DoCoMoMo virtuell

Ulf Meyer
3. März 2021
Die Architekten der Moderne waren z.B. fasziniert von den Getreidesilos in Nordamerika, wie hier in Mossleigh, Alberta (Foto: Bernard Spragg. NZ, CC0, via Wikimedia Commons)

Die 18. docomomo-Tagung beschäftigte sich mit den Themen „Infrastruktur und Versorgungstechnik“. In einzelnen Vorträgen waren gelungene Sanierungsbeispiele zu sehen, insgesamt fehlt jedoch noch ein umfassendes Schutzkonzept für Infrastrukturbauten. Ulf Meyer berichtet vom Tagungsgeschehen.

Bis Oktober müssen Bewerbungen aus Deutschland für eine Eintragung in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes eingereicht werden. Ein Antrag auf Listung eines Infrastrukturgebäudes wird nicht dabei sein. Das ist befremdlich, denn Versorgungstechnik ist ein zentraler Bestandteil der modernen Welt und ihr Denkmalwert ist erheblich. Wie wichtig Hygiene in Großstädten ist, zeigt sich auch heute angesichts der Corona-Krise überdeutlich. Das Thema treibt Städtebauer und Architekten der Moderne seit mindestens einhundert Jahren um. Die 18. DoCoMoMo*-Tagung hatte ihr Konferenz-Thema „Infrastruktur und Versorgungstechnik“ also treffsicher gewählt. Die Tagung fand virtuell statt, das Bauhaus Dessau war die gastgebende Institution.

Warum in der Ankündigung „Bauten für die Post und das Gesundheitswesen, Arbeitsämter, Theater oder Kinos“ benannt wurden, blieb ein Rätsel, denn darum ging es auf dieser Tagung ebenso wenig wie die moderne Haustechnik (Heizung, Klimatisierung, Aufzüge, Telefon, Licht), die ebenfalls fälschlicherweise im Einladungs-Text genannt wurden. Wie genau der Begriff „Infrastruktur“ zu definieren sei, darüber bestand kein Konsens: Die Gastgeberin selbst, Regina Bittner von der Stiftung Bauhaus Dessau, bohrte das Thema übermäßig auf, um auch ihre Studien zu Getreidesilos im Mittelwesten der USA in den thematischen Bogen spannen zu können.  
Die Denkmalpflegerin Ulrike Wendland hingegen blieb in ihrem Beitrag näher am Thema und arbeitete heraus, wie zunächst im Geist des Historismus moderne Ingenieursbauwerke überformt und in „gediegenen Hüllen“ daherkamen (Wendland), Die Verkleidung passte zunächst nicht zur Formensprache der Moderne, es gab im Gegenteil einen bizarren „Bruch zwischen moderner Technik und Rückwärtsgewandtheit der Hüllen“, so die Expertin. Erst in der Weimarer Republik wurden „Strommasten als Fortschrittssymbole“ verehrt. Dem Konstanzer Bauhistoriker Andreas Schwarting sei sogar aufgefallen, dass eine Überlandleitung in der Bauhaus-Siedlung in Törten in einem Foto aus der Nachkriegszeit herausretouchiert wurde. Ingenieure, die mit Umbauten von Infrastrukturgebäuden beauftragt werden, „gehen selber ruppig mit Technikdenkmälern um“, hat sie bemerkt. Wendland plädierte dafür, „eine gemeinsame Sprache zu finden!“.

Das Umspannwerk von Hans Heinrich Müller von 1925 am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg ließ sich gut umnutzen. (Foto: Gunnar Klack, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Hubert Staroste sprach über E-Werke, Umspannwerke und Trafostationen in Berlin, die in den letzten Jahren reihenweise umgenutzt wurden. Die 14 Abspannwerke in Berlin wurden alle erhalten und teils von prominenten Architekten wie Max Dudler und Paul Kahlfeldt umgebaut, darunter die Bauten der Stromversorgung von Hans Heinrich Müller, die das Stadtbild prägen. Die Umspannwerke waren schon vor der Umnutzung von ihrer Technik befreit worden und konnten so leichter zu „Büro-Kathedralen“ umgebaut werden.
Grundsätzlicher holte Jörg Haspel aus, der erläuterte, wie die Moderne überhaupt aus Sicht der UNESCO kanonisiert wird. Das „Welterbe der Moderne“ muss bisher weitgehend ohne Zeugnisse der Infrastruktur auskommen. Die Telekom-, Stoff-, Transport- und Energie-Infrastruktur bedürfen einer „Lückenschließung“. Seriellen Nominierungen räumt er bessere Chancen auf Anerkennung ein. Der Internationale „Rat für Denkmalpflege (ICOMOS)“ und das „International Committee for the Conservation of the Industrial Heritage“ (TICCIH) sind lange sensibilisiert für derlei Fragen der „aktiven Denkmalpflege“. Die Initiative „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst“hat daran wenig geändert. Auch der Versuch, Berlin als „Elektropolis“ zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären zu lassen, scheiterte einstweilen. Die „Integrität“ und „Meisterwerk-Fähigkeit“, wie Haspel es nannte, macht die Werke „weniger bild-mächtig als Hochbauten“. Selbst wenn es nicht um Strom- oder Telegrafen-Masten geht, sondern um die eleganten Radio-Türme von Wladimir Schuchow von 1922, ist bei der Weltkulturerbe-Liste in Sachen Technik-Denkmäler Fehlanzeige.
Alle Fernsehtürme ebenso wie die U-Bahnnetze fehlen, auch wenn Brücken und drei Bahnstrecken eingetragen sind. Noch nicht einmal der Flughafen Tempelhof in Berlin, der als „Mutter aller modernen Flughäfen“ gilt – von Denkmalwert für Raumfahrtstationen ganz zu schweigen.

Aber die Dinge werden mittelfristig in Fluss kommen. Denn „Alles fließt“ – wie Andreas Schwarting seinen Vortrag betitelte, der sich mit der „Materialisierung des Flüchtigen“ beschäftigte. Die Wasserversorgung am Bodensee hat faszinierende Technikbauten im Geist von Ludwig Mies van der Rohe hinterlassen. Der Bauhäusler Hermann Blomeier wurde 1955 mit der Realisierung des Seepumpwerks in Sipplingen beauftragt. Ab 1958 wurde die Bodensee-Wasserversorgung in Betrieb genommen, deren größter Teil unterirdisch ist. Dem Bodensee wird Wasser entnommen, auf dem Sipplinger Berg aufbereitet und über die Schwäbische Alb nach Stuttgart geführt. Die gestalterische Qualität der Anlagen ist ein Ausweis für eine gute Zusammenarbeit von Ingenieuren und Architekten – eine schöne Ausnahme für die zuvor aufgestellte Regel also!

* DoCoMoMo ist eine Vereinigung zur „Documentation and Conservation of Buildings of the Modern Movement“ und wurde 1988 in Eindhoven gegründet.

Die Bauten der Wasserversorgung Bodensee sind Perlen der Moderne (Foto: Manuel Heinemann, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons)

Andere Artikel in dieser Kategorie