Forschen und Experimentieren

Behnisch Architekten
26. Februar 2020
Blick über den Hof auf das Smart Living Lab (Visualisierung: moka-studio)

Behnisch Architekten gewinnen den Wettbewerb um den Neubau eines Gebäudes für das Smart Living Lab im schweizerischen Fribourg. Stefan Rappold stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Im schweizerischen Fribourg soll am zentral gelegenen ehemaligen Standort der Kardinalbrauerei das Smart Living Lab entwickelt werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das Smart Living Lab soll Forschergruppen die Möglichkeit bieten, in interdisziplinären Teams wissenschaftlich zu arbeiten und ihnen ein Experimentiergelände für die Erforschung nachhaltigen Bauens zur Verfügung stellen. Das Grundstück und seine unmittelbare Umgebung liegen auf dem Areal der ehemaligen Kardinalbrauerei im Stadtzentrum von Fribourg, wo schon seit einigen Jahren kein Bier mehr gebraut wird. Einige der Brauereigebäude wurden bereits abgebrochen, rückgebaut oder einer anderen Nutzung zugeführt. Ziel ist es, aus dieser Industriebrache ein neues Stadtquartier zu formen, das blueFACTORY-Quartier, eine Art Forschungs- und Wissenschaftsatelier, das Kulturschaffende und Akteure aus Wirtschaft, Innovation und Gesellschaft miteinander vernetzt. Markant und für die ersten Entwurfsgedanken von großer Bedeutung sind ein alter, schützenswerter Silo und ein ehemaliger Schornstein – für die zukünftige Entwicklung des neuen Quartiers werden sie identitätsstiftend sein; der Bezug zur Brauereivergangenheit bleibt mit ihnen sichtbar erhalten. Für das gesamte Areal liegt ein Masterplan vor, der das Gebiet zukünftig baulich neu ordnet und auch verdichtet. Das Grundstück des Smart Living Lab befindet sich im Zentrum des Gebiets. Ihm wird eine symbolträchtige, zentrale Bedeutung im Areal zukommen.

Konzept (Piktogramme: Behnisch Architekten)
Wie kamen Sie zum vorgeschlagenen Baukörper?

Das Smart Living Lab wurde als Ableger der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne gegründet und ist ein Forschungszentrum für die Zukunft der bebauten Umwelt. Hier wird auf einem Experimentiergelände, unter realen Bedingungen, interdisziplinär zu nachhaltigem Bauen geforscht. Die Latte war somit hochgelegt: Das neue Gebäude stellt zugleich den Kontext, das Objekt und das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung dar. Ziel und Aufgabe für uns war es, ein besonders nachhaltiges Gebäude zu entwickeln. Ebenso sollte das neue Haus den Anforderungen an einen besonderen Quartierbaustein mehr als gerecht werden. Eine Vielzahl von Parametern mussten bereits im Rahmen des Wettbewerbsverfahrens untersucht werden. Ebenso sollte ein Konzept entwickelt werden, das den Energieverbrauch im zukünftigen Betrieb auf ein Minimum reduziert. Der effiziente Einsatz von grauer Energie musste in verschiedenen Berechnungsmodellen bereits im Wettbewerb nachgewiesen werden. Materialien und Konstruktionsmethoden waren mit Hinsicht auf Lebenszyklus und Graue Energie sorgfältig zu wählen. Um eine gute Ausgangslage für weitere Planungsschritte definieren zu können, war es wichtig, sich zuallererst mit der Größe des Gebäudes, der notwendigen Gebäudekubatur und dem Verhältnis von umbautem Raum zu Fassadenfläche auseinanderzusetzten. Darüber hinaus schien es uns unabdingbar zu verstehen, welches die differenzierten Anforderungen der einzelnen Funktionsbereiche sind und welche Rückschlüsse sich daraus ziehen lassen. Fragen nach möglichen unterschiedlichen klimatischen Notwendigkeiten im Inneren mussten beantwortet werden. Aus der Summe dieser Untersuchungen hat sich schlussendlich ein Baukörper entwickelt, der einerseits kompakt ist, aber dennoch in einer näheren Betrachtung eine vielschichtige Differenziertheit aufweist und die inhaltliche Logik in der Anordnung der jeweiligen Funktionsbereiche exponiert.

Lageplan (Zeichnung: Behnisch Architekten)
Wie organisieren Sie das SSL?

Der Baukörper ist zunächst auf der Basis eines effizienten, sinnvollen und nachvollziehbaren Rasters der Primär-Tragkonstruktion entwickelt worden. Uns war es wichtig, neben der Kompaktheit gleichzeitig einen hochflexiblen Organismus anbieten zu können, der lebendig bespielt und zukünftig wandelbar genutzt werden kann. Es war aus unserer Sicht daher nahezu ausgeschlossen, an eine geschossweise trennende Kleinteiligkeit zu denken. Vielmehr waren wir der Ansicht, dass ein zusammenhängendes Raumgefüge den baulichen Rahmen bilden müsste, um das kommunikative Miteinander im Haus fördern. Die im Raumprogramm beschriebenen Abteilungen und die geforderten Räume haben wir in ersten Überlegungen den Etagen zugeordnet. Einige Funktionen, wie zum Beispiel die Cafeteria und die Labore im Erdgeschoss sowie die Experimentierflächen im obersten Geschoss sind weniger variabel. Für die Anordnung innerhalb des Gebäudes sind die Bezüge zur Umgebung wie Vorplatz oder Dachterrasse maßgebliche Einflussfaktoren. Alles andere ist flexibel und kann wieder verändert werden. Mit einem zweigeschossigen Baukörper dockt der Neubau an das bestehende Silo an. Wir hoffen, dass unsere Idee zur Aktivierung einer Bar in der obersten Etage des Silos umgesetzt werden kann, sodass das neue Haus auch funktional mit Relikten der Brauerei in einen spannungsreichen Dialog treten kann.

Grundrisse Erdgeschoss und 2. Obergeschoss (Zeichnungen: Behnisch Architekten)
Schnitt (Zeichnung: Behnisch Architekten)
Welche Innenraumqualitäten waren Ihnen wichtig?

Die konzeptionelle Idee war, zunächst nur die technisch notwendigen Einbauten wie Installationskerne, eine notwendige Fluchttreppe und Stützen als feste, unverrückbare Elemente zu sehen. Alles Weitere sollte leicht modifizierbar sein. Der Charakter des vertikal Verbindenden wurde über einen zentralen, sich über alle Ebenen öffnenden Luftraum eingebracht. Die darin angeordneten, leichten und filigran gestalteten Treppen verbauen den Raum nicht; sie lassen ein großes Maß an Tageslicht bis in die Tiefen des Innenraums fallen. Desweiteren interagiert das Gebäude mit seiner Umwelt. In die Fassaden integrierte Wintergärten schaffen eine Verbindung zwischen Innen- und Außenwelt: An den geschossübergreifenden „Schaufenstern zur Stadt“ und „interaktiven Ausstellungsvitrinen“ kann die Öffentlichkeit das betriebsame Innenleben des Hauses ablesen. Außerdem leisten diese Zwischenzonen einen Beitrag zur Vielfalt verschiedener Raumtypen und Qualität des Arbeitsumfeldes. Das neue Haus wirkt offen und einladend. Die üppig bepflanzten Wintergärten dienen dem Gebäude als „grüne Lunge“; Außenluft wird hier vortemperiert bevor sie in das Innere des „Living Labs“ strömt. Die Materialität und Haptik der eingesetzten Materialien sowie die sichtbare Holzkonstruktion des Tragwerks und thermisch aktivierte Lehmdecken sorgen für eine wohnliche, angenehme Atmosphäre.

Atrium (Visualisierung: moka-studio)
Was leisten Fassaden und Struktur hinsichtlich der Zielvorgabe der „2.000-Watt-Gesellschaft“?

Die Fassade, die thermische Hülle des Hauses, muss hierzu einen ganz besonderen Beitrag leisten. Bei der Fassadengestaltung geht es daher weit mehr darum, als nur den Innenraum vom Außenraum zu separieren oder gar eine formale Idee als ausreichend zu empfinden. Die thermische Hülle muss sich demnach aus den inhaltlichen Anforderungen heraus entwickeln und darf unter keinen Umständen rein dekorativ sein. Zunächst einmal folgt die Grundgliederung der Fassade den Prinzipien der Tragstruktur und der Höhenstaffelung der einzelnen Ebenen im Inneren. Die einzelnen Fassadenelemente haben wir als Füllelemente konzipiert, die vorgefertigt in die Konstruktionselemente eingesetzt werden. Je nach Himmelsrichtung und Orientierung werden diese Elemente individuell gewählt, sodass Tageslichtausnutzung und Sonnenschutz für die jeweilige Fassade maßgeschneidert entwickelt werden können. Feststehende Sonnenschutzelemente aus vertikal und horizontal angeordneten Lamellen erfüllen nicht nur die Anforderungen zur Verschattung, sondern verleihen dem Baukörper auch eine feingliederige Differenziertheit. Die Fassade ist außerdem wandelbar und kann intelligent auf saisonale Anforderungen reagieren: Die transparenten und großformatigen „Schaufenster“-Elemente lassen sie sich im Sommer öffnen, im Winter jedoch, im geschlossenen Zustand, bieten sie dem Haus die Raumqualitäten eines lichten Wintergartens.

Wintergarten (Visualisierung: moka-studio)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Das Studienauftragsverfahren mit vier teilnehmenden Teams lief von Januar bis Mai 2019. In dieser Zeit fanden auch zwei Zwischengespräche statt, bei denen sich die Teams austauschen konnten, bevor die fertigen Projekte am 6. Juni 2019 vorgestellt wurden. Planungsbeginn war November 2019, geplanter Baubeginn ist 2021 und die geplante Eröffnung im Jahr 2023.

Neubau eines Gebäudes für das Smart Living Lab (SSL) in Fribourg (CH)
Studienauftragsverfahren
 
Auslober/Bauherr: smart living lab, Fribourg (CH), blueFACTORY Fribourg-Freiburg AG, Fribourg (CH)

Gewinner
Architekt: Behnisch Architekten, Stuttgart (DE), München (DE), Boston (US), Los Angeles (US)
Fachplaner: Drees & Sommer Schweiz GmbH, Basel (CH), Basel (CH), Zürich (CH)
Tragwerksplaner: ZPF Ingenieure AG, Basel (CH)

Vorgestelltes Projekt

pape + pape architekten

Energiespeicher Hildesheim

Andere Artikel in dieser Kategorie

Qualitäten stärken
vor 2 Wochen
Postindustrieller Charme
vor einem Monat
Kompakt und zweigeteilt
vor 2 Monaten
Prägnant im Raum
vor 2 Monaten