SPG Headquarters in Genf von Giovanni Vaccarini Architetti

Schimmernde Glaswolke

 Thomas Geuder
8. Oktober 2018
Der Firmensitz des Schweizer Immobilienunternehmens SPG in Genf bildet einen weithin sichtbaren Blickfang im Straßenbild. (Bild: Adrien Buchet)
Man kann ein Gebäude einfach nur sanieren oder ihm ein gänzlich neues Gesicht verleihen. Der Architekt Giovanni Vaccarini und der Lichtplaner Simon Simos haben in Genf aus einem simplen 1970er-Jahre-Bürobau eine schimmernde Wolke aus Glas gemacht.
Projekt: SPG Headquarters (Genf, CH) | Architektur: Giovanni Vaccarini Architetti (Pescara, IT) | Lichtplanung: Simon Simos (Genf, CH) | Bauherr: Société Privée de Gérance (Genf, CH) | Hersteller: Erco (Lüdenscheid, DE), Kompetenz: Individuallösung | weitere Projektdaten siehe unten
Seinen Hauptsitz hat das Schweizer Immobilienunternehmen SPG Société Privée de Gérance an der Route de Chêne, eine der wichtigen Einfallstraßen östlich des historischen Zentrums von Genf. Seit den 1970er-Jahren residierte man hier in einem sechsstöckigen, für damalige Verhältnisse durchaus modernen Bau mit geschosshoher Verglasung, die jedoch in einem recht strengen Fassadenraster gefangen war. Im Jahr 2010 nun suchte man bei SPG eine neue bauliche Außenwirkung, und so schrieben man einen geladenen Wettbewerb zur technischen wie optischen Sanierung des Firmengebäudes aus, das 2011 von dem italienischen Architekturbüro Giovanni Vaccarini Architetti aus Pescara gewonnen werden konnte. Sein Entwurf sieht eine Aufstockung um zwei Stockwerke vor, vor allem aber einen kompletten Umbau der Fassade von einem (auch gestalterisch) in die Jahre gekommenen Bürokomplex zu einem modernen, raffinierten Bauwerk. Die Konstruktion des Bestandsbaus wurde dabei – sehr begrüßenswert – komplett erhalten und in den Entwurf einbezogen, wodurch die im Bauwerk ruhende graue Energie zu einem großen Teil weitergenutzt werden konnte.
Die äußerste Fassadenschicht besteht aus unzähligen, vertikal zur Fassade ausgerichteten Glaslamellen. (Bild: Moritz Hillebrand / Erco)
Ein wichtiger Aspekt bei allen Überlegungen war die Verbesserung der Arbeitsplatzqualität, vor allem was den Umgang mit dem natürlichen Licht angeht. Zum Einsatz kam dabei vor allem: Glas, das in mehreren Ebenen mit unterschiedlichen Funktionen angeordnet wurde. Die eigentliche Grenze zwischen innen und außen bildet eine Dreifachverglasung mit einem Zweischeiben-Sicherheitsglas innen. In einem Abstand von ca. 14 cm, in dem sich auch mikroperforierte Horizontallamellen herunterfahren lassen, folgt eine weitere Glasscheibe, wodurch eine Art hinterlüftetes Kastenfenster entsteht. Davor schließlich hat Giovanni Vaccarini eine weitere Ebene aus fast 2900 mit einem Quadratraster bedruckten, vertikal zur Fassade ausgerichteten Glaslamellen angeordnet. Diese Schicht umhüllt das gesamte Gebäude, lässt so die Gebäudekonturen verschwimmen und erzeugt so eine Art Wolke aus Glas, in die das Bauwerk gehüllt ist. Je nach Blickwinkel erscheint das Gebäudevolumen anders, ähnlich einem kinetischen Effekt. Damit erreicht Giovanni Vaccarini Mehreres: Die gesamte Fassadenkonstruktion wirkt als Sonnenschutz, da sich im Glas das Licht vielfältig bricht, drinnen also eher diffus ankommt und so den Sehkomfort am Arbeitsplatz erhöht. Außerdem kann man von draußen den Innenraum nur wage wahrnehmen, weil der Blick durch die Spiegelungen auf den Glaslamellen gestört wird. Dennoch bleibt eine hohe Durchlässigkeit erhalten, die vor allem von drinnen den wunderbaren Ausblicks auf die malerische Umgebung mit Bergen und dem Genfer See erlaubt.
Die Glaslamellen legen sich wie eine Wolke um das Gebäude, wodurch dessen Konturen verschwimmen. (Bild: Adrien Buchet)
Das „nächtliche Image des Gebäudes“ (wie es Lichtplaner Simon Simos nennt) ist geprägt vom Zusammenspiel der Glaslamellen mit einer Beleuchtung, die eigens für das Projekt von Erco angefertigt wurde. Der Lüdenscheider Leuchtenhersteller will sich (so haben wir auf der letzten Messe Light + Building erfahren) künftig mehr auf derartige Individuallösungen spezialisieren. So war es von Vorteil, dass Erco von Simon Simos bereits in der Entwurfsphase ins Boot geholt wurde. Auf Grundlage eines Katalogartikels wurden Fassadenleuchten entwickelt, die für das Auge des Betrachters unsichtbar in dem teilweise nur 45 mm schmalen Spalt zwischen den Glaslamellen sitzen. Entwickelt wurden – nach Tests an einem mehrere Meter großen Modell vor Ort – schließlich zwei Varianten einer sehr schmalen Außenleuchte mit gefrästem Aluminiumgehäuse und IP 67-Schutz, jeweils 20 bzw. 30 cm lang und entsprechend mit sechs bzw. neun LEDs in Reihe ausgestattet. Die Gehäusefarbe der Leuchten wurde angepasst an die silber eloxierten Befestigungsbügel der Glaslamellen. Die Montage der Fassadenleuchten erfolgt schnell und einfach über einen einschnappenden Clip am Fuß der Glaslamellen. Mit der Abstrahlcharakteristik „narrow spot“ entsteht zudem ein eng gebündeltes Streiflicht, das leicht seitlich auf die mit kleinen, weißen Quadraten bedruckten Glaslamellen fällt. Insgesamt 290 LED-Fassaden-Leuchten sind so installiert, auf drei Niveaus innhalb der acht Stockwerke. „Je nach Betrachtungswinkel entsteht eine optische Illusion, eine Art Unschärfe. Das Gebäude scheint sich in der Dämmerung zu entmaterialisieren“, erläutert Simon Simons begeistert.

So ist dem Architekten Giovanni Vaccarini zusammen mit dem Lichtplaner Simon Dimos und Erco als Industriepartner ein Gebäude gelungen, das die Fassadenstrenge im Umfeld an diesem Ort auflöst und zudem einen fast schon poetischen Blickfang im Straßenbild schafft. Im Sinne einer Corporate Architecture wäre damit das Ziel denn auch erreicht. Als potenzieller Kunde darf man nun nur keinen Zusammenhang zwischen der wolken- und nebelhaften Erscheinung des Bauwerks und den Geschäften von SPG sehen, was schließlich bloß rein spekulativ wäre.
SPG Headquarters Geneva (ERCO, Dauer: 3:19 min.)
Das Gestaltungsthema der schmalen Senkrechten bleibt nicht nur der Fassade vorbehalten, sondern findet sich etwa auch in den Stützen wieder. (Bild: Alex Filz)
Die bedruckten Glaslamellen wirken als Sonnen- und Sichtschutz, beeinträchtigen den Blick von innen jedoch nur wenig. (Bild: Adrien Buchet)
Das natürliche Licht wird gebrochen und fällt weicher in den Raum. (Bild: Adrien Buchet)
Lageplan, Gebäude im grau hinterlegten Bereich (Quelle: Giovanni Vaccarini Architetti)
Grundriss 7. Obergeschoss (Quelle: Giovanni Vaccarini Architetti)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Giovanni Vaccarini Architetti)
Schema Glaslamellen-Bedruckung (Quelle: Giovanni Vaccarini Architetti)
Fassadendetail horizontal (Quelle: Giovanni Vaccarini Architetti)
Fassadendetail vertikal (Quelle: Giovanni Vaccarini Architetti)
Teilweise nur ein schmaler Spalt von 45 mm war zwischen den Halterungen der Glaslamellen für die Beleuchtungseinheit vorhanden. (Bild: Moritz Hillebrand / Erco)
Insgesamt 290 LED-Fassadenleuchten auf drei Niveaus wurden an der neuen Fassade der SPG in Genf installiert. (Bild: Moritz Hillebrand / Erco)
Projekt
SPG Headquarters
Genf, CH

Architektur
Giovanni Vaccarini Architetti
Pescara, IT

Lichtplanung
Simos Lighting Design SARL
Simon Simos
Anières, CH

Bauherr
Société Privée de Gérance
Genf, CH

Hersteller
Erco GmbH
Lüdenscheid, DE

Kompetenz
Individuallösung

Lichtsteuerung
Atelier R2D2
Mathieu Crochard
Ayent, CH

Technik
Fabio Fossati Architects SA
Chêne-Bougeries, CH

Fassadenbauer
Stahlbau Pichler
Bolzano, IT

Fassadenplanung
BCS SA
Neuchâtel, CH

Tragwerksplanung
Wintsch&Cie.
Bernex, CH

Geschossfläche
385 m²

Fassadenfläche
1.900 m²

Wettbewerb
2010

Fertigstellung
2016

Fotografie
Alex Filz
Adrien Buchet
Moritz Hillebrand
Projektvorschläge
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