Vielfältig Halle an der Saale erkunden

Katinka Corts
28. September 2022
Kulturstiftung des Bundes, 2012, Dannheimer&Joos Architekten (Foto: Tomasz Lewandowski)

Halle an der Saale ist eine Großstadt mit rund 240’000 Einwohnern, im Osten Sachsen-Anhalts gelegen, sie teilt sich mit der westsächsischen Stadt Leipzig den Flughafen. Die Saalestadt ist alt, mit tausendjähriger Altstadt erstreckt sich ihre Baugeschichte durch wirre Kriegszeiten, sozialistische und kapitalistische Staatssysteme sowie diverse Umbrüche in der Zeit nach der politischen Wende. Halle kennen viele als Stadt des Plattenbaus, da das westlich der Saale gelegene Halle-Neustadt der bestehenden Altstadt und den Gründerzeitbau-Quartieren drum herum ein ungleiches Pendant bietet. Die Planer*innen der Retortenstadt begegneten dem Wohnungsbedarf von 100’000 Menschen mit standardisierten großformatigen Beton-Plattenbauten – Halle-Neustadt war eine der größten zusammenhängenden Plattenbausiedlungen der DDR. Nach 1989 wendete sich das Blatt, dem Wegzug aus der verfallenden Altstadt folgte der Rückzug in die nun Stück für Stück sanierten Häuser der Altstadt. Was Glück für die Altstadt bedeutete, hatte dramatische Konsequenzen für die Neustadt, die Autoren des Architekturführers nennen das in der Einleitung „bauliche und soziale Erosion“. Die Sanierung des Stadtbilds in den vergangenen 30 Jahren und zeitgemäße Schließungen von Baulücken fühlen sich wie eine Heilung lange bestehender Wunden an.

Wandbilder, 1975, baugebundene Monumentalkunst von Josep Renau (Foto: Tomasz Lewandowski)
Biologicum der Universität, 1999, Kister Scheithauer Gross Architekten (Foto: Tomasz Lewandowski)
Aufgefrischter und detaillierterer Neuling

Holger Brülls und Thomas Dietzsch haben im Buch mehr als dreihundert Objekte versammelt, die das Werden der Stadt illustrieren. Der Architekturführer ist dabei die Weiterführung eines Bandes, der 2000 im Dietrich Reimer Verlag erschien und um 45 Objekte schlanker war. Mit aufgefrischten Texten und – wo immer möglich – neuen Bildern aus dem Blick des Fotografen Tomasz Lewandowski, Ergänzungen zu Bauten der „Ostmoderne“ und Spaziergang-Vorschlägen ist das Buch nun weit mehr als ein reiner Reisebegleiter. Gleich zu Beginn fällt der umfassende Exkurs zur Geschichte der Stadt auf, zu dem die Autoren auf über 30 Seiten einladen. Abwechslungsreich liest sich das, und bereits hier werden Verknüpfungen zu den Bauten gemacht, die in den späteren Kapiteln zu finden sind und jeweilige Bauepochen stellvertretend illustrieren. 

Villa Steckner, 1903, Reinhold Knoch und Friedrich Kallmeyer (Foto: Tomasz Lewandowski)
Heinrich-Heine-Straße 6–10, 1930, Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides (Foto: Tomasz Lewandowski)
Umbrüche im Stadtbau-Geschehen

Ein wichtiger Bruch in der Stadtentwicklung Halles ist der Bau der Straßenbahn. Um 1900 wächst die Bevölkerung der Stadt enorm, das mittelalterliche Straßennetz wird dicht bebaut und neuen Wünschen hinsichtlich der Verkehrserschließung fällt dabei so manche historische Bauflucht zum Opfer. Ab 1891 wird in Halle das erste elektrisch betriebene Straßenbahnnetz Deutschlands aufgebaut. „Es kommt zu der für die hallesche Altstadt so kennzeichnenden Verbindung von mittelalterlicher Engräumigkeit und großvolumiger Neubebauung, deren bedrängende Wirkung durch die zeittypisch opulente Materialwahl und Dekorationssucht verstärkt wird“, erläutern das die Autoren. 

Für einen anderen Bruch im Stadtbild ist knapp ein halbes Jahrhundert später die städtebauliche Politik in der DDR verantwortlich. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Stadt mit 15% zerstörtem Altstadtbereich zwar weniger Verluste zu beklagen als die Nachbarstädte Dessau, Leipzig und Magdeburg, ab den 1960er-Jahren jedoch wird wenig in die Gestaltung und Entwicklung der Altstadt investiert und stattdessen die eingangs bereits erwähnte „Chemiearbeiter-Stadt“ westlich der Saale gebaut – ein laut den Autoren „fatales Zusammenspiel von politisch hingenommenem Stadtverfall und gezielter Stadtzerstörung bei gleichzeitiger exzessiver Neubauproduktion.“ Auch heute noch gibt es Wunden aus dieser Zeit, zum Beispiel eine Lücke am Markt, an deren Ort früher das gotische Rathaus stand. Nach dem Krieg war dessen Ruine abgetragen worden – obwohl ein Wiederaufbau möglich gewesen wäre – und die Schließung der Lücke sowie die Fassung des Marktplatzes im Allgemeinen ist bis heute Thema.

Marktkirche St. Marien, 1539/1554, Caspar Krafft, Nickel Hoffmann, Thomas Rinckler (Foto: Tomasz Lewandowski)
Vielschichtig nutzbarer Begleiter

Im Architekturführer ist die Stadt in elf Bereiche unterteilt, die fußläufig etappenweise besucht werden können. Wunderbar gelöst: Trotz formatbedingt engem Raum ist jedes Objekt neben dem Text mit mindestens einem Plan verortet oder erklärt, mal sind es Lagepläne zur Situation, mal Grundrisse, mal auch Schnitte. Verglichen mit dem Architekturführer zu Dresden ergibt das eine ganz andere Greifbarkeit der Objekte und verstärkt das Verständnis für die Bauten – Bravo! Standardmäßig ist auch hier neben jedem Objekt ein kleiner QR-Code gedruckt, der zum Standort auf dem digitalen Stadtplan führt. Auch im Unterschied zur Dresdner Version legen die Autoren stark Wert darauf, die Orientierung im und mit dem Buch zu erleichtern. So gibt es in der vorderen Klappe einen Überblick zu den Stadtteilen (die Detailkarten sind im Annex), in der hinteren einen Liniennetzplan von Halle. Im dicken Annex finden sich zusätzlich verschiedene Sortiersysteme: Nach „Architekten und Künstler“, in dem die Werkautor*innen mit den jeweiligen Bauten aufgeführt sind, finden sich unter „Historische Bauten“ alle Objekte nach Bauepochen gegliedert. Doch auch eine Sortierung nach „Baugattungen“ ist verfügbar, anhand der man beispielsweise sehr einfach alle Industriebauten der Stadt finden kann.

Was im Geleitwort von René Rebensdorf, Architekt BDA und Beigeordneter der Stadt Halle (Saale) für Stadtentwicklung und Umwelt, zu lesen ist, kann hier nur bekräftigt werden: „Der [...] Architekturführer steht beispielhaft für eine gute Innen- und Außenwirkung der Stadt. In ihm besitzt Halle eine hochwertige Dokumentation für gelungene Architekturbeispiele der vergangenen Jahre.“ Mögen viele Architekturinteressierte künftig mit diesem Büchlein in der Hand auf Stadterkundung gehen.

Architekturführer Halle an der Saale

Architekturführer Halle an der Saale
Holger Brülls, Thomas Dietzsch

134 × 245 mm
416 Seiten
800 Illustrationen
Paperback
ISBN 9783869220932
DOM publishers
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