Sächsischer Staatspreis Ländliches Bauen 2023

Regional und gemeinschaftsfördernd

Katinka Corts
29. November 2023
Staatspreis Öffentliche Nutzung: Pfarrscheune Kitzen. Ulrike Kabitzsch, Freie Architektin (Foto: Lena Unger)

»Kultur ist entweder das größte Hindernis oder der stärkste Beschleuniger von Innovation. Innovative Gesellschaften zeichnen sich durch Offenheit, Mut und Veränderungsbereitschaft aus«, heißt es in der Innovationsstrategie des Freistaates Sachsen. Auch die Weiterentwicklung und Vermittlung von Baukultur trägt dazu bei, dass Veränderungen sichtbar werden – beispielsweise, wenn aus baufälligem Bestand in einem Dorf durch das Engagement vieler neue Nutzungsmöglichkeiten im Ort entstehen. 

Um baulichen Entwicklungen auch auf dem Land zu fördern und bekannter zu machen, werden alle zwei Jahre gebaute Projekte mit dem Sächsischen Staatspreis für ländliches Bauen ausgezeichnet. Dieses Mal konnten aus insgesamt 118 Einreichungen je ein Projekt in den Kategorien »Wohnen«, »Gewerbliche Nutzung«, »Öffentliche Nutzung« und »Multiple Nutzung« ausgezeichnet und mit je 5000 € Preisgeld gewürdigt werden. Mit der Auszeichnung wird die Leistung aller am Bau Beteiligten gewürdigt, richtet sich also an die Bauplanenden genauso wie an die Bauherrschaft und das Handwerk. 

Der Staatspreis würdigt die gebauten Projekte von Bauherrschaften, Architekt*innen und Bauhandwerk, die einen Beitrag zur Baukultur im ländlichen Raum leisten und damit »ihre Region positiv prägen«. Zugelassen waren Projekte, die sich im Freistaat Sachsen in einem Dorf oder einer ländlichen Kleinstadt bzw. deren Umgebung befinden und nicht älter sind als fünf Jahre.

Staatspreis Öffentliche Nutzung: Pfarrscheune Kitzen. Ulrike Kabitzsch, Freie Architektin (Foto: Lena Unger)
Staatspreis Öffentliche Nutzung: Pfarrscheune Kitzen. Ulrike Kabitzsch, Freie Architektin (Foto: Lena Unger)
Staatspreis Öffentliche Nutzung: Pfarrscheune Kitzen

»So wenig wie möglich und so viel wie nötig« war das Motto bei der
Lösung dieser anspruchsvollen Bauaufgabe. Das Ergebnis beeindruckte sowohl die Jury, als auch die Leute im Ort. Nach einer sorgfältigen Sanierung ist ein multifunktional nutzbarer, barrierefreier Raum mit Küche, WC und einer Künstlerwerkstatt entstanden. Es finden hier verschiedene Veranstaltungen, musikalische Proben und sogar ein Weihnachtsmarkt statt. Bereits im Prozess der Entstehung, mit vielen Arbeitseinsätzen und einer Menge Eigenleistung wird hier Gemeinschaft gelebt.

Der Wettbewerbsbeitrag setze dem allgemeinen Streben nach Perfektion das besondere Wissen um das wirklich Notwendige entgegen. Der sparsame Umgang mit Ressourcen durch die Bergung wiederverwendbarer Baumaterialien, die Reparatur der Holzkonstruktion, das Aufarbeiten
historischer Bauteile, wie der Scheunentore, und nicht zuletzt das Weglassen der Beheizung durch die bewusste Entscheidung für den Sommerbetrieb zeichnet dieses Objekt mit einem konsequent nachhaltigen Ansatz aus, heißt es in der Publikation zum Preis.

Staatspreis Wohnen: Waldhaus. Florian Voigt / Büro Voigt (Foto: IPP)
Staatspreis Wohnen: Waldhaus. Florian Voigt / Büro Voigt (Foto: IPP)
Staatspreis Wohnen: Waldhaus. Florian Voigt / Büro Voigt (Foto: IPP)
Staatspreis Wohnen: Waldhaus, Tellerhäuser / Breitenbrunn

Im höchstgelegenen Dorf des Erzgebirges ist aus einem baufälligen Gebäude ein bemerkenswertes Wohnhaus als Treffpunkt für die große Familie entstanden. Mit seiner schwarzen, senkrechten Holzverschalung erinnere es an die ortstypischen Scheunen. Das Erdgeschoss und die Giebelmauern aus Bruchsteinmauerwerk konnten erhalten werden, die anderen Bauteile mussten aufgrund starker Schäden erneuert werden.

Im Bericht heißt es: »Die Handschrift des jungen Architekten zeigt sich in einer detailgenau überlegten Planung und konsequenten baulichen Umsetzung mit örtlichen Handwerkern. Ihm ist mit seinem ersten Auftrag für den neuen ländlichen Wohnsitz der Eltern eine überzeugende Umformung des Bestandes gelungen.«

Staatspreis Gewerbliche Nutzung: Kulturfabrik Schönbach. Konzept Jeanette Faust & Ulrich Nether, Ausführung Hubertus Sauer (Foto: Ines Pöschmann-Panzer)
Staatspreis Gewerbliche Nutzung: Kulturfabrik Schönbach. Konzept Jeanette Faust & Ulrich Nether, Ausführung Hubertus Sauer (Foto: Ines Pöschmann-Panzer)
Staatspreis Gewerbliche Nutzung: Kulturfabrik Schönbach. Konzept Jeanette Faust & Ulrich Nether, Ausführung Hubertus Sauer (Foto: Ines Pöschmann-Panzer)
Staatspreis Gewerbliche Nutzung: Kulturfabrik Schönbach

Auszug aus dem Bericht: Das Ensemble der um das Jahr 1890 in Schönbach errichteten Fabrikgebäude steht exemplarisch für viele von der Industrialisierung geprägte Bereiche in sächsischen Dörfern und Kleinstädten. Zahlreiche dieser Fabrikanlagen sind seit Anfang der 1990er Jahre ohne Nutzung. Antworten auf die Frage, wie diese für die Identität des Ortes wichtigen Gebäude ressourcenschonend eine neue Funktion erhalten können, gibt das Umbauprojekt zur »Kulturfabrik« in Schönbach.

Ein besonderer Fokus lag auf der niederschwelligen Instandsetzung des Vorhandenen. Fußböden und Fabrikfenster wurden erhalten, Möbel aufgearbeitet, Deckenhöhen und alte Farbanstriche belassen. Stahlstützen und -träger wurden eisgestrahlt und gestrichen, sodass wertvolle Details ohne Verkleidung weiterhin sichtbar sind. Ein neuer Aufzug im alten Schacht verbindet die Etagen barrierefrei. Der Backsteinbau erhielt in der obersten Etage einen Ringanker und eine Stahlbetondecke, auf der Ferienwohnungen mit Terrasse errichtet wurden. Geheizt wird mit Hackschnitzeln einer angrenzenden Holzbearbeitungsfirma.

Staatspreis Multiple Nutzung: KulturReWIR, Wachau. Architekt Holm Törne (Foto: Holm Törne)
Staatspreis Multiple Nutzung: KulturReWIR, Wachau. Architekt Holm Törne (Foto: Sabine Zimmermann-Törne)
Staatspreis Multiple Nutzung: KulturReWIR, Wachau. Architekt Holm Törne (Foto: Ines Pöschmann-Panzer)
Staatspreis Multiple Nutzung: KulturReWIR, Wachau

Das barocke Pfarrhaus von 1780 stand lange leer und war demzufolge stark sanierungsbedürftig. Die neue Eigentümerfamilie aus Dresden hat hier ihre Vorstellungen für ein multiples Nutzungskonzept von öffentlicher Begegnung, Wohnen und Arbeiten in ländlicher Umgebung umgesetzt. Während das Erdgeschoss erneut kirchlich genutzt wird, befinden sich in den anderen Geschossen die Räume des neu gegründeten Vereins ORLA e.V., der Kunstschaffenden Möglichkeiten zum freien Arbeiten anbietet, sowie der private Wohnbereich der Familie.

Laut Jurybericht sei es hervorragend gelungen, einen lebendigen Ort in diesem historisch wertvollen Baubestand zu etablieren, der durch die soziokulturellen und kirchlichen Initiativen Begegnung ermöglicht. Er ist eine Bereicherung für die Einwohner und Gäste Wachaus und des Umlandes.

Die Auswahl der Staatspreise in den vier Kategorien sowie der 22 Auszeichnungen erfolgte in zwei Jurysitzungen, zudem bereisten die Jurymitglieder 35 der Objekte. Neben der gestalterischen Qualität waren auch andere Kriterien entscheidend, darunter die Barrierefreiheit, der Bezug zu regionalen Bauformen und Bauweisen und gemeinschaftsfördernde Ansätze. Der Fokus lag dabei auf dem ressourcenschonenden Umbau von Gebäuden und dem Bauen im Einklang mit der gewachsenen historischen Siedlungsstruktur.

Jury für den Sächsischen Staatspreis Ländliches Bauen 2023
– Ines Pöschmann-Panzer (Vorsitz), Freie Architektin pöschmann.panzer architekten Schlettau im Erzgebirge und Vizepräsidentin der Architektenkammer Sachsen
– Christine Tenne, Architektin für Stadtplanung und freie Landschaftsarchitektin Dresden
– Lena Unger, Meier Unger Architekten PartG mbB Leipzig
– Christian Meyer, Bauoberrat a. D.
– Architekt Heiko Vogt, Sächsisches Staatsministerium für Regionalentwicklung, Referent

Vorgestelltes Projekt

Benjamin von Pidoll | Architektur

Villa Mau

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