Neubau AIZ in Bonn von Waechter + Waechter Architekten

Offene Holzskelettmodule

 Thomas Geuder
3. Dezember 2018
Die neue Deutsche Akademie für Internationale Zusammenarbeit AIZ in Bonn-Röttgen bildet den Übergang zur Waldlandschaft dahinter. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Das neue Seminar- und Trainingszentrum der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ in Bonn haben Waechter + Waechter Architekten als wahre Landschaft zum Lernen und zum Austausch von Wissen gestaltet.
Projekt: Deutsche Akademie für Internationale Zusammenarbeit AIZ (Bonn-Röttgen, DE) | Bauherr: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH (Bonn, DE) | Architektur: Waechter + Waechter Architekten BDA (Darmstadt, DE) | Holzbau: Grossmann Bau GmbH & Co. KG (Rosenheim, DE) | weitere Projektbeteiligte siehe unten
Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist eine staatliche Entwicklungszusammenarbeitsorganisation der Bundesrepublik Deutschland und hat vielfältige Aufgaben in den Bereichen Beratung, Finanzierung, Förderung oder auch Begutachtung innen. Ein wichtiger Teil ist auch die internationale Bildungstätigkeit. So entschloss man sich, ein neues Seminar- und Trainingszentrum für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) im Bonner Stadtteil Röttgen südlich der Kernstadt zu errichten. Den entsprechenden Wettbewerb dazu konnten im Jahr 2014 Waechter + Waechter Architekten für sich entscheiden, mit einem Entwurfskonzept, das das Gebäude nicht nur als bloße Schule, sondern als Lernhaus oder gar Lernlandschaft begreift. Dieser Ansatz ist vor allem für den Ort, an dem das Haus gebaut werden soll, reizvoll: Hier im Hintergrund erstreckt sich – im Anschluss an ein kleineres Waldstück mit malerischem See – der Kottenforst, ein rund 40 km² großes Waldgebiet, das den Ostrand des Naturparks Rheinland bildet. Die Natur ist am vorgesehenen Baugrund also überaus präsent und sollte in den Entwurf einbezogen werden.
Auffälliges Merkmal im Entwurf ist die Dachlandschaft, bei der die Dächer wie aufgeklappt erscheinen. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Für die Architekten bedeutete das Mehreres: Sie suchten zunächst nach einer Architektur, die die „Unruhe des Lernens“ ausdrückt, also „das ständige Suchen, Reflektieren, das Ausschweifen, das Neugierige, in alle Richtungen Schauende, dies trotz allem diszipliniert und mit systematischer Ordnung“. So entstand eine klare, netz- oder auch clusterartige Struktur, die mit den Räumen und Formen spielerisch umgeht und eine Lebendigkeit in die Ordnung bringt. Überall entwickeln sich Ausblicke und Blickbeziehungen, wodurch das „lernende Suchen“ ausgedrückt und gefördert werden soll. Die immerhin über 6.000 m² BGF wirken durch diese architektonische Grundstruktur eher kleinteilig und bilden einen eleganten Übergang zur Natur, die hinter dem Gebäude beginnt.

Der Grundriss besteht im Prinzip aus einem Raster mit nur zwei Feldgrößen, vornehmlich 5,25 x 5,25 m sowie hie und da 3,50 x 5,25 m. In der Mitte, wo sich auch der Eingang befindet, ist der Baukörper tailliert, dahinter folgt ein Foyer mit Café und einer zweigeschossigen Halle. Links und rechts im Baukörper finden sich zwei Innenhöfe, um die zunächst eine offene Kommunikationszone zum Lernen und schlussendlich die teilweise schaltbaren Seminarräume angeordnet sind. Auf beiden Stockwerken entsteht so eine multimodale und kommunikationsorientierte Lernlandschaft, die vielfältiges, differenziertes, selbstorganisiertes und offenes Lernen und Arbeiten ermöglicht.
Ein Ziel der Architekten war es, den leicht abgesenkten, pavillonartigen Bau mit niedriger Höhe kleinteilig und maßstäblich wirken zu lassen. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Die Atmosphäre im Inneren wird den Holzbau mit sichtbaren, weiß lasierten Oberflächen charakterisiert. Vor allem aber wirkt die Landschaft mit ihren Jahreszeiten und ihrer Witterung nach innen. Ermöglicht wird das durch die Konstruktion, ein Holzskelett, das viel Platz für großzügige Fensterflächen bereithält. Mehr noch: Auch die Dachflächen werden an einem Punkt aufgeklappt, wodurch viel Licht in den Innenraum fällt. Die Dachkonstruktion aus zwei asymmetrischen, pyramidenartigen Holz-Hohlkasten-Modulen wird am höchsten Punkt mit einer Stahlrohrstütze abgestützt. Die so entstandenen dreieckigen Öffnungen sind mit Fenstern versehen. Die als Hohlkastenelement konzipierte Decke mit tragender oberer und unterer Beplankung wird auf einem Rost aus Holzunterzügen eingehängt. Alle Hohlkastenelemente der Decke und des Dachs sind mit Sichtholzoberflächen aus statisch wirksamen, unterseitigen 3-Schichtplatten hergestellt, durch deren Lochung die raumakustischen Anforderungen optimal in die Konstruktion integriert wird. Am Boden entsteht durch einen geschliffenen Terrazzo-Betonboden eine Speichermasse für die Bauteilaktivierung. Eine in den Estrich integrierte Fußbodenheizung bzw. -kühlung sorgt für gute Raumtemperaturen.

So ist Waechter + Waechter Architekten ein Gebäude gelungen, in dem die Lern- und die Landschaftsräume miteinander verschmelzen, viel natürliches Licht in den Innenraum dringt und der studierende Geist wach gehalten wird. Das Energiekonzept aus passiven und aktiven Maßnahmen – etwa mit Blockheizkraftwerk und Wärmpumpe nebst Erdwärmesondenfeld als Jahreszeitenpendelspeicher und Absorptionskältemaschine – haben dem Bauwerk mittlerweile die DGNB-Gold-Zertifizierung eingebracht. Die Architektur des neuen AIZ-Gebäudes erinnert indessen ein wenig an die Nancyhalle in Karlsruhe, die vom Architekten Prof. Erich Schelling anlässlich der Bundesgartenschau 1967 erbaut und die ebenfalls mit dem Wunsch nach einer größtmöglichen Integration der umgebenden Natur gestaltet wurde. Das schlechteste Vorbild wäre das allerdings nicht.
Vertikale Lärchenholzlamellen und innenliegende Blend- und Sonnenschutzvorhänge im Obergeschoss sowie außenliegende Screens im Erdgeschoss dienen dem Sonnenschutz. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Die Holzstützen in Kreuzform ermöglichen einfache Anschlüsse mobiler und flexibler Trennwandsysteme und dienen teilweise der Integration der Regenentwässerung. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Besonderes Augenmerk haben die Planer auf die Begrenzung der Formaldehyd-Konzentrationen durch den Einsatz formaldehydarmer Verklebungen der Holzkastenelemente und formaldehydfreier 3-Schicht-Platten gelegt. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Die Dachkonstruktion aus zwei asymmetrischen, pyramidenartigen Holz-Hohlkasten-Modulen wird am höchsten Punkt mit einer Stahlrohrstütze abgestützt. (Bild: Thilo Ross Fotografie)
Lageplan (Quelle: Waechter + Waechter Architekten)
Grundriss Obergeschoss (Quelle: Waechter + Waechter Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Waechter + Waechter Architekten)
Schnitt (Quelle: Waechter + Waechter Architekten)
Projekt
Deutsche Akademie für Internationale Zusammenarbeit AIZ
Bonn-Röttgen, DE

Bauherr
Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Bonn, DE

Architektur
Waechter + Waechter Architekten BDA
Darmstadt, DE

Holzbau
Grossmann Bau GmbH & Co. KG
Rosenheim, DE

Kompetenz
Holzskelettkonstuktion mit vorelementierten Holz- Hohlkastenelementen (EG+OG)

weitere Hersteller
Holz-Alu-Fenster: batimet
Oberlichter: RAICO
Boden: Terraplan
Systemtrennwand: Strähle Raum-Systeme
Sonnenschutz: Copaco Serge 600
Blenschutzrollo Oberlichter: Serge Ferrari Soltis 86
Vorhang: creationbaumann, Shadow IV
Leuchten: Blickdicht
Stühle: Howe 40/4
Tische: Casala Class

Freianlagen
Landschaftsarchitektur und Ökologie Dipl. Ing. Angela Bezzenberger
Darmstadt, DE

Freianlagen LP 6-9
Landschaftsarchitektur und Ökologie mit Riehl Bauermann Landschaftsarchitekten
Kassel, DE

Tragwerk
merz kley partner ZT GmbH
Dornbirn, AT

TGA
HL-Technik Engineering GmbH
München, DE

Bauphysik + Akustik
Müller-BBM GmbH
Planegg/München, DE

Brandschutz
BPK Fire Safety Consultans GmbH Co.KG
Düsseldorf, DE

Daten
BRI: 22.120 m³
Hauptnutzfläche: 4.952 m²
BGF: 6.245 m²
Kosten KG 200-500 (netto): 9,46 Mio €
Anzahl Nutzer: 230

Wettbewerb
2014, 1. Preis

Fertigstellung
2017

Fotografie
Thilo Ross Fotografie, Heidelberg
Projektvorschläge
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Die Rubrik «Praxis» ent­hält aus­schließ­lich redak­tio­nell er­stellte Bei­träge, die aus­drück­lich nicht von der Indus­trie oder anderen Unter­nehmen finan­ziert werden. Ziel ist die un­ab­hängige Be­richt­er­stat­tung über gute Lösungen am kon­kreten Pro­jekt. Wir danken allen, die uns dabei unter­stützen.

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