Modernisierung und Urbanisierung

ROBERTNEUN™
6. Januar 2021
Siemensstadt 2.0 Berlin - Modul 1 (Visualisierung: Philipp Obkircher)

Das Architekturbüro ROBERTNEUN™ mit Bollinger+Grohmann Ingenieure und Transsolar Energietechnik gewinnen den Wettbewerb um das Modul 1 in der Siemensstadt 2.0 in Berlin. Nils Buschmann stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Mit dem Modul 1 sollen im Areal der Berliner Siemensstadt 2.0 drei erste Hochbauten projektiert werden. Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?

Das gesamte Projekt Siemensstadt 2.0 knüpft ja an die dynamischen Entwicklungen der Entstehung der Siemensstadt an. Heute geht es um die Modernisierung, die Urbanisierung der bestehenden Siemensstadt. Uns begeistert der kulturelle Kontext aus den ikonografischen Industriebauten Hans Hertleins oder auch den benachbarten Wohnbauten zum Beispiel Hugo Härings. Diese Bauten tragen eine reichhaltige und faszinierende Unternehmensgeschichte weiter. Sowohl im städtebaulichen Wettbewerb, als auch im Realisierungswettbewerb ging es uns um die Frage, wie wir diesen ikonografischen Bestand wertschätzen ohne ihn nachzuahmen, wie es gelingt den Bestand als lebendigen Teil der Gegenwart und Zukunft zu ergänzen. Die Frage des Umgangs mit Bestand ist ja nicht erst seit der Klimadebatte eine relevante. Insbesondere in den letzten 30 Jahren in Berlin hätten wir uns eine offenere Position, zum Beispiel im Umgang mit der DDR-Moderne gewünscht. Zugleich haben wir ja hochaktuelle Fragestellungen in der Stadt und Architektur. Modernisierung bedeutet ja genau das: Wie gelingt es uns, die allgemeinen Fragen nach klimagerechtem, ressourcenschonendem und nachhaltigem, also aneignungsfähigem Bauen in einen zeitgenössischen Ausdruck zu transformieren.

 

Lageplan (Zeichnung: ROBERTNEUN™)
Wie organisieren Sie das neue Modul 1 in der Siemensstadt 2.0?

Das Schaltwerkhochhaus von Hans Hertlein und das riesige Verwaltungsgebäude werden mit einem Hochhaus und einem Campusgebäude zu einem Ensemble aus Alt und Neu ergänzt. Zusätzlich wird ein Infopavillon entstehen, der diese erste, wie auch die weiteren Realisierungsphasen programmatisch begleiten wird. Die stadträumlichen Ansätze des Masterplans konkretisieren wir so, dass eine klare Hierarchie und Zuordnung der öffentlichen Räume gelingt. Alle drei Bauten formulieren den Eingang zum Quartier und zugleich sind sie Teil des Siemens Campus, also des alltäglichen Arbeitslebens. Die ikonografischen Denkmäler werden Teil eines Ensembles aus Alt und Neu und werden ergänzt durch gebundene, kontextuelle Neubauten, die gerade aus der Bindung ihre Unverwechselbarkeit gewinnen. So gelingt eine Synergie verschiedener selbstbewusster Bauten. Alle Bauten des Ensembles, Alt wie Neu stehen mit ihrer Unterschiedlichkeit und gleichzeitigen Verwandtschaft nicht in Konkurrenz. Jedes Einzelne trägt zur Verdichtung der Qualitäten bei.Wir empfinden das als ein fast subtiles und spektakuläres Vorgehen zugleich. In Verwandtschaft zu den Hertlein-Bauten, organisieren wir dienende Kerne inklusive aller Nebenräume so, dass reine, vollkommen freie und damit aneignungsfähige Raumregale gewonnen werden. Diese Freiheit entspricht unserem Verständnis einer nachhaltigen Architektur. Diese freien Zonen ergänzen wir um besondere, kollektive Räume wie im Hochhaus um die stirnseitigen Wintergärten, die zwei Etagen verbinden und im Campus Center um ein zentrales Atrium mit Brückenräumen und Galerien.

Axonometrie (Zeichnung: ROBERTNEUN™)
Können Sie uns durch das Projekt führen als ob es schon fertiggestellt wäre?

Von der S-Bahn-Station gelangt man über den Rohrdamm zum Siemensstrip, der bis hierhin als begrünter Boulevard verlängert wurde. Bewegt man sich auf diesem Weg in die neue Siemenssatdt 2.0 passiert man auf der linken Seite zunächst den Info-Pavillon und den dahinterliegenden Vorhof. Rechts folgt der Marktplatz, der dem dahinter liegenden Hochhaus zugeordnet ist und in den Außenbereich von Bar und Restaurant übergeht, die sich im öffentlich genutzten Erdgeschoss des Turms befinden. Der Marktplatz bildet eine großzügige räumliche Aufweitung am neuen Zugang in die Siemensstadt. Auf gleicher Höhe passiert man linksseitig das CampusCenter und gelangt zu dem Campus Garten, der als Querung Nonnendammallee und Strip verbindet. Er stellt den eher alltäglichen Raum des Siemens Campus dar. Der Campus Garten dient der wechselseitigen Erschließung, dem gemeinsamen Aufenthalt. Von hier aus hat man direkten Zugang zu den jeweiligen Arbeitswelten in Siemens Turm und Campus Center, so dass der alltägliche Austausch zwischen den verschiedenen Beschäftigten und Gebäuden lebendig möglich wird. Betritt man das Campus Center, gelangt man über eine weite Tribünentreppe in das erste Obergeschoss des zentralen Atriums, das als Kommunikations- und Erschliessungsraum dient. Es ist durch Wendeltreppen, Brücken und Galerien aktiviert und beherbergt in den Aussenbereichen gemeinschaftliche Funktionen wie Teeküchen, Lounges, Besprechungsräume (dienender Kern) und ermöglicht so an den Aussenfassaden ruhige isolierte Arbeitssituationen. Entsprechend gelangt man beim Eintreten in den Turm in den Konferenzbereich, der sich über die Arena-ähnlichen Treppen Erd- und Obergeschoss verbindet. Beide Bauten orientieren sich in ihrer Struktur räumlich zu den öffentlichen Räumen und bespielen sie entweder über öffentliche Nutzungen im Erdgeschoss oder über kollektive Arbeitszonen gen Campus.

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: ROBERTNEUN™)
Grundriss Regelgeschoss (Zeichnung: ROBERTNEUN™)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Einerseits suchen wir nach einem Ausdruck, der Alt und Neu selbstverständlich und unverwechselbar zu einer heterogenen Stadt weiterbaut. Das gelingt, indem wir Aspekte einer klimagerechten, resourcenschonenden und nachhaltigen, also aneignungsfähigen Architektur zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen. Uns interessieren einfache Gebäudestrukturen, wie die von dienenden Zonen befreiten Büroregale neben dem Atrium mit seinen Brücken, Galerien und Wendeltreppen. In diesem Nebeneinander formieren sich die einfachen Annahmen zu komplexen und vielfältigen Möglichkeiten. Zudem werden die Fassaden himmelsrichtungsbezogen mit unterschiedlichen Glasanteilen, Sonnenschutzelementen als PV- Elementen differenziert, so dass sie klimatisch und energiesparend einen zeitgenössischen Charakter erhalten. Das Material des Tragwerks ist zudem Teil des gewünschten Ausdrucks. Zum Beispiel bleibt die Vollholzkonstruktion des Campusgebäudes als zweite Ebene sichtbar und prägt den Ausdruck der Architektur. Sowohl hinsichtlich einer hohen Flexibilität, als auch hinsichtlich einer elementierten und so recycelbaren Bauweise dienen Hans Hertleins Bauten als Ausgangspunkt der typologischen Konzeption. Die konsequente Trennung von Skelett und dienenden Bauteilen ermöglicht einerseits die erforderliche Flexibilität der zeitgenössischen und zukünftigen Arbeitswelten und andererseits effiziente, reine Gebäudestrukturen, die zudem in nachwachsenden (Holzkonstruktion im Campus Center) oder materialsparenden, recycelten (Stahl- und Recycle-Beton-Skelett im Siemens Turm) Baustoffen konstruiert werden.

Innenraum (Visualisierung: Philipp Obkircher)
Welche Besonderheiten hinsichtlich Konstruktion und Material zeichnen Ihren Vorschlag aus?

Der Turm ist als 16-geschossiger Skelettbau in Mischbauweise geplant. Die Decken werden als Slim-Deck mit vorgespannten Stahlbetonfertigteilen und deckengleichen Stahlunterzügen ausgeführt (Beton- Einsparung, circa 30%). Die Aussteifung erfolgt über zwei Erschließungskerne in Ortbetonbauweise. Die Stützen können als Fertigteil- oder Ortbetonstützen realisiert werden. Bei allen vertikalen Elementen im Ortbetonbereich kann Recyclingbeton eingesetzt werden. Die gesamte Konstruktion setzt sich aus den Grundelementen Platte, Träger, Stütze und Wandscheibe zusammen. Das Campus Gebäude ist als 6-geschossiger hybrider Skelettbau in Holz- Betonbauweise geplant. Die Decken werden mit Brettsperrholzplatten und BSH Trägern ausgeführt. Die Aussteifung erfolgt über die zwei Erschließungskerne in Ortbetonbauweise. Die Stützen können als Holz- oder Stahlbetonfertigteilelemente realisiert werden. Die gesamte Konstruktion setzt sich aus den Grundelementen Platte, Träger, Stütze und Wandscheibe zusammen. Durch die Holzbauweise mit einem hohen Vorfertigungsgrad, ist eine schnelle und präzise Realisierung, sowie eine perspektivische Wiederverwertbarkeit gesichert.

Detail (Zeichnung und Visualisierung: ROBERTNEUN™)
Was leistet Ihr Entwurf bezüglich der Themen Energie und Nachhaltigkeit?

Es kommen intelligente, nachwachsende oder recycelte Konstruktionsmaterialien zum Einsatz. So wird das Campus Center als Holzkonstruktion geplant. Im Siemens- Turm wird bei allen vertikalen Elementen im Ortbetonbereich Recycle-Beton eingesetzt. Weiter gibt es ein intelligentes lowtech Energiekonzept. Beispielsweise ist der Fensterflächenanteil nach Himmelsrichtungen optimiert, um die Wärmeverluste im Winter und solaren Lasten im Sommer zu minimieren und gleichzeitig eine maximale Tageslichtversorgung zu erzielen. Die nach Süden reduzierten Fensterflächen sind zusätzlich mit einem feststehenden baulichen Sonnenschutz in Form von auskragenden Brise-Soleil oder Photovoltaik-Elementen versehen. Weitere Photovoltaiklelemente befinden sich auf dem Dach. Die Wärmeversorgung soll so weit wie möglich mit erneuerbaren Energien erfolgen. Mit Hilfe von Erdsonden wird dem Erdreich Wärme entzogen und mit reversiblen Wärmepumpen auf ein nutzbares Temperaturniveau zur Gebäudebeheizung gebracht. Zur Kälteerzeugung sind die reversiblen Wärmepumpen vorgesehen, die Abwärme des Gebäudes wird über die Erdsonden an das Erdreich, beziehungsweise Grundwasser abgegeben und dient idealerweise zur Regeneration der Erdreichtemperatur, um eine ausgeglichene Jahresbilanz im Erdreich zu erreichen

Energiekonzept (Zeichnung: ROBERTNEUN™)
Auf welche Erfahrung konnten Sie bei der Bearbeitung zurückgreifen?

Wir arbeiten seit 20 Jahren als Architekt*innen an verschiedensten Aufgabenstellungen und Projektgrößen. Lebensmittelgroßhandel, Wohnen, Arbeiten, urbane Hybride, Schulen, Forschung, Denkmäler, ..... Insofern gibt es einen breiten Erfahrungsschatz hinsichtlich der Stadt und Architektur, mit dem reichhaltigen Schatz unserer heterogenen Städte mit ihren Bestandsbauten. Zudem beschäftigen wir uns anhand von Wettbewerben im Team mit Kollegen wie bollinger+grohmann, Christoph Gengnagel, Transsolar, Matthias Rammig oder Atelier Loidl, Leo Grosch mit exakt den aktuellen und relevanten Fragen. Wir sind keine Fans der Referenzkultur des deutschen Wettbewerbswesens, in dem selbst Büros wie wir eigentlich keine Chance haben, bei Aufgaben zugelassen zu werden, die sie noch nicht dreimal in den letzten 10 Jahren gebaut haben. Wer wundert sich dann noch über die wenig erfrischende Baukultur.

Siemensstadt 2.0 Berlin - Modul 1 (Visualisierung: Philipp Obkircher)
Siemensstadt 2.0 Berlin - Modul 1 (Visualisierung: Philipp Obkircher)
Neugestaltung der Siemensstadt 2.0 Berlin - Modul 1
Einladungswettbewerb
 
Auslober/Bauherr: Siemens AG, München, Berlin, München, Köln, Hamburg Betreuer: [phase eins], Berlin
 
Jury
Stefan Behnisch, Vors. | Christian Bohne | Thomas Braun | Barbara Ettinger- Brinckmann | Prof. Kees Kaan, Stefan Kögl | Regula Lüscher | Tobias Micke | Prof. Ivan Reimann | Prof. Manuel Scholl | Julia Tophof | Prof. Sophie Wolfrum
 
1. Preis
Architekt: ROBERTNEUN™, Berlin
Tragwerksplaner: Bollinger+Grohmann, Frankfurt am Main, Berlin, München, Wien, Paris (FR), Oslo (NO), Melbourne (AU), Rom (IT), Brüssel (BE), Budapest (HU) TGA/Energie: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart, München, New York, NY (US), Paris (FR) https://german-architects.com/de/transsolar-klimaengineering-stuttgart
 
2. Preis
Architekt: KUEHN MALVEZZI, Berlin 
 
3. Preis
Architekt: LIN Architekten Urbanisten, Berlin

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