Wohnhochhäuser am Hirschgarten in München von Allmann Sattler Wappner Architekten

Wohnqualität mit Erker

Thomas Geuder
9. Juli 2017
Die «Wohnhochhäuser am Hirschgarten» stellen ein Konzept für Zusammenleben in der Stadt vor – in einem Areal, das ursprünglich ausschließlich für Gewerbenutzung vorgesehen war. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)

Für die einen ist er Synonym für Spießigkeit, für die anderen eine sinnvolle Raumerweiterung: Der Erker hat in der Baugeschichte manche Wandlung durchlaufen. Allmann Sattler Wappner Architekten haben ihn in zwei Münchner Wohnhochhäusern nun neu interpretiert.

Projekt: Wohnhochhäuser am Hirschgarten (München, DE) | Architektur: Allmann Sattler Wappner Architekten (München, DE) | Bauherr: Hochtief Projektentwicklung GmbH (Essen, DE) | Hersteller/Fassadenbauer: Heidersberger Fassadenbau (Greven, DE), Kompetenz: Glattblechfassade Aluminium | weitere Projektbeteiligte siehe unten

Entlang des Gleisfeldes in der Innenstadt von München verändert sich die Stadt seit einigen Jahren enorm und ist für Bahnreisende, die länger nicht mehr in der bayerischen Metropole waren, oft nur noch schwer zu erkennen. Besondere Mühe haben sich die Stadtplaner im Bereich des schönen Hirschgartens gegeben, wo der die Parklandschaft in die relativ strikt nach Raster gegliederte Fläche hinein-, fast schon hindurchfließen soll. Das wirkt momentan, da alles noch recht frisch ist, noch etwas statisch, birgt aber ein gewisses Wohlfühlpotenzial für die Zukunft. Der Bereich zur Wilhelm-Hale-Straße und zur anschließenden Friedenheimer Brücke hin, die den Autoverkehr über die Gleise führt, sollte ursprünglich für Gewebenutzung zur Verfügung stehen. Ein entsprechender Realsierungswettbewerb im Jahr 2008 brachte schließlich den Siegerentwurf von Allmann Sattler Wappner hervor. Im Anschluss – genauer: 2012 – wurde aufgrund einer vom Projekt-Entwickler LBBW Immobilien initiierten Marktanalyse ein Modell für zukünftiges Wohnen entwickelt. All das war die Basis für das architektonische Konzept, mit dem Bauherren und Architekten eine «neue Aufenthalts- und Lebensqualität für die Bewohner» und eine «markante Adresse im neuen Stadtentwicklungsgebiet ‹Am Hirschgarten›» erzeugen wollten.

Günstig gelegen: Unter der Friedenheimer Brücke befindet sich eine S-Bahn-Haltestelle, die direkt mit der Innenstadt verbindet. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)

Markante Hochpunkte auf diesem Areal sind die beiden Wohnhochhäuser, die unter dem Namen «Friends» vermarktet werden. Ihre innere Organisation funktioniert ein Stück weit nach einem Sharing-Konzept: In beiden Türmen befinden sich Dachterrassen und sogenannte «Kitchen Lounges», die von allen Bewohnern genutzt werden können. Dadurch überlagern sich privater und gemeinschaftlicher Raum: ein «urbanes Konzept für zukunftsweisende Stadthaustypologien», wie es die Architekten nennen. Tatsächlich wird so zumindest die Möglichkeit geschaffen, dass sich die Bewohner des Hochhauses einmal persönlich kennenlernen. Das muss kein Fehler sein, zumal man sich auf quasi inoffizieller Ebene trifft. Die Organisation der Wohnflächen folgt einem klaren, durchaus sinnvollen Muster: Zentral gelegen befindet sich in jeder Wohnung ein Versorgungskern, den die Architekten liebevoll «Cube» nennen und der Bad, Küche und Haushaltsraum aufnimmt. Diese Konzentration der notwendigen Räume ermöglicht flexible und gut belichtete Räume um diesen Kern herum, die im Prinzip frei geformt werden können.

Allmann Sattler Wappner Architekten haben ein gefaltetes Erkermotiv entwickelt und es zu einer reliefartigen Gebäudehülle geformt. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)

Aus diesem Ansatz der freien Raumform folgt direkt der architektonische Umgang mit der Fassade, die somit frei von räumlichen Zwängen gestaltet werden kann. Bei beiden Hochhäusern ist sie reliefartig geformt und entwickelt nach oben hin immer vielfältiger das gefaltete Erkermotiv. Es entsteht ein rhythmisiertes Fassadenkleid mit sehr plastischer Wirkung. Durch die raumhohen Fenster wirken die Erker wie transparente Erweiterungen des Wohnraums in den Stadtraum hinein, inklusives eines 180-Grad-Rumdumblicks (wegen des geringen Winkels nicht in die Nachbarwohnung hinein), den man derart in herkömmlichen Hochhäusern nicht bekommt. So wollen die Architekten eine unverwechselbare, urbane Raumqualität erzeugen, was ihnen auch gelingt. Es versteht sich von selbst, dass diese Konstruktion kein Standard-Detail ist: Die Fassadenbleche – Glattbleche mit nicht sichtbarer Agraffen-Aufhängung, aus Aluminiumblech und pulverbeschichtet – wurden vom Fassadenbauer im Hause projektiert und gefertigt. Der außenliegende Sonnenschutz (Warema) ist hinter einem dunklen Blech elegant versteckt, das wie eine Schattenfuge wirkt und das weiße Fassadenraster, das nicht zuletzt auch ein quartiersprägendes Grundraster ist, nicht beeinträchtigt. So haben die Architekten die stark regulierten städtebaulichen Planungen in diesem Bereich, die die Baukörper weitgehend vorgaben, ein gutes und merkliches Stück weit geschickt und erfrischend ergänzt.

Mit raumhohen Fenstern erzeugen die Architekten eine urbane Rahmqualität, wie man es aus vielen anderen Metropolen kennt. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)
Die Fassadenerker bieten einen 180-Grad-Rumdumblick und schaffen spielerisch zusätzliche Wohnfläche. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)
Lageplan (Quelle: Allmann Sattler Wappner Architekten)
Grundriss 12. Obergeschoss Haus 1 (Quelle: Allmann Sattler Wappner Architekten)
Grundriss 5. Obergeschoss Haus 1 (Quelle: Allmann Sattler Wappner Architekten)
Details Fußpunkt und Kopfpunkt Erker (Quelle: Allmann Sattler Wappner Architekten)
Auch die Untersicht ist wichtig: Die pulverbeschichteten Aluminiumbleche sind auf Gährung geschnitten, die Fassade wirkt wie herausgeklappt. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)
Der direkt angrenzende Hotel- und Bürokomplex sowie das nördlich davon gelegene Quartier mit Einzelhandel und Büroflächen wurden ebenfalls von Allmann Sattler Wappner Architekten entworfen. (Bild: Brigida González / Allmann Sattler Wappner Architekten)
Projekt
Wohnhochhäuser am Hirschgarten
München, DE

Architektur
Allmann Sattler Wappner Architekten
München, DE

Team
Michael Frank, Kai Homm, Robert Liedgens, Veronika Stetter

Hersteller/Fassadenbauer
Heidersberger Fassadenbau
Greven, DE

Kompetenz
Glattblechfassade Aluminium

Bauherr
LBBW Immobilien Capital GmbH
Stuttgart, DE

Ausführungsplanung und Projektsteuerung
a + p Architekten
München, DE

Brandschutz
Drees & Sommer GmbH
München, DE

Tragwerksplanung
bwp Burggraf + Reiminger Beratende Ingenieure GmbH
München, DE

Technische Gebäudeausrüstung
T.P.I. Trippe + Partner Ingenieurgesellschaft mbH
Leinfelden-Echterdingen, DE

Bruttogeschossfläche
45.900 m²

Gesamtkosten
72 Mio EUR

Fertigstellung
2017

Fotografie
Brigida González
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