Städtebaulicher Ideenwettbewerb Weissenhof 2027 entschieden

Manuel Pestalozzi
27. Juni 2022
Die Visualisierung des Siegerprojekts zeigt das Empfangs- und Besucher*innenzentrum von der Hermann Lenz-Höhe her, wo der Strassenzug Am Kochenhof endet und der Campus der Akademie der Bildenden Künste (links) ins Areal der Weissenhofsiedlung (rechts) übergeht. (Visualisierung: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart)

2027 wird die Weissenhofsiedlung in Stuttgart 100 Jahre alt. Ihre 21 Häuser für die Internationale Bauausstellung des Deutschen Werkbundes 1927, die unter der künstlerischen Leitung von Mies van der Rohe entstanden, sind wichtige Zeugen der klassischen Architekturmoderne. So gehören die zwei Häuser von Le Corbusier zum UNESCO Weltkulturerbe. Das Jubiläum ist Ausgangspunkt für die Internationale Bauausstellung 2027 (IBA’27), die in Stuttgart und der Region vorbereitet wird. Der Ideenwettbewerb wurde ausgelobt mit der Absicht, den Städtebau im Bereich Am Weißenhof/Kunstakademie zu rekapitulieren und fortzuschreiben. Dafür war ein ganzheitliches städtebauliches Leitbild zu entwickeln, durch dessen Umsetzung eine zeitgemäße Symbiose von Architektur und Denkmalpflege herbeigeführt werden soll.

Der siegreiche Entwurf hat das Potenzial, das Quartier zu verfestigen. (Plan: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart)

„Der internationale Ideenwettbewerb zum Weissenhof ist für die IBA’27 eine Herzensangelegenheit“, kommentierte Andreas Hofer, Intendant der IBA’27, das Ausschreiben, „in ihrem heutigen Zustand ist die Siedlung und ihr Umfeld dem IBA-Ausstellungsjahr nicht gewachsen, sowohl logistisch für den erwarteten Besucheransturm als auch baukulturell.“ Zu den Aufgaben des Wettbewerbs gehörten ein konzeptioneller Entwurf zu mehreren Einzelprojekten, so für ein Besucher*innen- und Informationszentrum mit hybriden Nutzungen am Eingang des Quartiers, beim Übergang von der Siedlung zum Campus der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, am Ende des Straßenzugs Am Kochenhof. Der Campus soll bei dieser Gelegenheit ebenfalls weiterentwickelt werden und Erweiterungsbauten erhalten. Für diesen Entwicklungsschritt war ein städtebauliches Experimentierfeld auf dem städtischen Grundstück Bruckmannweg 10, eine Brache mitten in der historischen Werkbundsiedlung, zu bearbeiten. Im Gesamten erwarteten die Auslobenden, die Landeshauptstadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg in Kooperation mit derIBA’27, die Herstellung räumlicher und funktionaler Bezüge zwischen den einzelnen Bausteinen am Weißenhof, eine Definierung des Städtebaus der Neubauten und konzeptionelle Ideen zur weiteren Entwicklung des Areals.

Das Empfangsgebäude soll sich terrassiert nach Norden in das Campusgelände ausdehnen und Teil der Freiraumanlage werden. (Plan: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart)

Insgesamt wurden 35 Beiträge eingereicht. Das Feld der Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmer war international, Beiträge kamen unter anderem aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Spanien, Polen, Bulgarien, Frankreich und den USA. Es gab mehrere länderübergreifende Arbeitsgemeinschaften. Das international hochkarätig besetzte Preisgericht unter Vorsitz von Prof. Dörte Gatermann entschied am 21. Juni, fünf Preise und zwei Anerkennungen zu vergeben. Der erste Preis des Wettbewerbs ging an die Arbeitsgemeinschaft Schmutz & Partner Freie Architekten Innenarchitekten PartG mbB mit Scala Freie Architekten Stadtplaner und Pfrommer + Roeder GbR, alle Stuttgart. Für das Preisgericht war ausschlaggebend, dass diese Arbeit vielschichtige stadträumliche und architektonische Verknüpfungen zwischen Akademie, der Weissenhofsiedlung, der südwestlich von ihr anschließenden Beamt*innensiedlung und der Brenzkirche am Kochenhof schafft. Die bislang heterogene Situation im weiteren Quartier wird nach seinem Urteil durch einen selbstbewussten und angemessenen städtebaulichen Vorschlag verbessert und aufgewertet. Der Entwurf setze an den richtigen Orten kräftige bauliche Akzente und vervollständige den Akademiecampus auf selbstverständliche und funktional überzeugende Weise.

Das Experimentierfeld auf dem Grundstück des einstigen Döcker-Hauses mitten in der Weissenhofsiedlung soll von wechselnden Akteur*innen bespielt werden können. (Plan: Schmutz & Partner mit Scala und Pfrommer + Roeder, alle Stuttgart)

„Auf die widersprüchlichen Einschränkungen des anonymen Wettbewerbs fanden vorwiegend lokale Planungsteams die besten Antworten“, kommentierte Andreas Hofer das Resultat des Ideenwettbewerbs, „als Schlüssel erwiesen sich dabei die Erweiterungspläne der Akademie und das hier vorgesehene Empfangs- und Besucher*innenzentrum, das bis 2027 fertiggestellt sein soll. Es ermöglicht außerhalb der kleinteiligen Strukturen der Siedlung eine großzügige Empfangssituation, die räumliche Verhältnisse am Killesberg klärt und ganz praktische Probleme der Ankunft löst. Auf dieser guten Basis lässt sich jetzt eine freiräumliche, ökologische, verkehrliche und denkmalpflegerische Diskussion führen, wie sich der Weissenhof und die Brenzkirche in das neue Gefüge einordnen können, ohne dass sie ihre Geschichte verlieren.“

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