Brock Commons Tallwood House in Vancouver/Kanada von Acton Ostry Architects

Groß in Holz

 Thomas Geuder
27. März 2018
Bei der Fertigstellung war das Brock Commons Tallwood House mit seinen 53 m Höhe das höchste Gebäude aus Massivholz – weltweit. (Bild: Michael Elkan)
Auf dem Campus der University of British Columbia in Vancouver steht seit Juli 2017 das wohl höchste Haus aus Massivholz, treffend „Brock Commons Tallwood House“ genannt. Acton Ostry Architects wollen damit ein schnelles, sauberes und kostengünstiges Modell etablieren.
Projekt: Brock Commons Tallwood House (Vancouver, CDN) | Architektur: Acton Ostry Architects Inc. (Vancouver, CDN) | Bauherr: University of British Columbia (Vancouver, CDN) | Beratung Holzbau: Architekten Hermann Kaufmann ZT GmbH (Schwarzach, AT) | Hersteller: Seagate Structures Ltd. (Langley, CND), Kompetenz: Holztragwerk
Bemerkenswerte Projekte aus Holzwerkstoffen sind in unseren Redaktionen von German-, Swiss- und World-Architects keine Unbekannten. So haben wir etwa über das Tamedia-Gebäude in Zürich von Shigeru Ban berichtet, dessen Konstruktion quasi nur gesteckt ist. Oder über das T3-Gebäude in Minneapolis, dem höchsten Massivholzgebäude in den USA, von Michael Green Architecture. Auch kleinere Projekte wie das Kuhwiesenhanghaus in Trebesing von Morpho-Logic oder das Haus Lindetal in Lindetal von AFF Architekten und Stephan Hahn Architekt & Zimmerer zeigen, wie vielfältig der Baustoff Holz eingesetzt werden kann. Einen nächsten und bemerkenswerten Schritt geht das Brock Commons Tallwood House in Vancouver, entworfen von Acton Ostry Architects. Das Gebäude ist ein 18-stöckiges Studentenwohnheim mit 404 Betten und einer Höhe von 53 Metern. Verglichen mit den Hochbauten aus Beton oder Stahl ist dies natürlich kein Maß, doch für ein Tragwerk aus Holz lässt die Konstruktion hoffnungsvoll in die Zukunft des Ingenieurbaus blicken. Das statische System besteht – neben dem Holz – aus einem Betonfundament und einem Treppenkern aus Beton. „Die Stützen des modularen Holzbaus bestehen aus Leimbindern der Dimension 26 x26 cm. Sie sind auf dem Grundriss von 15 x 56 m in einem Raster von 2.85 x 4 m angeordnet. Auf den Stützen liegen Deckenplatten aus Brettsperrholz, sogenanntem Cross-Laminated-Timber (CLT), in fünf Schichten und einer Gesamtstärke von 16,6 cm. Die versetzt angeordneten Zwei- und Dreifeldplatten sind zweiachsig gespannt und ermöglichen dadurch eine Decke komplett ohne Unterzüge“, erläutern Hermann Kaufmann Architekten, die den Bau als „Tall Wood Advisors“ begleitet und ihre Erfahrung mit effizienten Holzstrukturen eingebracht haben.
Der 18-geschossige Holzbau im Campus Brock Commons demonstriert mit einer Nutzfläche von rund 15.000 m² die Effizienz des vielseitigen Baustoffes Holz. (Bild: Michael Elkan)
All das führte dazu, dass das Bauwerk – vor allem im Vergleich zu konventionellen Tragwerken aus Stahl und/oder Beton – mit nahezu atemberaubender Geschwindigkeit errichtet werden konnte: Für die Konstruktion und die vorgefertigte Fassade aus Brettschichtholz und CLT-Bauteilen wurden nur 66 Tage benötigt – das sind etwa zwei Stockwerken pro Woche. So hat der Einsatz des Werkstoffs Holz im gesamten Bauprozess etwa vier Monate eingespart. Außerdem, so die Planer von Acton Ostry Architects, „verbraucht das Gebäude mit 2.233 Kubikmetern zwar eine außergewöhnliche Menge an Holz, das jedoch beeindruckende 1.753 Tonnen Kohlendioxid bindet und die Produktion von 679 Tonnen Treibhausgasemissionen vermeidet.“ Einzig der Brandschutz macht das Bauen mit Holz mitunter zu einem komplizierten Unterfangen, da derartige Konstruktionen meist als gefährdeter betrachtet werden als Stahlkonstruktionen – auch wenn Massivholz-Konstruktionen (nicht zu verwechseln mit leichten Holzrahmenkonstruktionen) ein bemerkenswert gutes Verhalten bei einem Brand zeigen, da die Elemente zunächst an der Außenseite verkohlen, wodurch eine Art natürlicher Brandschutz für den tragenden Kern entsteht. Beim Brock Commons Tallwood House wurde die Konstruktion von einem Ausschuss aus Brandschutzexperten, Wissenschaftlern, Behörden und Feuerwehrleuten beurteilt. In der Folge wurden die Holzbauteile in Gipskarton eingepackt, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Lediglich im obersten Geschoss, das als Aufenthaltsraum für die Studierenden dient, ist die Konstruktion sichtbar und bietet einen anschaulichen Blick auf die Bauweise des Hochhauses. Die Sprikleranlage ist sogar so geplant, dass sie auch dann arbeitet, wenn die Anschlüsse an das öffentliche Netz unterbrochen sind.
Die Fassaden verraten nur bedingt, welche bemerkenswerte Konstruktion sich dahinter verbirgt. (Bild: Michael Elkan)
An den Fassaden findet sich dann wieder – passend zur ansonsten nüchternen und modernistischen Sprache des Campus – eine Stahlrahmen-Konstruktion mit einer Verkleidung aus Hochdruck-Schichtpressstoffplatten aus Holz und Papier, großformatige Trespa-Platten und raumhohe Fenster wechseln sich ab. Die Ecken aus Glas suchen das Volumen ein Stück weit aufzulösen. Das Projekt strebt so eine LEED-Gold-Zertifizierung an und wurde kürzlich vom Canadian Wood Council mit dem Wood Design Special Jury Award für technische Innovation ausgezeichnet. Und, um das Gewissen ob der vielen gefällten Bäume zu beruhigen noch diese Zahl: Das für den Bau des Brock Commons Tallwood House verwendete Holz wird von den kanadischen und amerikanischen Wäldern innerhalb von nur sechs Minuten wieder neu produziert.
Im Innenraum (hier die Lounge im 18. Geschoss) ist die nordamerikanische Architekturtradition deutlich spürbar. (Bild: Michael Elkan)
Drinnen gibt es zum Beispiel 4er-Wohngemeinschaften mit großzügigem Gemeinschaftsbereich. (Bild: Michael Elkan)
Die Einzel-Appartements für die Studenten sind – typisch für ein Studentenwohnheim – funktional gestaltet. (Bild: Michael Elkan)
Von der revolutionären Holzkonstruktion ist im Innenraum nichts zu sehen, dank der Verkleidung mit Gipskarton-Platten. (Bild: Michael Elkan)
Lageplan (Quelle: Architekten Hermann Kaufmann)
Grundriss Regelgeschoss (Quelle: Architekten Hermann Kaufmann)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Architekten Hermann Kaufmann)
Detail Stützenkopf (Quelle: Architekten Hermann Kaufmann)
Erläuterung der Gesamtkonstruktion (Quelle: Acton Ostry Architects)
Mit der Geschwindigkeit von nur zwei Stockwerken pro Woche wurde das Hochhaus aus Holz errichtet. (Bilder: Michael Elkan)
Zeitraffer: Brock Commons Time Lapse - UBC Tall Wood Building (naturally:wood, Dauer: 2:01 min.)
Projekt
Brock Commons Tallwood House
Vancouver, CDN

Architektur
Acton Ostry Architects Inc.
Vancouver, CDN

Team
Matt Wood

Beratung Holzbau
Architekten Hermann Kaufmann ZT GmbH
Schwarzach, AT

Team
Christoph Dünser (Projektleitung), Stefan Hiebeler

Bauherr
University of British Columbia
Vancouver, CDN

Hersteller
Seagate Structures Ltd.
Langley, CND

Kompetenz
Holztragwerk

Bauleitung
Urban One Builders
Vancouver, CND

Projektmanagement
UBC Properties Trust
Vancouver, CND

Tragwerksplanung
Fast + EPP
Vancouver, CND

HLS Planung
Stantec
Vancouver, CND

Elektroplanung
Stantec
Vancouver, CND

Brandschutzplanung
GHL Consultants Ldt.
Vancouver, CND

Bauphysik
RDH
Vancouver, CND

Akustik
RWDI
Vancouver, CND

Landschaftsplanung
Hapa Collaborative
Vancouver, CND

Holzbelieferung
Structurlam
Penticton, CND

Fertigstellung
2017

Fotografie
Michael Elkan (Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Acton Ostry Architects und der University of British Columbia)
 
Das Projekt wurde zuvor bereits auf World-Architects veröffentlicht: Building Tall in Timber
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