Inszenierte Raumfolge

Ulf Meyer
10. März 2021
Eingang zum Rara-Lesesaal in der Staatsbibliothek zu Berlin (Foto: PK / Jörg F. Müller)

Die Staatsbibliothek Unter den Linden ist das Stammhaus der größten wissenschaftlichen Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum. Es ist eines der größten Gebäude Berlins und wurde nach Entwurf von HG Merz Berlin | Stuttgart umfassend saniert und dabei neu konzeptioniert.

Die StaBi Ost in Berlin wurde 1914 von Ernst von Ihne errichtet. Ähnlich wie im Bode-Museum hat er das Riesen-Gebäude als Inszenierung sich steigernder Räume konzipiert. Hinter der neobarocken Fassade zum Boulevard verbirgt sich ein technisch hochwertiger Bau. Die Magazingeschosse sind als Stahlbau mit eingehängten Zement-Blechplatten als Geschossdecken (Lipman-Regalsystem) ausgeführt, der neben der Last der Bücher auch Fassade und Dach trägt. Besonders der Lesesaal wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und die Kriegsschäden sind vor 1999 nur unzureichend beseitigt worden. 

Bei der Grundinstandsetzung wurde die StaBi um einen neuen Lesesaal vervollständigt. Im Architektenwettbewerb aus dem Jahr 2000 hatte sich Merz mit seiner „Orientierung an den Charakteristika des Bestandsgebäudes“ durchgesetzt. Der Bibliotheksbetrieb sollte über die Bauzeit hinweg aufrechterhalten werden. 

Über die restaurierten großflächigen Fenster fällt Tageslicht in das Entrée (Foto: BBR / Jens Andreae)

Grundgerüst der Bibliothek ist seine axiale Erschließung, eine Abfolge von Räumen mit dem Kuppel-Lesesaal als Höhepunkt. Der Entwurf von HG Merz folgt diesem Konzept und stellt mit seinem neuen Baukörper funktionale und gestalterische Zusammenhänge wieder her. Der Neue Lesesaal befindet sich an der Stelle des früheren Kuppel-Lesesaales, der neue „Rara-Lesesaal“ für seltene Drucke und Schriften liegt an der Stelle des Universitätslesesaales. Das Zentrum blieb an alter Stelle.

Auftakt der Dramaturgie repräsentativer Räume ist die Lindenhalle an der Straße Unter den Linden mit Zugängen zur Generaldirektion und zur Akademie der Wissenschaften. Der Ehrenhof bildet das Bindeglied zum Haupteingang. Die Erschließung aller Lesesäle erfolgt über die Treppenhalle mit ihrem wiederhergestellten Tonnengewölbe und das Vestibül mit neu erstellter Kuppel. Im Vestibül und damit im 1. Obergeschoß befindet sich nun die Zutrittskontrolle. Damit bleibt im Erdgeschoss ein ungehinderter Zugang frei.

Einblick in den großen Lesesaal (Foto: PK / Jörg F. Müller)

Von hier aus sind über Gänge und Treppen die Lesesäle der Sonderabteilungen und die Rechercheplätze zugänglich. In Verlängerung des zentralen Treppenaufgangs befindet sich im Neubau ein Foyer mit Buchausgabe und Informations-Theke. Mit seinem roten Teppich ist der Aufgang zum Lesesaal nicht zu verfehlen. Der von allseitig einfallendem Tageslicht erfüllte Saal bildet als Höhepunkt das Finale des „Weges zum Buch“. Im Zentrum sind die Leseplätze, umgeben von Regalwänden mit Freihandbeständen. Im Allgemeinen Lesesaal erhebt sich über den Regalen ein Lichtkörper aus weißer Textilbespannung an Stelle der einstigen steinernen Kuppel.

Gegenüber dem historischen Saalniveau wurde der Lesesaal um ein Geschoss angehoben, um vom Foyer aus auch den dahinter liegenden Rara-Lesesaal zu erschließen. Er ist einer der reizvollsten Räume des Gebäudes, da hier Gestaltungselemente in den neu gebauten Raum integriert wurden. Gegenüber seinem historischen Vorgänger wurde dieser Saal um ein Geschoss angehoben. Damit ist im Erdgeschoss Raum ein weiterer Zugang von der Dorotheenstraße aus möglich geworden. Wie zuvor bei der gegenüberliegenden Staatsoper hat HG Merz bewiesen, dass er bei der Sanierung der großen Kulturbauten aus preußischen Erbe gestalterisches Fingerspitzengefühl mit denkmalpflegerischer Expertise verbindet.

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