Offen und anregend

Martina Metzner
18. Dezember 2019
Die eigens angefertigten Leuchten in Straßenlaternen-Optik sollen die lockere Atmosphäre in den Kommunikationsflächen unterstützen. (Foto: Zooey Braun)

Analog zum Grundriss des neuen Bosch AS-Headquarters hat Studio Alexander Fehre eine flexible Office-Landschaft mit Raumkapseln gestaltet.

Nach ihrem mit vielen Awards prämierten Design des Innovation Lab von Bosch Automotive Steering in Schwäbisch Gmünd hat Studio Alexander Fehre nun auch die Bürowelt des benachbarten Headquarter-Neubaus entworfen und realisiert. Beauftragt wurde der Neubau ursprünglich von der Vorgängerfirma ZF Lenksysteme, die sich damals ein Hauptgebäude mit Symbolcharakter wünschte. Mit der Übernahme durch Bosch wurde für den Standort eine inhaltliche Neubestimmung beschlossen: Aus dem Headquarter sollte ein Entwicklungscampus werden. Die Gestaltung der Bürowelt mit rund 600 Arbeitsplätzen spielt bei diesem Prozess eine maßgebliche Rolle: Der Wunsch der Bauherren war, einladende und offene Räume in anregender Farbwelt zu entwerfen. Es galt, eine gesunde Balance zu finden zwischen Auflockerung und Arbeit. Die Innenarchitektur sollte sich natürlich in das Gebäude einfügen, nicht möbliert wirken und Identität stiften.

Zwischen Raumkapseln und der Fassade befinden sich Nischen, in die man sich zurückziehen kann. (Foto: Zooey Braun)

In dem von wulf architekten geplanten Gebäude ist jede Etage im Grundriss als Rundlauf angelegt. Fast alle Einbauten, abgesehen von den Standardarbeitsplätzen und Bürostühlen, sind speziell entwickelt und von Innenausbaufirmen individuell angefertigt worden. Allerdings stellte der Grundriss mit seinem konvexen Fassadenverlauf besonders in den Eck-Situationen eine Herausforderung dar – hier konnte man mit gewöhnlicher Büromöblierung nicht antworten. Spezielle Raumkapseln, die mit ihren Dreiecksstruktur und den gerundeten Ecken den Gebäudegrundriss aufgreifen und als Meeting- und Fokusräume dienen, waren die Antwort der Entwerfer. Jedes der insgesamt acht Regelgeschosse hat drei Kapseln in den Gebäudespitzen. Sie sind immer von der Fassade abgesetzt, sodass hier ein Zwischengang entsteht. An der Außenseite sind Nischen eingelassen, die Platz für kleine Rückzugs- oder Kommunikationszonen – mal mit Tisch, mal nur mit Sitzbank, aber immer mit Ausblick auf die Umgebung – schaffen. Der größere Typ steht jeweils in der Geschossmitte und dient als großer Besprechungsraum. Eine kleinere Variante an den Gebäudeflanken ist mit einem verglasten Raum mit hohen Tischen für Besprechungen im Stehen sowie zwei Fokusräumen ausgestattet, die Rückzugsort für konzentriertes Arbeiten bieten.

Grundriss 1. OG. (Zeichnung: Studio Alexander Fehre)
Grundriss 2. OG. (Zeichnung: Studio Alexander Fehre)

Die einzelne Schenkellänge der Raumkapseln beträgt 8,50 Meter bei voller Raumhöhe. Zunächst als Holzmodule vom Schreiner vorgefertigt, wurden sie vor Ort installiert. Alle Kapseln sind durch Quell-Luftauslässe am Boden mit Zuluft versorgt, die Überströmung erfolgt durch einen Schalldämpfer, um eine akustische Trennung von Innen und Außen herzustellen. Die Kapseln sind mit Stoffen bezogen, um die Schallabsorption zu unterstützen und den Wohlfühlfaktor zu steigern. Je nach Geschoss variiert das Grün, das die Farbe der Landschaft aufgreift und das dann teils zu Komplementärfarben kontrastiert wurde. Arrondiert werden die drei Kapseln von Teamflächen mit angeschlossener Teeküche. Die markanten, eigens entworfenen Bogenleuchten in knalligen Farben unterstreichen den lockeren Charakter dieser Treffpunkte. Insgesamt wollte Studio Alexander Fehre einen „subtilen, aber spürbaren Kontrast zum eher nüchtern gehaltenen Gebäude durch eingesetzte Farben und Materialien herstellen“. Alle Metallelemente sind daher glänzend beziehungsweise farbig ausgeführt und unterscheiden sich damit von den matt lackierten Farbflächen an manchen Sondermöbeln sowie den in Stoff bekleideten Kapseln.

Die Raumkapseln sind als Holzmodule vorgefertigt und vor Ort installiert worden. (Rendering: Studio Alexander Fehre)

Ganz im Zeichen von flachen Hierarchien und agilem Arbeiten wurde der Vorstandsbereich mit vier Arbeitsplätzen grundlegend neu gedacht und gestaltet. Der begleitende Change-Prozess ergab, dass die vier Vorstände hauptsächlich in Meetings sitzen – auf Einzelbüros konnte verzichtet werden, sie teilen sich nun einen Büroplatz. Da die Vorstände auf räumliche Privilegien verzichteten, stand für die Assistenten ein exponierter Ort am Ende der Gebäudeachse zur Verfügung. Die Assistenten wünschten sich kurze Kommunikationswege, einen Wartebereich für Gäste und Sichtkontakt zu den Vorständen und allen Räumen. Ihnen wurde deshalb an prominenter Stelle im Raum und in unmittelbarer Nähe zum Vorstandsbereich eine erhöhte Thekeninsel eingerichtet. Ihr gegenüber befindet sich ein großzügiger, dunkel gehaltener Wartebereich mit verschiedenen Sitz- und kleinen Besprechungszonen. Ergänzt wird die Vorstandsetage mit einem in kräftigem Gelb gehaltenen Kreativraum, der dank seiner flexiblen Möblierung vielseitig genutzt werden kann.

Rendering: Studio Alexander Fehre
Arbeitswelt Bosch AS Headquarter, Schwäbisch Gmünd
Innenarchitektur: Studio Alexander Fehre, Stuttgart
Projektteam: Alexander Fehre, Rita Enns, Calina Hohberg, Inna Strokous, Roger Dittrich
Bauherr: Robert Bosch Steering GmbH
Architektur: wulf architekten, Stuttgart
Fertigstellung: 2019
Fläche: 10.000 Quadratmeter
Ausführende Gewerke
Raumkapseln: Ganter Constructions & Interiors
Vorstandsbereich: Schreinerei Single
Glaswände: Lichte Systemwand
Produkte
Textilien: Febrik
Beleuchtung: Deckenleuchte (farbiges Gehäuse Ganter) und Stehleuchten: Waldmann, Leuchten mit automatischer Tageslichtsteuerung  
Schreibtische: Haworth
Bürostühle: Haworth
Akustiktrenner: Haworth
Hocker/Stühle Besprechung: Normann Copenhagen
Sitzpoufs: Lapalma

Vorgestelltes Projekt

Moneo Brock

Parish Church in Pueblo Serena

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