Zum Tod des Ingenieurs Stefan Polónyi

Denken statt rechnen

Falk Jaeger
19. April 2021
Grafik: World-Architects

Er gehörte zu der Handvoll Ingenieure in Deutschland, deren Namen man mit herausragenden, emblematischen Bauwerken verbindet und die deshalb über enge Fachkreise hinaus Bekanntheit erlangten. Und er gehörte zu jenen Forschern und Lehrern, die die Bautechnik große Schritte vorangebracht haben. Am 9. April 2021 ist Stefan Polónyi im Alter von 90 Jahren verstorben.

1930 im ungarischen Gyula geboren, studierte Stefan Polónyi an der TU Budapest Bauingenieurwesen und arbeitete bereits im dritten Semester als Assistent in Darstellender Geometrie. Durch seinen Lehrer István Menyhárt wurde er mit dem Schalenbau „infiziert“, wie er es beschrieb, ein Thema, das ihn neben den Bogentragwerken zeitlebens beschäftigte. Nach Diplom und Assistenz zog es ihn 1956 nach Köln, wo er bereits ein Jahr später sein Büro eröffnete. Er war immer Frühstarter, auch als Hochschulprofessor, denn als Oswald Mathias Ungers ihn 1965 an die TU Berlin holte, war er 35 Jahre alt, der jüngste in seiner Zunft. Die gerade erst fertiggestellte HP-Schale von St. Suitbert in Essen (Architekt Josef Lehmbruck) war für seinen Ruf nach Berlin ausschlaggebend. 

Zu seinen wenig jüngeren Studierenden pflegte er ein entspanntes Verhältnis, versuchte sie in seiner leisen, uneitlen Art mehr zu beraten als zu belehren. Stefan Polónyi war ein charismatischer Lehrer. Ihn hat immer das Warum mehr interessiert als das Wie. Es störte ihn, dass die Ingenieurausbildung sich seit jeher auf das rechnerische Lösen der Aufgaben konzentrierte. Er lehrte seinen Schülern die Neugier, das konzeptionelle, alternative, kritische Denken. Zum kritischen Denken gehörte für Polónyi auch das Hinterfragen scheinbar sakrosankter Vorschriften. Warum, so fragte er zum Beispiel, müsse man auf Druck belasteten Beton armieren? Die von den Normen vorgeschriebenen „Angsteisen“ hielt er für überflüssig, wie er in den Publikationen seiner Erforschung zweckmäßiger Betonarmierungen, einem seiner Spezialgebiete, nachwies.

Und nochmals machte Polónyi in universitären Kreisen von sich reden: 1973 wurde er an die Universität Dortmund berufen und brachte im Jahr darauf gemeinsam mit dem Architekten Harald Deilmann das „Dortmunder Modell Bauwesen“ an den Start, bis heute der engagierteste Versuch, Architekten und Bauingenieure gemeinsam auszubilden, damit sie dieselbe Sprache sprechen und Verständnis für das Metier des jeweils anderen in die Praxis mitbringen. Wirklich gelungen sei das mit viel Sympathien begleitete Experiment nicht, wie er noch im vergangenen Jahr resümierte. Man habe von ihnen Reformen erwartet unter der Bedingung, dass alles bleibe, wie es ist. Allgemeines Wohlwollen in Fachkreisen blieb Lippenbekenntnis, das Modell ließ sich nicht institutionalisieren.

Tragwerksplanung von Polónyi für die Neue Messe Leipzig, gebaut 1991–1995, eröffnet 1996. Architektur: Ian Ritchie mit Gerkan, Marg und Partner (Foto: OmiTs, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Brücke über den Rhein-Herne-Kanal im Nordsternpark Gelsenkirchen, errichtet zur Bundesgartenschau 1997 (Foto: Thomas Robbin, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Doch das Anliegen, Architekten das Denken in Tragwerken und Ingenieuren das Entwerfen ästhetischer Formen nahezubringen, ist nach wie vor aktuell. Die bedeutendsten Architekten und Ingenieure beherrschen den Spagat und haben nicht zuletzt deswegen einen Namen. Wenn beide Disziplinen zusammenkommen, entstehen in symbiotischer Zusammenarbeit Ikonen wie die zentrale Halle der Messe Leipzig (1996 eröffnet, Architektur: Ian Ritchie mit Gerkan, Marg und Partner), mit zwei Hektar Grundfläche die größte Vollglashalle Europas. Wenn Stefan Polónyi äußerte, ein Ingenieur benötige keine architektonische Haltung oder gar einen eigenen Stil, er müsse Architektur ermöglichen, so erhellt das seine zum Understatement neigende Art. „Es ist nicht Aufgabe des Ingenieurs, dem Architekten zu zeigen, dass es nicht geht, sondern wie es geht“, beschrieb er seine dienende, aber zugleich leitende Funktion.

Beim Brückenbau allerdings verschiebt sich das formentwerferische Moment entschieden Richtung Tragwerksplaner. Etwa bei den Fußgängerbrücken im Ruhrgebiet mit ihren leuchtendroten Rohrbogen, die sich schräg über die an Tragseilen hängenden Brückendecks schwingen. Die Vorhallendächer des Kölner Hauptbahnhofs (1990, mit Busmann + Haberer) sind ebenso emblematische Tragwerke, in diesem Fall mit Reminiszenz an die Gewölbestrukturen des benachbarten Doms. 

Zahlreiche signifikante Bauwerke, die allgemein ins Bildgedächtnis eingingen, sind mit Polónyi verbunden. Der Flughafen Tegel (mit Gerkan, Marg und Partner) zum Beispiel, das Kunstmuseum Bonn (mit Axel Schultes) und, gleich gegenüber, die Bundeskunsthalle (mit Gustav Peichl), beide 1985–93. Die drei Komplexe der Friedrichstadtpassagen in Berlin entstanden in Zusammenarbeit mit Pei Cobb Freed, Jean Nouvel sowie Oswald Mathias Ungers. Mit letzterem baute er 1980–83 auch die Galleria der Messe Frankfurt. Das Nederlands Danstheater in Den Haag mit Rem Koolhaas war eines seiner vergleichsweise raren Auslandsprojekte – insgesamt baute er bis weit in die 2000er Jahre.

Stefan Polónyi starb im Alter von 90 Jahren am 9. April 2021 in seiner Wahlheimatstadt Köln.

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