Städtebaulich vereint

gernot schulz : architektur
17. April 2019
Eingangssituation

Das Büro gernot schulz : architektur gewinnt den Wettbewerb um den Multifunktionskomplex Gesamtschule Osterfeld in Oberhausen. Britta van Hüth stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Am Standort der Gesamtschule Osterfeld plant die Stadt Oberhausen die Errichtung eines Multifunktionskomplexes der sozialen, stadtteilbezogenen Infrastruktur mit Jugendzentrum, Stadtteilbibliothek und Multifunktions-Aula. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

 Zunächst einmal freuen wir uns sehr, dass wir diesen Wettbewerb für uns entscheiden konnten. Ich selber bin gebürtige Oberhausenerin und kenne den Stadtteil Osterfeld noch aus Kindertagen. Zum angrenzenden Revierpark Vonderort wurden sonntägliche Spazierfahrten unternommen, in der Dreifeldturnhalle der Gesamtschule fand das Wintertraining des Leichtathletik-Clubs statt. Heute findet man den Stadtteil Osterfeld sozusagen im nördlichen Schatten des Centro-Komplexes. Die Stadt Oberhausen hat es in den letzten Jahren immer schwer gehabt die alte Stadtmitte oder auch die angrenzenden Stadtteile attraktiv zu gestalten. Mit der Idee eine Bibliothek, ein Jugendzentrum und eine Mehrzweckaula an eine alteingesessene Schulstruktur anzugliedern ist der erste Schritt für eine attraktive neue Nachbarschaft gelungen. 

Lageplan
Wie organisieren Sie den Multifunktionskomplex?

Wir haben uns dazu entschlossen die einzelnen Funktionen der Gebäude für den Nutzer ablesbar zu machen, indem wir ein Ensemble aus drei unterschiedlichen Häusern anbieten. Alt- und Neubau bilden so ein neues spannungsvolles städtebauliches Ensemble. Die neue Stadtteilbibliothek nimmt in Höhe, Material und Habitus Bezug auf den Altbau A der Gesamtschule-Osterfeld, während das Jugendzentrum als eingeschossiger Baukörper diesem Ensemble vorgelagert mit eigener Adresse und Eingang an der Westfälischen Straße wahrnehmbar wird. Die Aula, ebenfalls eingeschossig wird zwischen die Bestandsbauten der Schule und den Neubauten der Bibliothek und des Jugendzentrums positioniert. Somit ist sie funktional an die interne Raumstruktur der Schule angebunden.

Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Können Sie uns durch den Multifunktionskomplex Gesamtschule Osterfeld führen, als ob er schon fertiggestellt wäre?

Beginnen wir mit dem kleinsten Gebäude des Ensembles, dem Jugendzentrum. Man betritt das Gebäude von Süden und gelangt in eine helle, lichtdurchflutete Raumabfolge. Das Jugendcafe und der angeschlossenen kleine Saal können mit dem Innenhof zu einem multifunktionalen Raum zusammengeschlossen werden. Dieser eigene Außenbereich des Jugendzentrums bietet als Atriumhof Schutz vor Einblicken, aber auch Schutz vor Lärmemission nach Außen. Kleinere Räume mit Sanitärbereichen, Küche, Büro und Mehrzweckräumen schließen sich an und sind hier wiederum mit dem Schulhof verbunden. Dies ermöglicht so die Einbindung von größeren Außenaktivitäten auf dem Schulhof in die Arbeit des Jugendzentrums.

An der südwestlichen Ecke des Gebäudekomplexes befindet sich der Haupteingang der neuen Stadtteilbibliothek. Der zugehörige Eingangsvorbereich zieht sich tief in die Heinestraße hinein und wird von einer Sitzbank entlang der eingeschossigen Lamellenfassade begleitet. Im Zusammenspiel mit der zukünftigen Straßenraumumgestaltung und Aufwertungen der Westfälischen Straße lädt diese zum Warten, sich Treffen und kurzem Verweilen vor den neuen kulturellen Stadtteileinrichtungen ein. Betritt man nun den Innenraum erlebt man die Verbindung aller drei Geschosse durch eine große „Lese- und Veranstaltungstreppe“. Hier ist sozusagen „die Bühne“ bereitet für das sozial integrierende und zusammenführende Element der Bildung. Wir hoffen, daß die weitere Durcharbeitung des Projekts sowohl brandschutztechnisch als auch monetär uns erlauben werden, dieses Element ganz in Holz auszuführen, sozusagen als „Schatz“ des ganzen Ensembles. 

Eine weitere funktionale Herausforderung ist die Integration von Räumen für die Volkshochschule, die auch außerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek funktionieren sollen. Dennoch werden Sichtverbindungen von diesen Räumen in die Bibliothek auch dann die Institutionen verbinden.

Als Gebäude zwischen zwischen Schule und Neubau ist die neue Mehrzweckaula als Erweiterung der bestehenden Schule aber auch als singulär funktionierender Veranstaltungsort geplant. Ein räumlich eingezogener Vorplatz im Osten ermöglicht einen repräsentativen und barrierefreien Eingang zur Aula und zur Schule. Das Foyer „umspielt“ den eigentlichen Saal und ermöglicht so den Zugang von Westen als auch aus der Stadtteilbibliothek heraus. Das Preisgericht würdigte dies mit den Worten: „Insgesamt ist die Verknüpfung aller Nutzungen über Foyer und Aula hervorragend gelöst. Der Entwurf bildet ebenso präzise wie attraktiv die Anforderungen der verschiedenen Nutzungen ab und bildet zusammen mit dem Gebäudebestand ein identitätsstiftendes Ensemble für den Stadtteil Osterfeld.“

Innenraum
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

 Die Leitideen des Entwurfs sind die Ablesbarkeit der drei Institutionen im Stadtraum und somit auch Aufnahme einer nachbarschaftsverträglichen Körnigkeit des Gesamtbaukörpers und die Zirkulation der Nutzer und somit Dialogfähigkeit der Gebäude im Inneren.

Da das Gesamtprojekt zu jeder der drei „freien Seiten“ (an der vierten Seite wird das Gebäude angebaut) jeweils einen Eingang zu den drei Institutionen aufweist, gibt es keine Gebäuderückseite. Vorzonen vor den Eingängen bereiten den Eintritt in das Gebäude vor und bauen somit Barrieren, beziehungsweise Hemmschwellen zum Betreten ab.

Im Jugendzentrum zirkulieren die Räume um den Innenhof. Das Foyer der Aula „umspült“ den eigentlichen Saal und die große Lesetreppe in der Bibliothek verbindet alle Geschosse und Nutzungen.

Ansicht Ost
Ansicht Süd
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Die Gesamtschule Osterfeld besteht aus mehreren, in ihrer Zeit gebauten, Gebäudeteilen. Der Altbau A, der älteste Teil der Schule, ist durch seinen solitären Eingangsbereich identifikationsstiftend für den Ort. An dieser Stelle fanden wir es richtig, die Materialität und den tektonischen Aufbau des Altbaus aufzunehmen und zeitgenössisch weiterzuentwickeln. So findet sich der cremefarbene Betonsockel im Neubau in Treppen und Sitzbank wieder, die Klinkerfassade wird im Neubau durch Betonleibungen ergänzt. Im Inneren streben wir eine „wärmere“ Materilisierung aus hellen Putzflächen, und den großzügigen Einsatz von Holz an.

Detail
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Von Seiten des Nutzers existiert die Vorgabe bis Ende 2023 die Baumaßnahme abgeschlossen zu haben, da bis dahin die voraussichtlich gewährten Fördermittel des Landes abgerechnet sein müssen.

Modell (Bild: Modellbauwerkstatt Dortmund)
Multifunktionskomplex Gesamtschule Osterfeld in Oberhausen
Nichtoffener Realisierungswettbewerb

Auslober/Bauherr: OGM Oberhausener Gebäudemanagement GmbH, Oberhausen
Betreuer: pp a|s pesch partner architekten stadtplaner GmbH, Dortmund, Stuttgart
 
Jury
Thorsten Kock, Vors. | Martin Halfmann | Christof Nellehsen | Prof. Diana Reichle | Silvia Schellenberg-Thaut | Prof. Oskar Spital-Frenking | Daniela Krey | Thomas Krey | Sabine Lauxen | Daniel Schranz | Horst Kalthoff

1. Preis
Architekt: gernot schulz : architektur GmbH, Köln
 
3. Preis
Architekt: Boris Enning Architekt, Köln

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie

Bumerang
vor einer Woche
Klar gegliedert
vor 3 Wochen
Siemensstadt 2.0
vor einem Monat
Zur Ruhe kommen
vor einem Monat
Lerndorf
vor 2 Monaten
Zeitreise
vor 2 Monaten