Österreich: Von Tradition und Adaption

Elias Baumgarten
18. April 2023
Foto: Christian Flatscher

Ausbleibende Schneefälle, angegriffene Berghänge mit geschädigter Flora und lange Autostaus in die Alpen – kann der Skisport in Zeiten des Klimawandels noch eine Zukunft haben? Wohl ist einem jedenfalls nicht, wenn in der sensiblen Berglandschaft Tirols weiter neue Bauten für den Tourismus entstehen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass viele Regionen in den Alpen wirtschaftlich stark vom Tourismus abhängig sind. Der Dokumentarfilm „Alpenland“ des österreichischen Filmemachers Robert Schabus, der voriges Jahr am Zurich Film Festival Aufmerksamkeit erregte, verdeutlicht das eindrücklich.

In Tirol sind immer wieder ästhetische Bauten in den Bergen entstanden. Man denke nur an die Aussichtsplattform Top of Tyrol am Stubaier Gletscher des Innsbrucker Büros LAAC (2009) oder den „Perspektivenweg“ auf der Nordkette von Snøhetta (2018). Ästhetisch und räumlich überzeugend ist auch der Aussichtsturm, den sich die Alpbacher Bergbahnen nun unterhalb des Gipfelaufbaus des Wiedersberger Horns geleistet haben. Auch dieser Holzbau, der regionale Bautraditionen neu interpretiert, stammt aus der Feder des Teams von Snøhetta. Das norwegische Büro betreibt in Innsbruck ein eigenes und sehr erfolgreiches Studio und ist in Tirol vielleicht besonders für den Firmensitz des Reiseveranstalters ASI in Natters (2019) bekannt, einen ökologischen Vorzeige-Bau.

Foto: Christian Flatscher
Foto: Christian Flatscher
Foto: Christian Flatscher

Über einem betonierten Sockel, in dem sich der Kontrollraum des nebenan frisch erneuerten Sessellifts befindet, erhebt sich ein zweistöckiger turmartiger Bau, auf dem zuoberst eine Aussichtsplattform eingerichtet ist. Insgesamt 13 Meter ist die Holzkonstruktion hoch. Inspiration fanden die Architekt*innen in den Stuben der historischen Tiroler Bauernhäuser. Im unteren Teil des ungeheizten Innenraums ist das hölzerne Tragwerk verkleidet, weiter oben hingegen wird es offen gezeigt. Wie von Snøhettas Team beabsichtigt, entstehen so Assoziationen zu landwirtschaftlichen Bauten. Der Raum ist wie bei einer Schutzhütte frei zugänglich – konsumiert werden muss dort nichts. Dieser Ansatz gefällt. Platz nehmen können die Besucher*innen auf verschiedenen Plattformen.

Die Fassade besteht aus Schindeln, die ein lokaler Unternehmer in Handarbeit angefertigt hat. Wie die Gestaltung des Inneren soll dies einen Bezug zur Tiroler Bautradition schaffen. Auch diese Lösung hat etwas für sich, zumal es eine aufwendige Kunst ist, Holzschindeln von Hand herzustellen. Leider gerät sie leider allmählich in Vergessenheit und nur noch wenige im Alpenraum beherrschen sie.

Foto: Christian Flatscher
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