Chipperfield machte das Rennen

Manuel Pestalozzi
4. Februar 2020
Bescheidener Untertan des Gesamteindrucks – die James Simon-Galerie auf der Museumsinsel in Berlin von David Chipperfield Architects. (Foto: Simon Menges)

Der DAM-Preis 2020 geht an David Chipperfield Architects für den Neubau der James Simon-Galerie in Berlin. Die Qualität des somit als „herausragend“ zertifizierten Baus besteht darin, dass er eben nicht herausragt.

Sicher fühlt der DAM-Preis, mit dem das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main seit 2007 jährlich Architektur in Deutschland auszeichnet, auch der kulturellen und emotionalen Befindlichkeit der Bevölkerung – oder zumindest der maßgebenden Entscheidungsgremien – auf den Zahn. Er zeigt, was von „guter Architektur“ erwartet wird. Ob sie hochtrabend sein soll oder doch eher der Leisetreterei verpflichtet. Ob sie ein prägnantes politisches Statement abgeben muss oder als Liebhaberei und Schmuckstück daherzukommen hat.

In der Ausgabe 2020, die Vergebung erfolgte bereit zum vierten Mal in enger Kooperation mit JUNG, standen die Zeichen definitiv auf Neo-Biedermeier; 100 bemerkenswerte Gebäude oder Ensembles waren nominiert, 26 Projekte schafften es auf die Shortlist, fünf wurden zu Finalisten erkoren. Zu den dominierenden Bauaufgaben gehört in Deutschland nach wie vor der Wohnungsbau, sowohl als (nachverdichtender) Neubau wie auch als Weiterbau oder Umnutzung von Bestandsbauten. Dies steht in der Pressemitteilung zum Preis, offenbar war das auch bei der Sichtung der Eingaben stark spürbar. Dennoch erhielt mit der James Simon Galerie ein „neuer, gelungener Stadtbaustein“ in einem kaum bewohnten, repräsentativen Stadtzentrum die Auszeichnung. Der Inhalt des Stadtbauseins: Ein genügend großer Museumsshop, Aufzüge, Garderoben und Toilettenanlagen für eine immer größer werdende Schar an kulturinteressierten Besuchern, ein Vortragssaal, ein Café und Restaurant sowie eine eigene allgemeine Wechselausstellungsfläche – Funktionen, die auf der über 100jährigen Museumsinsel in der Mitte Berlins bisher „übersehen worden waren oder noch nicht auf der Agenda standen im 19. Jahrhundert“.

Besonders hervorgehoben wird vom Entscheidungsgremium die Qualität des Objekts. Materialien und Ausführung seien exquisit gewählt und gefügt: im Inneren glatter Sichtbeton, der in Kontrast gesetzt ist zu einer transluzenten Marmorwand oder Furnieren aus dunklem Walnussholz, die Handlaufe und Beschlage aus Bronze, die Boden aus Muschelkalk. Draußen veredelt und unterstreicht ein Marmorzuschlag im Beton den strahlenden Charakter des neuen Baus. Bescheiden, doch gleichzeitig mit dezenter, kostbarer Opulenz begegnet hier die Bauherrschaft, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seinem Publikum.

Die fünf Finalisten-Projekte werden im DAM im 3. OG bis am 10. Mai 2020 präsentiert.

Die Oberflächen in der James Simon-Galerie sind schlicht und gleichzeitig gediegen. (Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects)

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