Nachhaltiges Universitätsklinikum

Manuel Pestalozzi
24. Oktober 2022
Die Bettengeschosse des Klinikums sind in Holzbauweise geplant. (Visualisierung: HPP Architekten / moka-studio)

Der Neubau der Neuen Medizinischen Klinik (NMK) am Universitätsklinikum Tübingen (UKT) entsteht auf dem Schnarrenberg, nordwestlich des Stadtzentrums. Dort ist die Mediznische Klinik seit den 1960er-Jahren angesiedelt. Das Projekt folgt den Rahmenideen der Masterplanung und hat die bauliche Struktur der Krankenversorgung zu komplettieren. Es nimmt im Sinne dieser Rahmenideen die Gebäudekanten des Bestandes der Crona-Klinik auf und setzt sich baulich von dieser ab. Für die Aufgabe wurde ein internationaler Wettbewerb mit 17 Architekturbüros aus verschiedenen Ländern Europas ausgeschrieben und im April dieses Jahres entschieden. Nun wurde bekannt, dass dem Team des drittrangierten Projektes von White Arkitekter, Stockholm, mit HPP Architekten GmbH, Düsseldorf durch die Vermögen und Bau Baden-Württemberg der Zuschlag erteilt wurde. Zum Planungsteam gehören auch die Werner Sobek AG, Stuttgart, und die GREENBOX Landschaftsarchitekten, Köln.

Weshalb wurde letztlich dem drittrangierten Projekt den Vorzug gegeben? Die zuständigen Stellen haben das bisher nicht öffentlich bekannt gegeben. Näheres wusste die Journalistin Sabine Lohr vom Schwäbischen Tagblatt in Erfahrung zu bringen. So schön sich der Siegerentwurf in den Hang schmiege, so wenig anpassungsfähig sei er an den täglichen Betrieb im Klinikum, schreibt sie. Nachdem die drei preisgekrönten Büros ihre Entwürfe nach den Anregungen der Jury umgearbeitet hatten, sei das deutlich geworden. Prof. Michael Bamberg, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums, meinte gegenüber der Journalistin, für die Abläufe im Klinikalltag seien die Gebäudeteile ungünstig angeordnet, manche Flure zu schmal gewesen, das Verwaltungsgeschoss habe ganz gefehlt und die Anbindung an die Crona-Klinik habe zu wünschen übrig gelassen. Beim zweitrangierten Projekt sei das ähnlich gewesen. Nur beim Entwurf von White Arkitekter seien diese Dinge „deutlich anders“ angelegt. „Ich bin begeistert“, so Prof. Bamberg, „das war mein heimlicher Favorit.“

Deutlicher kann die Desavouierung einer Wettbewerbsjury wohl kaum ausfallen. Das Finanzministerium habe der Einschätzung des Klinikumschefs zugestimmt, steht im Zeitungsartikel. Und Baubürgermeister Cord Soehlke stellte das im Wettbewerb drittrangierte Projekt in der dritten Oktoberwoche im Planungsausschuss des Gemeinderats vor. „Ich jubel zwar nicht“, wird der Politiker im Schwäbischen Tagblatt zitiert, „die Stadt stellt sich aber auch nicht dagegen.“ Immerhin gebe es aus nahezu jedem Fenster eine tolle Aussicht! Um das Instanzengestolper komplett zu machen, findet im Beitrag auch noch Elena Haller, Architektin bei Vermögen und Bau Baden-Württemberg und zuständig für den Hochbau am Universitätsklinikum, Erwähnung. Sie habe im Planungsausschuss betont, dass dieser Entwurf im Wettbewerb „der nachhaltigste“ gewesen sei. Der Entwurf habe den geringsten CO2-Fußabdruck aller [Wettbewerbsprojekte] gehabt und sei „im Ansatz“ ein Passivhaus.

Das sich nun in Richtung Ausführung entwickelnde drittrangierte Wettbewerbsprojekt sieht eine horizontale Zwei- bzw. Dreiteilung des Gebäudes vor, in einen Sockel, ein aufgelöstes Verbindungs- bzw. Hybridgeschoss (das dem Sockel zugeordnet werden kann) sowie in aufgesetzte Pflegebereiche. Der Sockel des Gebäudes folgt in seiner Ausgestaltung dem Verlauf des Hanges, die Verbindungsebene bildet eine transparente Fuge zwischen dem Sockel und den Flügeln der Pflegebereiche. Große, gut angebundene Bereiche sowie kurze Wege versprechen effiziente Abläufe und eine große Flexibilität hinsichtlich zukünftiger Entwicklungen. Die Pflegebereiche sind so konzipiert, dass der Ausblick aus den Patient*innenzimmern in die Landschaft gewährleistet ist.

Im Verbindungsgeschoss schafft eine Magistrale Übersicht. (Visualisierung: HPP Architekten / moka-studio)
Skandinavische Expertise inklusive

Mit einem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit soll der Neubau der Medizinischen Klinik in ressourcenschonender und CO2-reduzierter Konstruktionsweise erfolgen. Holz, das als wesentliches Material in den Bettengeschossen eingeplant ist, begünstigt die Nachhaltigkeitsbilanz in Kombination mit den nachwachsenden Rohstoffen für Fassade und Ausbau. Man rechnet mit einer deutlichen Einsparung von Treibhausgasemissionen. Die Demontagemöglichkeit und Trennbarkeit der Konstruktionen soll zudem eine spätere Wiederverwendung der Komponenten als Ganzes oder die Rückführung in den Recyclingprozess zulassen.

„Die enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen White Arkitekter und HPP Architekten bündelt die kreativen und fachlichen Kompetenzen zur Erreichung der Ziele“, wird Volker Biermann, verantwortlicher Partner der Wettbewerbsbearbeitung bei HPP, zitiert. Kristin Schmitt, leitende Architektin bei White Arkitekter, fügt hinzu: „Wir fühlen uns geehrt, mit der Gestaltung der neuen Medizinischen Klinik des Universitätsklinikum Tübingen betraut worden zu sein. Wir freuen uns auch, dass wir unser Wissen über komplexe Gesundheitsprojekte sowie die skandinavische Expertise über Holzarchitektur einbringen können.“ Gemäss dem Universitätsklinikum Tübingen wird der sogenannte „Gelenkbau“ den ersten Bauabschnitt der zukünftigen neuen Medizinischen Klinik bilden. Er verbindet die Innere Medizin mit den bestehenden Crona-Kliniken. Die Fertigstellung des Gelenkbaus gilt als Auftakt für die Schaffung eines neuen zentralen Haupteingangs der Schnarrenbergkliniken mit einer interdisziplinären Patienten- und Notaufnahme. Baubeginn ist 2026, die Fertigstellung ist für 2031 geplant. Die Kosten für die Errichtung des Gelenkbaus werden aktuell mit ca. 250 Millionen Euro beziffert.

Die Holzkonstruktion soll in den Bettenzimmern erkennbar sein. (Visualisierung: HPP Architekten / moka-studio)

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