Wohnhau in Berlin von rundzwei Architekten

Korkenzieherhaus

 Thomas Geuder
17. Dezember 2018
In Berlin-Staaken haben rundzwei Architekten ein ungewöhnliches Wohnhaus mit Korkfassade und -dach realisiert. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Es gibt Materialien, die man am Bau im Grunde nur in Innenräumen kennt. Kork etwa ist ein bewährtes Mittel am Boden oder vielleicht noch hinter textilen Bodenbelägen. Bei einem Wohnhaus in Berlin haben rundzwei Architekten die Korkplatten eher ungewöhnlich eingesetzt.
Projekt: Korkenzieherhaus (Berlin-Staaken, DE) | Architektur: rundzwei Architekten Reeg&Dufour PartGmbB (Berlin, DE) | Bauherr: privat | Hersteller: Amorim Isolamentos (Mozelos, PT) , Kompetenz: Kork-Sichtfassade | weitere Projektdaten siehe unten
Wie sich ein Gebäude sinnvoll dämmen lässt, darüber gibt es verschiedene Ansätze und Meinungen, die alle ihre Berechtigung haben. Fakt ist: Private Bauherren suchen seit einigen Jahren vermehrt nach Alternativen zu wärmedämmenden Kunststoffen wie EPS, die verbaut in einem Wärmedämmverbundsystem beim Brandschutz nicht die beste Figur abgeben. Auch die Ökologie ist vielen Bauherren ein wichtiges Kriterium, weswegen der Markt einige nachhaltig hergestellte und rezyklierbare Dämmstoffe anbietet. Die Architekten wiederum empfehlen und planen immer häufiger mit ökologischen Alternativprodukten, auch weil sie wissen, dass es vor allem bei Wohngebäuden sinnvoll ist, eine natürliche Umgebung für die Bewohner zu schaffen.

Einen interessanten Ansatz verfolgen Andreas Reeg und Marc Dufour-Feronce von rundzwei Architekten bei ihrem Entwurf eines Wohnhauses in Berlin-Staaken. Das noch junge Planungsbüro legte bei der Planung einen besonderen Wert auf den regionalen Bezug, auch im Hinblick auf die Materialwahl. So befindet sich die unterste Wohnebene zum großen Teil noch unter der Geländeoberkante, mit Wänden aus Stampfbeton. „Wie ausgegraben“ solle der Gebäudesockel so wirken, erläutert Andreas Reeg. Der jahrhundertealte Baustoff wird traditionell schichtweise eingebracht und in Handarbeit verdichtet. Es entsteht eine offenporige, individuell strukturierte Oberfläche, die bei diesem Haus – je tiefer man kommt – den Raumcharakter einer Wohnhöhle erzeugt. Um dem entgegenzuwirken, sind darüber großen Glasflächen angeordnet, die eine räumliche Großzügigkeit erzeugen. Durch das Absenken des Sockelgeschosses und vor allem die Nutzung als Wohnraum in Kombination mit einer Staffelung der Flächen im Obergeschoss gelingt den Architekten so eine Maximierung der Bruttogeschossfläche auf 320 m² – obwohl auf dem Grundstück baurechtlich nur ein Vollgeschoss erlaubt ist.
Die außen verbauten Korkplatten sind speziell für die Fassade entwickelt und bestehen aus einem Abfallprodukt der Flaschenkorkproduktion. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Das Gebäude darüber ist statisch als Holzkonstruktion errichtet, bei der die Wände und Dachflächen außen mit Korkplatten verkleidet sind. Das Material dazu stammt auf Portugal: Korkgranulat ist dort ein Abfallprodukt der Flaschenkorkproduktion, das mit hohem Druck und Wärme zu Fassadenplatten geformt wird. Bei diesem Prozess treten die im Kork enthaltenen Harze aus und verbinden das Granulat untereinander. Die Korkfassadenplatten sind daher ohne Zusätze und Chemikalien auf natürliche Weise gegen Witterung und Schimmel resistent. Kork hat außerdem sehr gute Dämmwerte und kann als monolithisches Fassadenmaterial verwendet werden. Und – ein Wunsch der Bauherren, der die Architekten eigentlich erst auf dieses Material gebracht hat – es absorbiert die Tropfgeräusche bei Regen.

Der Ansatz, vornehmlich natürliche Baumaterialien einzusetzen, zieht sich durchs gesamte Gebäudekonzept: Beim Bau des Hauses wurde auf Kleber und Bauschäume verzichtet. Neben den dämmenden Korkplatten werden Holzfaser- und Zellulose-Dämmstoffe verwendet. Feuchtigkeit absorbierende Materialien wie Holz oder Gipsfaseroberflächen mit diffusionsoffenen Anstrichen sorgen für ein natürliches Raumklima. Das KfW 55-Haus kommt so ohne Lüftungsanlage aus. Durch ein Schichtenspeichersystem, das durch im Dach integrierten Solarpanele unterstützt wird, ist die Wärmeversorgung des Hauses nahezu autark.
Der tiefer gelegene Pool ist mit einer Gegenstromanlage ausgestattet. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Grundriss Dachgeschoss (Quelle: rundzwei Architekten)
Grundriss Obergeschoss (Quelle: rundzwei Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: rundzwei Architekten)
Grundriss Untergeschoss (Quelle: rundzwei Architekten)
Abgewickelter Schnitt durch das Raumkontinuum (Quelle: rundzwei Architekten)
Der Kork ist auf natürliche Weise gegen Witterung und Schimmel resistent. Im Bild: Klingelschild und Türbeschlag. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Der Sockelbereich mit Wänden aus Stampfbeton liegt unterhalb der Geländeoberfläche des Grundstücks. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Die Wohnräume in den oberen Ebenen erreicht man über einen durchlaufenden Treppenraum im Zentrum des Hauses. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Durch große Glasflächen quasi im Treffpunkt der vier Giebelflächen gelangt viel natürliches Licht ins Gebäude. (Bild: Gui Rebelo / rundzwei Architekten)
Projekt
Korkenzieherhaus
Berlin-Staaken, DE

Architektur
rundzwei Architekten Reeg&Dufour PartGmbB
Berlin, DE

Team
Luca Di Carlo, Ana Domenti, Marc Dufour-Feronce und Andreas Reeg

Bauherr
privat

Hersteller
Amorim Isolamentos
Mozelos, PT

Kompetenz
Kork-Sichtfassade

Vertrieb Deutschland
ZIRO - Lothar Zipse e.Kfm.
Kenzingen, DE

weitere Hersteller
Fenster: Alco
Glasfassade + Schiebe-Falttüren: Schüco
KLH Treppenelemente: Storaenso
Innenverkleidung: Fermacell
Innentüren: JAP
Silikatanstrich: Sto Silikat Pro
Holzfasserdämmung: Cronoflex
Kamin: Spartherm
Heizungsanlage: EFG Sandler Speed Power III
Markisen: Warema

Tragwerksplanung
Ingenieurbüro Krawitz
Berlin, DE

Energieplanung/KfW
Enegieberater Land Brandenburg ELB
Brandenburg, DE

Bodengutachten
Geologe Andreas Zill
Berlin, DE

Anlagentechnik
EFG Sandler
Kaufbeuren, DE

ausführende Firmen
Holzbau + Korkfassade: Holzbau Johannsen
Fenster und Türen: Timm Fensterbau
Stampfbeton: Caerus Construction
Metallbau + Geländer: Seidel Metallbau
Pool: Seeigel Pooltechnik
Ausbau + Trockenbau + Innentüren: Theo's Handwerk
Malerarbeiten: Marotzke Malereibetrieb
Holzpflasterparkett: Schmidt Fußbodentechnik
Einbauelemente + Küche: Tischlerei Rothe
Heizung + Sanitär: Sanitherm Priebe
Elektro: Isik Elektrotechnik
Sonnenschutz: Katsch Markisen

Daten
NF: 248m²
BRI: 1.117m³
BGF: 320 m²

Fertigstellung
2018

Fotografie
Gui Rebelo
Projektvorschläge
Sie haben interessante Produkte und innovative Lösungen im konkreten Projekt oder möchten diesen Beitrag kommentieren? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Die Rubrik «Praxis» ent­hält aus­schließ­lich redak­tio­nell er­stellte Bei­träge, die aus­drück­lich nicht von der Indus­trie oder anderen Unter­nehmen finan­ziert werden. Ziel ist die un­ab­hängige Be­richt­er­stat­tung über gute Lösungen am kon­kreten Pro­jekt. Wir danken allen, die uns dabei unter­stützen.

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

RIPOLLTIZON

19 SOCIAL DWELLINGS IN SA POBLA

Andere Artikel in dieser Kategorie

Neuinterpretation des Alten
vor einer Woche
Beschränkung
vor 2 Wochen
Korkenzieherhaus
vor einem Monat
Am Anfang war das Design
vor einem Monat
Offene Holzskelettmodule
vor einem Monat