Begehbare Gebäudeskulptur

Hascher Jehle Architektur
6. November 2019
Blick von Süden auf das Volkstheater Rostock (Visualisierung: Hascher Jehle Architektur)

Hascher Jehle Architektur gewinnt den Wettbewerb um den Theaterneubau in Rostock. Rainer Hascher stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

In der Rostocker Innenstadt soll ein Vier-Sparten-Theater entstehen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das Wettbewerbsgrundstück bildet die städtebauliche Verbindung zwischen dem denkmalgeschützten historischen Stadtzentrum, dem Stadthafen und dem Nordufer der Warnow. Der Neubau des Theaters in diesem Bereich soll ein wesentlicher Beitrag zur Stärkung des Rostocker Stadtbildes und ein wichtiger Stadtimagefaktor werden. 

Das gesamte Gebäude wird vor allem für die Theaternutzung, die Arbeitsräume des Ensembles sowie begleitender ergänzender Nutzungen geplant. Dabei sollen sich moderne Theatertechnik, variable Spielmöglichkeiten und Komfort für Angestellte und Besucher in den Flächenzuordnungen widerspiegeln. 

Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Gastronomie gelenkt werden. Hier sind Synergien zwischen Versorgung der Angestellten und einer exklusiven Gastronomie, die sich die Lage und Blickbeziehungen in die Wallanlagen, zur Warnow und in die Ferne zu eigen macht, zu entwickeln.

Lageplan (Zeichnung: Hascher Jehle Architektur)
Worin lag die Herausforderung der Aufgabenstellung?

Die Wirkung des Gebäudes soll im Umfeld und darüber hinaus prägend und von besonderer gestalterischer Qualität sein. Die Kubatur soll dabei der besonderen Nutzung, dem zentralen Standort und einer weiten Fernwirkung gerecht werden. Das fordert die besondere Lage des Grundstückes und die gesuchte Wirkung des Gebäudes als Solitär sowie der öffentliche Charakter des angrenzenden Umfeldes. Durch die Lage des Projektes im Stadtzentrum von Rostock ist der Bauraum stark begrenzt. Die angrenzenden Freiflächen sollen in ihrer jetzigen Größe nur unwesentlich beschränkt werden, um die bisherigen Nutzungen auch weiterhin zu sichern. Durch den Ort innerhalb der historischen Stadtbefestigung ist das Plangebiet zudem ein wichtiges Element der historischen Stadtsilhouette Rostocks und verlangt einen sensiblen Umgang bei der Entwicklung der städtebaulichen Gesamtkonzeption. 

Die Planung muss die städtebaulich vorhandenen Baukanten berücksichtigen, um die funktionelle und stadtgestalterische Verbindung zum vorhandenen Umfeld erlebbar zu machen. 

Ein sinnvoller Abschluss der Langen Straße, ein ausreichend großer Vorplatz vor dem Haus der Schifffahrt und die freie Blickbeziehung zum Wasser waren entscheidende Forderungen der Auslobung. 

Wie kamen Sie zu dem vorgeschlagenen Baukörper?

Der Neubau des Volkstheaters Rostock bildet den fehlenden Abschluss an der Langen Straße und nimmt die Bauflucht der vorhandenen historischen Bausubstanz auf. 

Die Lange Straße wird an ihren Enden von städtebaulichen Hochpunkten geprägt: Die Marienkirche im Osten, das Haus der Schifffahrt und das Radisson Hotel am westlichen Ende. Die markante Höhe des Bühnenturms des Theaters setzt den Bestandsgebäuden auf der Westseite der Langen Straße ein Pendant entgegen und bildet hier einen weiteren Hochpunkt. 

Gemeinsam mit dem Radisson Hotel erzeugt der Neubau eine signifikante Torwirkung am Beginn der Langen Straße als Auftakt zur Altstadt. Die organische Form des Neubaus unterstreicht die Trichterform des neuen Stadttores. 

Geschwungene, gegeneinander versetzte Kubaturen bilden eine begehbare Gebäudeskulptur, die auf der Dachterrasse des Bühnenturms einen hochattraktiven Rundumblick über die Altstadt zur Warnow Richtung Ostsee bietet. Hier schlagen wir einen Veranstaltungsbereich mit gastronomischer Nutzung vor. 

Der neue repräsentative Theatervorplatz wird über die vorgegebenen 30m nach Westen hin erweitert und orientiert sich in seiner Breite am gegenüberliegenden Vorplatz des Radisson Hotels. Zusammen mit dem Platz am Bussebart entsteht eine Abfolge von Plätzen und Freiräumen, die den Stadthafen mit der Kröpeliner Straße und der Altstadt stadträumlich verbindet. Der großzügige Theatervorplatz erhält die freie Blickbeziehung zum Wasser. 

Durch die Auskragung des Gebäudes an der Langen Straße zum Theatervorplatz wird der Eingangsbereich auf selbstverständliche Weise betont. 

Piktogramm Erschließung (Zeichnung: Hascher Jehle Architektur)
Können Sie uns durch das Projekt führen, als ob es schon fertiggestellt wäre?

Die Besucher erreichen das Foyer über den neuen Theatervorplatz, ein zusätzlicher Nebeneingang für die Raumbühne wird von der Langen Straße aus angeboten. Das Foyer umschließt den großen Saal sowie die Raumbühne und entwickelt sich entlang der Langen Straße und dem östlichen Theatervorplatz. Das Foyer weitet und verengt sich und wird so auf selbstverständliche Weise zoniert. 

Konzipiert ist ein „Großes Haus“ mit einer weitestgehend klassischen aber beweglichen Guckkastenbühne und einem Zuschauerraum mit einer Gesamtanzahl von 650 Zuschauerplätzen. Die zweite Bühne ist als Raumbühne mit ebenfalls beweglichem Portal und einer maximalen Anzahl von 200 Zuschauerplätzen geplant. Beide Bühnen sind auf einer gemeinsamen Ebene mit höhengleichem Anschluss an ein gemeinsames Foyer angeordnet. Die Pausengastronomie ist ebenfalls so im Gebäude angeordnet, dass diese von beiden Veranstaltungsbereichen genutzt werden kann. 

Eine großzügige Glasfassade verknüpft Innen- und Außenraum. Das Theater präsentiert sich als offenes Haus und erhält eine große Präsenz im Stadtraum. Besucheraufzüge verbinden das Foyer mit dem Restaurant, der Tiefgarage sowie dem Veranstaltungsbereich mit Aussichtsplattform auf dem Dach des Bühnenturms. 

Die Anlieferung wird im äußersten Nordwesten des Wettbewerbsgebietes vorgesehen. Sie tangiert den Platz am Bussebart nur minimal und tritt optisch in den Hintergrund. 

Die multifunktionale Nutzung des Platzes am Bussebart bleibt erhalten. Durch das Zurückweichen der Gebäudekante nach Südwesten entsteht sogar zusätzliche Freifläche. 

Schnitt (Zeichnung: Hascher Jehle Architektur)
Ebene 2 – Eingangsgeschoss (Zeichnung: Hascher Jehle Architektur)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Das Besucherrestaurant auf der Ebene 5 und das Panoramacafé auf der Dachterrasse des Bühnenturms lassen sich auch über den Außenraum unabhängig von den Öffnungszeiten des Theaters erreichen. Eine großzügige Freitreppe entwickelt sich in Form einer spiralförmigen Bewegung um den Sockelbereich und den Bühnenturm des Theaters herum und definiert die skulpturale Erscheinung der Gebäudekubatur. 

Auf der Dachterrasse des Bühnenturms bietet sich dem Besucher ein Rundumblick über die Altstadt und zur Warnow Richtung Ostsee. 

Der Bühnenturm wird zum leuchtenden Signet der Stadt. 

Blick in den Saal (Visualisierung: Hascher Jehle Architektur)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Das Theater soll sich als ein einladender, heller Baukörper im Stadtraum präsentieren. Wir schlagen dafür eine hinterlüfftete Fassade aus hellen, vertikal stehenden Keramikstäben vor. Diese vertikale Stabstruktur entspricht der geschwungenen Grundgeometrie des Entwurfskonzepts, ermöglicht durch unterschiedliche Abstände auch eine gute Belichtung untergeordneter Räume und formt dabei einen homogenen Gesamtbaukörper. 

Der Bühnenturm ist als zweischaliger Baukörper mit einer transparenten Hülle und einem opaken Kern konzipiert. Der sich ergebende Zwischenraum nimmt die Treppen auf. 

Detail (Zeichnung: Hascher Jehle Architektur)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Baubeginn soll 2022 sein. Die Fertigstellung soll noch 2025 erfolgen, sodass das Theater 2026 eröffnet werden kann. 

Blick von Norden (Visualisierung: Hascher Jehle Architektur)
 
Theaterneubau in Rostock
Verhandlungsverfahren mit zwischengeschaltetem Architekturwettbewerb

Auslober/Bauherr: Eigenbetrieb „Kommunale Objektbewirtschaftung und -entwicklung der Hanse- und Universitätsstadt Rostock“, Rostock
 
Jury
Maik Buttler | Prof. Dr. Volker Droste | Prof. Ulrike Lauber | Prof. Manfred Ortner | Dr. Anke Schettler | Peter Eickholt | Torsten Ruwoldt

1. Preis
Architekt: Hascher Jehle Architektur, Berlin
 
ein 3. Preis
Architekt: PFP Planungs GmbH Hamburg, Hamburg
 
ein 3. Preis
Architekt: Bez + Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart

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