Interiors im Schloss Bellevue – Bild-in-Bild-Betrachtung

Manuel Pestalozzi
13. April 2020
Ansprache auf Augenhöhe: Der Bundespräsident sitzt in seinem Amtszimmer. (Video-Einzelbild: © ARD-aktuell / tagesschau.de)

Viele Museen und Veranstaltungen lassen sich nicht mehr besuchen. Aber manche kommen auf digitalem Weg zu uns; Kulturinstitutionen haben auf die durch COVID-19 bedingten Schließungen schnell reagiert und virtuelle Besichtigungsprogramme online gestellt. Aber man braucht gar nicht weit zu suchen für interessante Exkursionen in die existierende Welt mit ihren Schätzen. Dieser Redakteur stieß bereits bei der «Ansprache zur Corona-Krise von Bundespräsident Steinmeier» im ARD vom 11. April 2020 auf kulturell-architektonische Impulse, welche seine schreibenden Finger zum Zucken brachten und die Recherchierlust weckten.

Der Bundespräsident nutzte das Osterwochenende zu einer Ansprache an die „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Er suchte und fand Worte des Trosts und der Unterstützung. Vielen geht es während Predigten, die nicht ausdrücklich erregen wollen, ähnlich: Der Geist driftet ab, der Fokus verschiebt sich. So stehen beispielsweise plötzlich die Bilder im Zentrum, die auf den Tastendruck erscheinen. In diesem Fall ist es eben der Bundespräsident im Schloss Bellevue, seinem Amtssitz in Berlin. Bei Sendebeginn wird die Residenz von einer Drohne aus beträchtlicher Höhe, mit der Skyline der Hauptstadt im Hintergrund, angeflogen.

Nach einer Ankündigung dessen, was kommen wird, verlässt die Übertragung diese Position über dem Ehrenhof des Schlosses und wechselt in einen Innenraum. Hinter einem Schreibtisch sitzt der Bundespräsident für seine Ansprache. Sein Gegenüber ist ein Kameraauge, das offenbar fix montiert ist. Sanfte Zoom-Bewegungen, die den Sprecher näher rücken, dann wieder an Distanz gewinnen lassen, sind die einzigen Änderungen im Ausschnitt. Die Bildschirmpräsenz erinnert an einen Austausch per Skype, Bundespräsident Steinmeier könnte in dieser Form eine Zoom-Konferenz-Kachel sein, auch wenn hier kein interaktiver Austausch stattfindet. Es ist jedenfalls eine Ansprache auf Augenhöhe: Ein Sitzender richtet sich an Sitzende. Eine frontale Begegnung von Anfang bis Ende. Diese Darstellungsmethode hat die digitale Technik bisher nicht revolutioniert.

Zur Innenarchitektur: Offenbar findet die Aufnahme nicht in einem Studio statt, sondern in einem «reellen» Raum, in einem gebrauchstauglichen Interieur. Der Bundespräsident ist aus dem Bildzentrum leicht nach links gerückt, rechts hinter ihm hängen die Fahnen der Bundesrepublik und der Europäischen Union ordentlich von unsichtbaren Vorrichtungen. Vor seiner rechten Hand liegt ein kleines Blumenarrangement in den Farben Gelb, Rot und Grün, vor seiner linken ein offenbar angejahrter analoger Aktenumschlag mit einem Bundesadler auf dem Deckel. Die Unterarme liegen auf einer Schreibunterlage aus Leder, gelegentlich werden sie leicht angehoben, die präsidialen Hände trennen sich, finden wieder zusammen. Es ergibt sich das Bild einer sorgfältig inszenierten Biederkeit. Sie vermittelt die Ruhe, Beharrlichkeit und Solidität (keine Experimente!), von der man sich wohl vorstellt, dass sie von einer Mehrheit des Publikums erwartet wird. Die Innenarchitektur ist eigentlich minimalistisch, sie zeigt das Büroumfeld eines Direktionszimmers, in dem weniger repräsentiert als gearbeitet wird. Tageslicht lässt sich nicht ausmachen. So viel Studioatmosphäre muss sein!

Ziemlich bald gleitet der Blick nach oben. In einem vergoldeten Rahmen hängt über dem Bundespräsidenten ein Gemälde, das ziemlich groß sein muss. Es ist nur der untere Teil zu sehen. Weiß bestrumpfte Waden stehen in eleganten Schnallenschuhen auf nackter Erde, so viel lässt sich feststellen. Zwischen den Beinen sitzen zwei Mädchen in Sonntagskleidern. Das Gemälde, das zur empfundenen Biederkeit nicht so recht passen will, ist in seiner partiellen Sichtbarkeit eine vermutlich unbeabsichtigte Irritation. Was ist das? Worum geht es? Die Website www.bundespraesident.de verrät es: Das Tableau hängt im Amtszimmer des Bundespräsidenten: „Der Weimarer Musenhof. Schiller in Tiefurt dem Hof vorlesend“, (1860) von Theobald Reinhold von Oer. Das Bild im Amtszimmer des Bundespräsidenten zeigt also wie sich der Hof und die Intelligenz versammelt, offenbar in idealisierter, überhöhter Form. Deutschland, wie es sein will? Elitär und verträumt?

Ein Stilbruch? Das Gemälde über dem Bundespräsidenten, „Der Weimarer Musenhof. Schiller in Tiefurt dem Hof vorlesend“, (1860) von Theobald Reinhold von Oer zeigt eine imaginäre Versammlung der politischen und geistigen Eliten. (Bild: Wikimedia Commons)

Der Gemäldeausschnitt im Bild der Sendung deutet eine stilistische Hilflosigkeit an, die selbstverständlich über die COVID-19-Krise hinausgeht, während dieser aber besonders grell aufleuchtet: Wir wissen nicht mehr so recht, wo wir sind, in welchem Bezug wir zur Tradition stehen und mit welchen gestalterischen Mitteln oder Gesten wir die Gegenwart anpacken sollen. Das gilt in besonderem Maß für die Architektur, wie es sich etwa zeigt im Widerstreit der Anhängerinnen und Anhänger dessen, was als ein bestimmtes „kulturelles Erbe“ verstanden wird und jenen, welche zur Überzeugung gelangt sind, dass etwas Neues und ein Stilbruch nötig sind. Den Musentempel mit der Kalliope gibt es im Schlosspark Tiefurt in Weimar übrigens bis heute zu bewundern, auch wenn das im Gemälde dargestellte Treffen (das aktuell selbstverständlich von der Polizei augenblicklich aufgelöst würde!) nie stattgefunden hat. Was beweist, dass gute, symbolbeladene Architektur zum Träumen bewegen kann!

Musentempel mit einer Kalliope-Skulptur im Schloßpark Tiefurt in Weimar: Ein realer architektonischer Pavillon inspirierte ein idealisierendes Gemälde. (Foto: © R.Möhler/Wikimedia Commons)

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