Wohn- und Bürogebäude Le Filigrane in Tourcoing von D'Houndt+Bajart

Filigranfassade

 Thomas GeuderFrankreich
30. April 2018
Die Fassade der neuen Bank Crédit du Nord im nordfranzösischen Tourcoing ist mit einem filigranen Muster verkleidet. (Bild: Maxime Delvaux)
Die Gebäudeansicht von Bank-Gebäuden ist öfter ein spezielles architektonisches Thema. Im nordfranzösischen Tourcoing haben die Architekten von D'Houndt+Bajart nun eine Fassadenansicht gestaltet, die aus dem Kerngeschäft der Bankiers entwickelt ist.
Projekt: Wohn- und Bürogebäude Le Filigrane (Tourcoing, FR) | Architektur: D'Houndt+Bajart architectes & associés (Tourcoing, FR) | Bauherr: SEM Ville Renouvelée (Tourcoing, FR) und Crédit du Nord | Hersteller: Betsinor (Courrières, FR), Kompetenz: Fassadenelemente | weitere Projektdaten siehe unten
Ein Gebäude sollten man – ähnlich wie ein Buch – nicht nur nach seinem Äußeren beurteilen. Bei Banken allerdings haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten an so manche Spezialität gewöhnen dürfen und auch müssen. Umso mehr fallen da Projekte wie der Umbau eines Stadtgebäudes für die französische Bank Crédit du Nord im nordfranzösischen Tourcoing (direkt an der Belgischen Grenze) ins Auge. Hier am Marktplatz, der dreiseitig von maximal vierstöckiger Bebauung umschlossen ist und an der vierten Seite von der neogotischen Kirche Saint-Christophe bestimmt wird, herrscht eine recht heterogene Fassadengestaltung vor, mit Geschäften im Erdgeschoss, unterschiedlichen Materialitäten und Fensterformaten sowie ziemlich beliebigen Traufhöhen. Eine echte gewachsene Struktur, könnte man auch sagen. Relativ mittig an der Nordseite des Marktplatzes befand sich einst das Haus, das nun von D'Houndt+Bajart architectes & associés (ebenfalls aus Tourcoing) umgebaut wurde. Es besaß eine im Stilmix an diesem Ort nicht sonderlich auffallende, postmodern anmutende Fassade mit großen Fenstern und zentralem, bogenförmigem Giebelfeld samt blechverkleidetem Dach links und rechts davon.
„Le Filigrane“ (wie die Architekten ihr Projekt nennen) steht inmitten eines recht heterogenen Umfelds und orientiert sich nun zumindest in der Attika am Nachbarn. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Nun sollte das Gebäude komplett umgebaut und den Bedürfnissen des neuen Betreibers, der Bank Crédit du Nord, angepasst werden. Genau genommen wurde dabei nicht nur saniert und renoviert, sondern auch die Struktur des Gebäudes komplett verändert – ohne (und das ist eigentlich bemerkenswert in der heutigen Zeit) jedoch neu zu bauen. Allein das war für die Planer eine Herausforderung, denn das Gebäude auf dem schmalen, dafür sehr tiefen Grundstück hat in seinem Leben schon manche Veränderung erfahren. So wurde das Gebäude nahezu komplett entkernt und neu partitioniert. Die Wohnungen im hinteren Teil – insgesamt acht Wohnungen, je zwei Drei- und Zweizimmerwohnungen sowie vier Einzimmerwohnungen – erhielten einen separaten Zugang an der Frontseite, von dem aus zunächst ein langer Korridor nach hinten führt. Die Räume der Bank im Erdgeschoss sowie teilweise im ersten Obergeschoss sind durch formal durch Flächen, Ecken und Kanten geprägt, beinahe kubistisch und in Grautönen, die von nur wenigen, fast pastelligen Farben ergänzt sind.
Entwickelt wurde das Fassadenmuster aus der Guilloche, dem Muster, das als Sicherheitsmerkmal auf Geldscheinen zu finden ist. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Die Fassade ist nach dem Umbau das augenfälligste Merkmal des Gebäudes. Sie ist „geprägt von einer Mischung aus Strenge und Fantasie – Strenge im Rhythmus und Fantasie im Muster“, beschreiben die Architekten ihren Entwurf. Inspiriert wurde der von Guilloche-Zeichnungen, ornamentale Muster aus ineinander verwickelten, überlappenden und schnurartigen Linien also, die man oft auf Ausweispapieren, vor allem aber als (passend zum Nutzer) Sicherheitsmerkmal auf Banknoten findet. In diesem Falle bestehen die Linien aus einer Relief-Betonstruktur, die fast die komplette Fassade überzieht. Das sich wiederholende Muster besteht aus jeweils vier quadratischen Paneelen mit einer Kantenlänge von 90 cm. Die ausgesparten Fenster haben nun einen weißen Aluminiumrahmen erhalten. Erstellt ist die Ornamentik aus einem speziellen Zement-Glasfaser-Verbundwerkstoff, durch den die sehr filigranen Dimensionen (daher auch der Projektname „Le Filigrane“) überhaupt erst möglich waren. Damit die Teile unsichtbar befestigt werden konnten, wurden bereits während der Fertigung Montagegurtbänder in die Negativformen eingelegt, mittels derer sie später aufgehängt werden konnten. So haben die Planer von D'Houndt+Bajart dem Bankgebäde in Tourcoing eine Haut gegeben, durch deren dreidimensionale Relief-Textur je nach Lichteinfall spannende und doch nicht allzu eitle Effekte entstehen, die in dem bunten Umfeld des Marktplatzes optisch vielleicht sogar guttun.
Im Eingangsbereich zu den Wohnungen findet sich ebenfalls das Fassadenmuster, wodurch dieser langgezogene Flur deutlich als noch nicht privater Raum gekennzeichnet wird. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Der Charakter der Bank schließlich ist von einer flächigen Formsprache geprägt, mit Kanten und Ecken, vorherrschend in Grautönen. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Lageplan (Quelle: D'Houndt+Bajart architectes & associés)
Grundrisse 2. und 1. Obergeschoss sowie Erdgeschoss (Quelle: D'Houndt+Bajart architectes & associés)
Entwurfsprinzip der Fassade (Quelle: D'Houndt+Bajart architectes & associés)
Das sich wiederholende Muster ist aus individuell dafür angefertigten Negativformen hergestellt. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Für die Ornamenttafeln kam ein spezieller Zement-Glasfaser-Verbundwerkstoff zu Einsatz. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Jede Platte ist im Prinzip ein Viertel des Gesamtmusters, das dann theoretisch ins Unendliche vervielfältigt werden kann. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Vergleich vorher-nachher: Mit ihrem Projekt haben die Architekten von D'Houndt+Bajart der Parzelle und damit auch der Zeile ein zeitgemäßes Aussehen verliehen. (Bild: Maxime Delvaux / D'Houndt+Bajart)
Projekt
Wohn- und Bürogebäude „Le Filigrane“
Tourcoing, FR

Architektur
D'Houndt+Bajart architectes & associés
Tourcoing, FR

Bauherr
SEM Ville Renouvelée
Tourcoing, FR

und
Crédit du Nord

Hersteller
Betsinor
Courrières, FR

Kompetenz
Fassadenelemente

Bauunternehmer
Rabot Dutilleul
Croix, FR

Fläche
1.352 m²

Baukosten
1.480.000 €

Fertigstellung
2017

Fotografie
Maxime Delvaux, Brüssel / D'Houndt+Bajart, Tourcoing
Projektvorschläge
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