Die Unbequemen

Katinka Corts
30. September 2020
Filmstill: Mayor / Courtesy of ZFF

Das Zürich Film Festival könnte so schön einfach und seicht sein: Ein bisschen Stargetümmel hier, etwas Blitzlicht dort, dazu die Parade auf dem Grünen Teppich. Oder aber man schaut die Dokumentarfilme, unter denen auch dieses Jahr der Publikumspreis vergeben werden wird. Dann glitzert die Welt wesentlich weniger, es bleibt einem aber auch mehr.

Dass das Filmfestival überhaupt stattfinden kann und das Programm nicht kleiner wirkt als in den vergangenen Jahren, ist ein Glück für die Stadt. Und zudem eine Chance für all jene Filme, die es womöglich nicht ins große Kino schaffen werden, weil sie den Stempel „Blockbuster“ nicht tragen. Zum Glück. Gut, Greta Thunbergs Film wird es dank ihrer internationalen Medienpräsenz sehr sicher zu großer Verbreitung und Bekanntheit schaffen. „I am Greta“, was für ein Titel, ein Film von Nathan Grossman, der für Drehbuch und Regie verantwortlich ist. Der junge Filmemacher reiste über zwei Jahre mit Greta Thunberg durch die Welt, zeigt sie bei, vor und nach Veranstaltungen, stark, aber auch verletzlich, fordernd und auch mal erschöpft. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig Anfang September hatte der Film Weltpremiere, mit der Vorführung zu Beginn des Zürich Film Festival (ZFF) kommt er auch in die deutschen Kinos.

Filmstill: I am Greta / Courtesy of ZFF

Ein anderer Film, der mir beim diesjährigen ZFF begegnet ist, heißt „Miraggio“. Die Schweizer Regisseurin Nina Stefanka und die Übersetzerin Balkissa Maiga porträtieren darin die jungen Männer Issa Dembele, Bubu Traore, Drissa Kamagoule, Sekou Coulibaly, Yassine Bah Daouda und Alassane Maiga. Sie flohen aus unterschiedlichen Gründen aus Mali und sind nun seit Jahren in Warteposition in Italien. Die Flucht bis hierhin dauerte bei Issa zehn Jahre, er kam über Algerien und Libyen. Nun lebt er desillusioniert als Obdachloser in den Straßen Roms. Drissa und Sekou leben in Asylzentren, aber auch bei ihnen prägt das quälende Warten jeden einzelnen Tag. Tagtäglich wird ihnen vor Augen gehalten, dass sie noch nicht angekommen sind und dass ihre Hoffnung auf ein würdevolles Leben in Europa unerfüllt ist. Nina Stefanka begleitet die Männer sehr diskret, zeigt ihren Alltag, lässt sie zu Wort kommen. Letzteres geschieht oft aus der Position einer zufälligen Beobachterin heraus. Mal sprechen drei der Männer miteinander über die Arten von Aufenthalts-, Arbeits- und Duldungsbewilligungen, mal filmt die Kamera in einem übervollen Raum der Ausländerbehörde, in dem zig Menschen darauf warten, aufgerufen zu werden und einen positiven Bescheid der Behörde zu bekommen. 

Der schwierigste Moment für mich in dem Film: Issa steht am Schalter vor dem Beamten, von dem er sich die ersehnten Papiere erhofft. Eine Bewilligung für den Aufenthalt könne er haben, wenn er eine mindestens dreimonatige Arbeit (die er hat) nachweist und seinen aktuellen Pass mitbringt. Den hat er nicht, er erklärt, dass er bei seiner Botschaft seit langem auf einen Termin für einen Passantrag wartet. Und der Beamte erklärt erneut, dass er sich bitte um einen Pass zu kümmern habe, sonst könne er nicht bleiben. Diesen Moment bannt Stefanka auf die Leinwand, die Kamera zeigt für eine gefühlte Ewigkeit Issas Blick, der sich kaum beschreiben lässt. Als Zuschauerin quält es, diese Mischung aus Resignation, Irritation, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit zu ertragen. 

Wenn sie keine Unterkunft in einem Asylzentrum gefunden haben, ist zudem für viele Geflüchtete die Unterbringung überhaupt nicht geklärt. Im Film ist zu sehen, wie Zelte und provisorische Baracken, in denen die Geflüchteten leben, geräumt und entsorgt werden. Stefanka wollte mit dem Film, so sagt sie im Interview, den Seelenzustand des Wartens abbilden, eine Art Vakuum. Sie hat starke Menschen kennenlernen dürfen, die immer weiter kämpfen, auch wenn sie nichts mehr haben, als ihr Leben. „Es hilft der Glaube an ein erwachendes Bewusstsein, der Glaube an eine drastische Veränderung“, so Maiga. „Denn im Moment sei Hoffnung ein großes Wort. “

Filmstill: Miraggio / Courtesy of ZFF

Der dritte Film, den ich kurz vorstellen möchte, ist „Mayor“. Regie, Produktion, Film – alles lag in den Händen David Osits, der als ebenfalls junger Filmemacher bereits einen Emmy für den Vorgängerfilm „Thank You For Playing“vorweisen kann. Für „Mayor“ begleitete er Musa Hadid, den Bürgermeister von Ramallah, über zwei Jahre. Während der Einstieg noch recht amüsant daherkommt – in einer Besprechung wird über Stadtmarketing diskutiert –, trüben recht schnell erste Schatten die Szenerie. Der Bürgermeister eilt von Termin zu Termin, mal geht es um defekte Abwasserleitungen, mal um einen Konflikt mit der Armee am Rande der Stadt. Zwischendurch steht er mit Lehrerinnen in einer Schule und bespricht die notwendigen Reparaturen oder diskutiert die anstehende Weihnachtsparade. In der Zeit des Filmdrehs verkündete Donald Trump im Alleingang, dass Jerusalem die Hauptstadt Israels sei und die US-Botschaft deshalb dorthin ihren Sitz verlegt. Hadid ist sichtlich bemüht, alle Probleme zu meistern und einen Flächenbrand in der Region zu vermeiden. Dennoch kommt es zu Ausschreitungen, als die israelische Armee in das Gebiet Ramallahs eindringt und Häuser durchsucht. Es fühlt sich an, wie ein Leben auf dem Pulverfass. Hadid spricht zu Beginn vor Studierenden sinngemäß: „Stadtpolitik ist wichtig, wir bauen unter widrigen Umständen die Infrastruktur, damit es den Menschen trotz der Besatzung Stück für Stück besser geht. “ Es ist ein schwerer Kampf, das merkt man als Zuschauer schnell, und Hadid berichtet davon auch auf internationalen Konferenzen. Einen Friedhof haben sie bauen wollen und es dauerte zehn Jahre, bis Israel den Bau bewilligte. Eine Kläranlage kann nicht gebaut werden, weil Ramallah nicht selbst über Land verfügen kann. Als eine deutsche Delegation zu Vermittlungsgesprächen eintrifft und ein Delegierter fragt, was denn passieren müsse, damit sich Hadid etwas öffnet, antwortet dieser sinngemäß: „Wissen Sie, wir sind zu vielem bereit, wenn man uns unsere Würde lässt. Aber solange wir uns an Kontrollpunkten nackt ausziehen müssen, weil bewaffnete 16jährige israelische Soldaten das verlangen, ist das abseits der Würde. “ Osits Bilder gehen nah und sind scharf, er begibt sich oft mitten ins Geschehen und zeigt uns den Alltag in einer politisch instabilen Region am Beispiel Ramallahs. Einmal blickt Hadid aus dem Fenster und wendet sich plötzlich einem Berater mit der Frage zu: „Sagen Sie, wissen die in Amerika eigentlich, wie wir hier leben?“ Die Antwort ist nein.

Was bleibt nun also nach diesen drei Filmen? Die Welt geht den Bach runter, und zwar nicht nur aufgrund eines Problems, sondern aufgrund vieler. Wir befinden uns inmitten eines klimatischen Wandels, den manche Politiker*innen vehement leugnen. Wir behandeln Menschen unwürdig, weil wir nicht teilen wollen und (erneut: manche Politiker*innen) die Zäune höher und die Gräben tiefer wünschen. Drei Stunden Flugzeit von uns gibt es ein Land, das nicht sein darf und doch zu bestehen versucht, ohne dass ihm jemand grundlegend zu Hilfe kommt. 
Ja, wir wissen es – doch wie schnell geraten diese Probleme in Vergessenheit! Dank dieser filmischen Beiträge gelangen diese gern verdrängten Themen wieder in unser Bewusstsein und die  Macher*innen leisten Großes, wenn sie diese unbequemen Nicht-Sonnenschein-Themen vor einem Publikum auf die Leinwand holen. Das ist wichtig und gut und wir brauchen mehr davon!

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