Kompakte Vielfalt

löhle neubauer architekten BDA
13. März 2024
Überdachter Eingang am Rembrandtweg (Foto: Brigida González)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Rainer Löhle: In einer beengten Grundstückssituation galt es, einen bestehenden und intakten Schulcampus durch einen möglichst kompakten Neubaukörper zu ergänzen und die Qualitäten des städtebaulichen Gefüges und der Freianlagen zu erhalten bzw. zu stärken. Gleichzeitig steht das Gebäude im Dialog mit der östlich angrenzenden, denkmalgeschützten Kirche »Maria Regina«.

Die Bauaufgabe vereint die Nutzungen von Grundschule und Hort unter Berücksichtigung neuester pädagogischer Konzepte. Ein besonderer Fokus lag daher auf der multifunktionalen Bespielbarkeit von Flächen innerhalb des Gebäudes, der Ausbildung einer hellen und freundlichen »Lernlandschaft« und der Stärkung von Transparenz und Kommunikation.

Foto: Brigida González
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Martin Obst: Unser Fokus liegt im Schulbau immer auf den Kindern. Wir versuchen Orte zu schaffen, an denen sich die Schüler*innen wohl fühlen und sie durch ein möglichst vielfältiges Angebot unterschiedlicher Lern- und Arbeitsmöglichkeiten zum Lernen animiert werden. Schule muss Spaß machen. 

Die Klassenzimmer stehen im Wechselspiel mit Gruppenräumen, Clustermitten, Spiel- und Leseecken. Alle Bereiche sind transparent gehalten und ermöglichen differenzierte Ein- und Ausblicke, während durch den Einsatz warmer Materialien (Parkett / Holz) eine beinahe wohnliche Atmosphäre erzeugt wird. 

Foto: Brigida González
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Rainer Löhle: Der Neubau der Maicklerschule wirkt durch seine klare quadratische Grundform ordnend auf den differenzierten städtebaulichen Kontext. Gleichzeitig gewährleistet das transparent gehaltene Erdgeschoss den Bezug zum bestehenden Schulcampus. 
Die klare Kubatur stärkt auch die Wirkung und Wahrnehmung der unmittelbar östlich gelegenen, denkmalgeschützten Kirche Maria Regina, die als schräg abgeschnittener Kegelstumpf Ihre Ausstrahlung behält. Die Gebäude treten nicht in Konkurrenz, sondern stehen eigenständig für sich und stärken sich gegenseitig. 

Ansicht von Osten (Foto: Brigida González)
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Martin Obst: Für die Maicklerschule wurde Ende 2017 ein beschränkter, EU-offener Wettbewerb mit 30 Teilnehmern ausgelobt. Unser Büro war unter sechs gesetzten Teilnehmern gelistet. Unter den Teilnehmern waren sehr viele Büros mit Erfahrung im Schulbau zu finden. 

Entschieden wurde der Wettbewerb im Januar 2018. Unser Wettbewerbsbeitrag wurde mit dem 1. Preis prämiert, die Platzierung wurde im anschließenden VgV-Verfahren bestätigt. 

Foyer, Aula und Mensa (Foto: Brigida González)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Rainer Löhle: Neben den bereits erwähnten städtebaulichen Aspekten galt es auch, die Parameter der pädagogischen Anforderungen in diesen kompakten Baukörper zu integrieren. Grundsätzlich sehen wir bei der Umsetzung, dass es unser Ziel sein muss, Räume zu entwickeln, die gleichermaßen von Lehrern und Schülern als Wohlfühloase bzw. als Wohnzimmer wahrgenommen werden. Nur so wird das pädagogische Konzept Früchte tragen. Grundsätzlich sollte eine Schule freundlich, einladend und im Inneren hell sein. 

Die Erschließungsbereiche der Maicklerschule liegen jeweils an grünen Innenhöfen, wodurch eine natürliche Belichtung und beste Orientierung gewährleistet werden. Die Erschließungsmagistrale in die oberen Geschosse wird durch die versetzten Treppenläufe bzw. offenen Lufträume zum Erlebnis- und Kommunikationsraum. In den strapazierten Bereichen (Flurwände) wurde mit Sichtbeton gearbeitet, der auch als Speichermasse dient. Gleichzeitig finden sich hier auch warme Materialien in den Oberflächen. Fensterbrüstungen wurden grundsätzlich mit einer Höhe von 45 cm ausgeführt und mit einer tiefen Holzbank versehen, die zum Sitzen und Arbeiten einlädt. Türen, Fenster, Einbauschränke und Fußböden wurden jeweils einheitlich in Eiche umgesetzt.

Die Cluster selbst sind so organisiert, dass sich die ›Klassen‹ und Differenzierungsräume transparent mit Blickbezug zur offenen Lernmitte zeigen. Die Lernmitte wiederum wird über den grünen Innenhof natürlich belichtet. Klassen, Differenzierungsräume und Lernmitten verfügen über neueste digitale Ausstattungen. Generell werden alle Räume mit ausreichend Schrankwänden für Material ausgestattet. Auch unter den tiefen Brüstungen der Sitzbänke finden sich Schüler- und Materialfächer. 

Erschließung Eingangsbereich, im Hintergrund die Aula (Foto: Brigida González)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Martin Obst: Wir kommunizieren mit unseren Bauherren auf Augenhöhe und arbeiten vertrauensvoll zusammen. Vor Planungsstart versuchen wir bereits alle wesentlichen Aspekte, Wünsche etc. abzufragen und das Wettbewerbsergebnis gemeinsam zu einem stimmigen Gesamtkonzept weiterzuentwickeln.

Ziel ist dabei, die Idee des Wettbewerbs nicht aus den Augen zu verlieren und idealerweise durch die Vertiefung und weitere Bearbeitung sogar zu stärken. Da die Anforderungen im Wettbewerb schon sehr präzise formuliert waren, konnte das Konzept nahezu unverändert umgesetzt werden. Die Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft war sehr konstruktiv, kollegial und angenehm – was nicht nur die Atmosphäre im Planungsteam sondern auch das Ergebnis maßgeblich beeinflusst hat.

Foto: Brigida González
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Rainer Löhle: Die Grundlagen des Wettbewerbs wurden – bis auf untergeordnete Präzisierungen – unverändert umgesetzt. In der Vorplanung musste das Gebäude zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit etwas optimiert werden. Rückblickend betrachtet waren diese Veränderungen jedoch eher konzeptstärkend. 
Das veranschlagte Budget wurde nicht überschritten bzw. dank des kompetenten Projektsteuerers inkl. Risiken von Beginn an richtig eingeschätzt.

Klassenzimmer mit niedriger Brüstung, Sitzbank und Schülerfächern (Foto: Brigida González)
Foto: Brigida González
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Martin Obst: Aufgrund auskragender Bauteile (ca. 4m) für überdachte Eingangs- und Pausenbereiche wurde eine Stahlbetonbauweise gewählt. Diese Bauteile dienen auch als Speichermasse. Im Inneren wurden auch viele natürliche Materialien eingesetzt (Eiche, Holzwolle etc.). Grundsätzlich haben wir darauf geachtet, möglichst zeitlose und langlebige Materialien zu verwenden und die Aufwendungen für den Unterhalt zu minimieren.
Überzeugungsarbeit hinsichtlich des Bauherrn war nicht erforderlich. Die Kommunikation war allgemein sehr gut, was sich letztendlich auch im Ergebnis zeigt.

Klassenzimmer mit Schrankwand, PC-Arbeitsplätzen und kleinen Tischen für variable Bestuhlung (Foto: Brigida González)
Offene Erschließung der Clustergeschosse (Foto: Brigida González)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Rainer Löhle: Schulen müssen robust, strapazierfähig und gleichzeitig einladend sein. Daher verwenden wir in den allgemeinen (öffentlichen) Bereichen sehr gerne Sichtbeton. Andere Materialien wiederum müssen eine sehr gute Haptik haben, daher kommt bei Oberflächen, die wir berühren bzw. mit denen wir in ›Kontakt‹ treten, sehr viel Holz zum Einsatz. Wir beschränken uns bewusst auf wenige Materialien und Farben im Innenbereich. Die Räume sollen eine ruhige und warme Atmosphäre ausstrahlen. Farbe kommt durch die Schüler*innen, die Nutzer*innen bzw. durch die Exponate der Schüler*innen ins Haus.

Transparente Lernmitte am grünen Innenhof, niedrige Fensterbrüstung, Blickbezug zum Erschließungsbereich, rechterhand Garderoben (Foto: Brigida González)
Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

Martin Obst: Ja, immer mehr. Das macht ja durchaus Sinn. Es muss allerdings auch wohlüberlegt sein, wo wir welche Konstruktionen, beziehungsweise welches Material einsetzen. Auch die Gebäudetypologie spielt hier eine große Rolle.

Lageplan (Zeichnung: löhle neubauer architekten BDA)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: löhle neubauer architekten BDA)
Grundriss 1. Obergeschoss (Zeichnung: löhle neubauer architekten BDA)
Schnitt (Zeichnung: löhle neubauer architekten BDA)
Neubau Maicklerschule in Fellbach
2023 
Hermann-Löns-Weg 9 
70736 Fellbach

Nutzung
Grundschule als Clusterschule mit Ganztagesbetreuung + Tiefgarage
 
Auftragsart
Wettbewerb EU 1. Preis _ Preisgericht 2018
 
Bauherrschaft
Stadt Fellbach

Architektur
löhle neubauer architekten BDA pmbb, Augsburg
Rainer Löhle, Regine Neubauer, Martin Obst, Andreas Zimmerer
Projektleitung: Martin Obst
Projektarchitekten: Anne Schnös, Heike Gerigk, Frenzy Nebel, Ben Ritz 

Fachplaner
Tragwerk: IB Pfefferkorn, Stuttgart 
HLS: IB eböck, Tübingen
ELT: IB Raible, Reutlingen
Bauphysik: IB Bobran, Stuttgart
Außenanlagen: Winkler & Boje, Stuttgart
Projektsteuerung: Sprojekt, Ostfildern
 
Bauleitung
GO Guggenberger Ott Architekten, Stuttgart mit löhle neubauer
 
Ausführende Firmen
Erdarbeiten: JMS GmbH & Co. KG, Weinstadt
Rohbauarbeiten: Wolfer Goebel Bau GmbH, Stuttgart
Fensterarbeiten: FT-Vilstal GmbH, Gevelsberg
Fassadenarbeiten: Hans Scholl GmbH, Gemmrigheim
Dachabdichtung: REFA Dachbau GmbH, Freiberg am Neckar
Gerüstarbeiten: Burkart Gerüstbau GmbH, Rheinstetten
Trockenbauarbeiten:P+P Wand- und Deckensysteme GmbH, Korb
Tischler 1 / Türen: Binsch GmbH, Ostfildern
Schlosserarbeiten: Stahlbau Nägele GmbH, Ostfildern
Metallbauarbeiten: Ullrich & Schön GmbH, Fellbach
Malerarbeiten: Hirsch GmbH, München
Sanitär: Lausser Anlagenbau GmbH, Ostfildern-Ruit
Heizung: Maier Heiztechnik GmbH, Köngen
Lüftung: Kiefer Klimatechnik GmbH, Stuttgart
Elektrische Anlagen: Schlagenhauf GmbH, Ellwangen
Förderanlagen: Schmitt + Sohn Aufzüge GmbH, Tübingen
Kücheneinrichtungen: HoGaKa Profi GmbH, Ludwigsburg
MSR: WISAG Automatisierungstechnik GmbH & Co. KG, Waiblingen
Estricharbeiten: Modern Bodenbau, Merzig
Terrazzoarbeiten: Estrich Bossert GmbH, Kernen
Tischler 2 / Möbel: Tischlerei Robert Müller, Mönchengladbach
Mobile Trennwände: abopart GmbH & Co.KG, Bad Zwischenahn
Beschilderung: Schilder Illig GmbH, Stollberg
WC-Trennwände: SANA Trennwandbau GmbH, Luhe-Wildenau
Fliesenarbeiten: IFD - Innovatives Fliesen Design GmbH, Riederich
Mobile Trennwände: Lang Sonnenschutz- und Akustiksysteme GmbH, Bonndorf
Fliesenarbeiten: Fahling und Flach GmbH & Co. KG, Stuttgart
Schließanlage: Ekhardt und Schwiete GmbH, Fellbach
Baureinigung: AS Dienstleistungen GmbH, Schwieberdingen
 
Bruttogeschossfläche
6.382 m²
 
Gebäudevolumen 
25.173 m³ inkl. Tiefgarage
 
Gesamtkosten
ca. 25.000.000 €
 
Auszeichnung
Wettbewerb EU 1. Preis . 2018
 
Fotos
Brigida González

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