Licht für Tintoretto

Thomas Geuder
18. Februar 2019
Tintorettos Gemälde im Kapitelsaal Scuola Grande di San Rocco erstrahlen nun in neuem Licht. (Bild: iGuzzini)

Die Scuola Grande di San Rocco in Venedig ist reich geschmückt mit Gemälden des manieristischen Malers Jacopo Tintoretto, doch seine Werke verbargen sich jahrhundertelang im Halbdunkel. Das Studio Pasetti hat sie nun mit iGuzzini wieder an Licht zurückgeholt.

Der Maler Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, lebte in Venedig von 1518 bis 1594, in einer Zeit also, in der nicht zuletzt durch Martin Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517 die alte Ordnung geistiger und weltlicher Macht zunehmend ins Wanken geriet. Reformation und Gegenreformation waren die beiden Pole, die das Leben vieler Menschen prägten. Das war natürlich auch in Venedig zu spüren, weswegen sich diese Atmosphäre der Gegensätze auch in seinen Werken widerspiegelte. Ganze 56 Gemälde aus Tintorettos Hand sind in der „Scuola Grande di San Rocco“ entstanden, 33 davon allein im großen Kapitelsaal, mit einem Bildprogramm aus Szenen des Alten Testaments und Episoden des Neuen Testaments an den Wänden und der Decke, geschaffen zwischen 1564 und 1588. Tintoretto hatte die Bilder in mehreren Abschnitten aus Demut vor dem heiligen Rochus von Montpellier, dem Schutzpatron bei Pest und Seuchen, angefertigt. Sie zählen heute zu den beeindruckendsten dieser Zeit und der Phase des Manierismus.

Obwohl die Räume an allen Seiten Fensteröffnungen besitzen, waren die Malereien doch nur spärlich von natürlichem Licht erhellt. Später wurde der Innenraum mit Kerzenlicht versehen, doch die Ausbeute war ob der Größe des Raums und der vielen Kunstwerke nur karg. Erst 1937 wurde eine elektrische Beleuchtung im Großen Saal installiert. Damit beauftragt war der Universalkünstler Mariano Fortuny, Erfinder unter anderem des indirekten Lichts für die Bühnenbeleuchtung. Zur Erhellung der Deckengemälde in San Rocco positionierte er im großen Saal markante Standleuchten mit umgedrehten Parabolschirmen.

Wichtig im Konzept des Architekten und Lichtdesigners Alberto Pasetti war das Verschmelzen von Leuchten, Licht und Architektur. (Bild: iGuzzini)

Heutzutage stehen gänzlich neue Beleuchtungslösungen zur Verfügung. So entschied man sich auch anlässlich des 500. Geburtstags von Tintoretto, die Gemälde im großen Saal neu zu inszenieren. Als Partner für dieses bedeutende Vorhaben konnte der Leuchtenhersteller iGuzzini gewonnen werden, der im Rahmen seines Programms „Light is back“ bereits das Letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci (2015), die Fresken des Giotto in der Scrovegni-Kapelle von Padua (2017) und die Pietà von Michelangelo im Petersdom (2018) neu beleuchtet hat. In der Scuola Grande sollten nicht nur die Meisterwerke konserviert werden, sondern auch die Rezeptionsbedingungen der Gemälde und der Architektur verbessert werden. Mit einem helleren Licht, das über ein reicheres (Farb-)Spektrum verfügt, werden kleinste Details und Farbnuancen der Kunstwerke deutlich. Besonders wichtig war den Planern von Studio Pasetti lighting aus Treviso jedoch eine elegante Integration der Leuchten in die Architektur. 

Die Laternen entlang der Längsseiten sind nun mit RGBW-LEDs ausgestattet, mit denen etwa das einstige Kerzenlicht imitiert werden kann. (Bild: iGuzzini)

Die für die Beleuchtung der Decke wichtigen Standleuchten von Mariano Fortuny blieben erhalten und mit einer Akzentbeleuchtung für die drei Hauptwerke Tintorettos durch View-Strahler mit 16°-, 28°- und 46°- Optiken versehen. Rechteckige View-Strahler mit Opti Linear-Optiken liefern eine indirekte und allgemeine Raumbeleuchtung. Für die Beleuchtung der Wände wurden an den Längsseiten unterhalb der Wandbilder auf einer neuen Stromschiene (45 cm vor der Wand), die eigens für dieses Projekt entwickelten, miniaturisierten Palco-Strahler angeordnet. Deren Lichtverteilung sowie die chromatische Zusammensetzung ist individuell berechnet, damit die Farben und Details der Kunstwerke bestmöglich zu Geltung kommen. Die 23 allegorischen Holzskulpturen des Bildhauers Francesco Pianta aus dem 17. Jahrhundert erhalten nun eine punktuelle Beleuchtung, damit ihre Dreidimensionalität hervorgehoben wird. Die Schränke links und rechts des Altars werden von Palco-Strahlern mit 42°-Optiken diffus erhellt, Palco-Framer wiederum betonen die Plastizität der 24 Flachreliefs des Holzbildhauers Giovanni Marchiori. Die historischen Laternen schließlich wurden mit eigens für diesen Einsatz entwickelten opaken und runden Leuchtmitteln in RGBW-Technologie ausgestattet. Ihr warmweißes Licht mit 2.500 K soll an das Kerzenlicht erinnern, mit denen die Laternen einst bestückt waren. Das farbige Licht kommt ausschließlich bei besonderen Anlässen und Zeremonien zum Einsatz. 

Allenfalls kleine Lichtpunkte sind von der neuen Beleuchtung unter den Gemälden zu sehen. (Bild: iGuzzini)

Während die Gemälde des venezianischen Meisters und die vergoldete Decke mit einer Farbtemperatur von 3000 K hervorgehoben werden, wählten die Planer für die dunklen holzgetäfelten Abschnitte eine Farbtemperatur von 2700 K. So wird der plastisch-haptische Effekt des Holzes mehr zur Geltung gebracht. Sämtliche Lichtquellen haben einen Farbwiedergabeindex von über 90. Gesteuert mittels DALI lassen sich die Decke oder einzelne Wandgemälde gezielt inszenieren. Auch die Lichtintensitäten können variiert werden. 

Der Maler Tintoretto hatte die Werke seinerzeit nahezu ohne Honorar gemalt und außerdem zu jedem Namenstag des heiligen Rochus ein weiteres Bild versprochen. Das nahm sich der Leuchtenhersteller iGuzzini zum Vorbild für sein weiteres Engagement: Künftig will man im Rahmen von „Light is Back“ die Beleuchtungsanlage stets technologisch pflegen und sogar modernisieren. 

Die miniaturisierten LED-Strahler sind an einer Stromschiene befestigt, von wo aus sowohl die Gemälde als auch die Holzskulpturen beleuchtet werden. (Bild: iGuzzini)
Vergleich vorher-nachher: Die vergoldete Decke sowie die Decken- und Wandgemälde Tintorettos und die Holzskulpturen werden nun zielgerichteter und ausbalancierter beleuchtet. (Bild. Iguzzini)
Das Gebäude der Scuola Grande di San Rocco im Stadtteil San Polo in Venedig geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Zusammen mit der kleinen Schule (Scuoletta) und der Kirche ist es im Besitz einer Bruderschaft (ital. „Scuola“, eigentlich „Schule“, gemeint ist jedoch die „Bruderschaft“). (Bild: iGuzzini)
Projekt
Beleuchtung für die Scuola Grande di San Rocco 
Venedig, IT
 
Lichtdesign
Studio Pasetti lighting
Treviso, IT
 
Team
Arch. Alberto Pasetti Bombardella With, Arch. Chiara Brunello, Arch. Claudia Bettini
 
Bauherr
Confraternita della Scuola Grande di San Rocco
Venedig, IT
 
Projektkoordination
Ing. Demetrio Sonaglioni
 
Hersteller und technischer Sponsor
iGuzzini illuminazione
Recanati, IT
 
Kompetenz
Sonderleuchten, Strahler Palco
 
Installation
Bieffezeta Srl
 
Metallbauer
Dumasca Srl
Noale, IT
 
Restaurierung Fortuny Standleuchten
Ruggero Corazza
 
Fertigstellung
2018
 
Fotografie
iGuzzini

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