemuth
Lageplan: eckertharms Architekten
Grundriss 2. Obergeschoss: eckertharms Architekten
Schnitt: eckertharms Architekten
Neubau Landeskunstgymnasium Alzey
2023
Ernst-Ludwig Str. 51
55232 Alzey
 
Auftragsart
Stufenweise Beauftragung, VgV-Verfahren
 
Bauherrschaft
Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung Rheinland-Pfalz
 
Architektur
eckertharms Architekten / Innenarchitekten, Wiesbaden
 
Fachplaner
HLSE: Löw, Mainz
Tragwerk: Grebner, Mainz
Brandschutz: Galemann, Koblenz
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Gemünden, Ingelheim
Holzfenster- und Türen: Wiese, Soest
Metallfassade: S+T Fassaden, Owingen
Brandschutztüren: Weiler, Bingen
Holztüren: Christ, Dickenschied
Metallbau: Schmickler, Remagen

Hersteller
Holzfenster: Batiment
Bodenbeläge: Forbo
Holzwolledecken: Troldekt
Brandschutztüren: Schüco
 
Energiestandard
Passivhaus

Bruttogeschossfläche
3.300 m² R+S
 
Gebäudevolumen
11.770 m³

Kubikmeterpreis KG 300 und 400
586 €/m³ brutto 
 
Gebäudekosten KG 300 und 400
6.900.000 € brutto
 
Gesamtkosten KG 200-700
9.700.000 € brutto
 
Fotos
Lennart Wiedemuth

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