„House of Elements“, neuer Sitz der Brenntag Gruppe in Essen von JSWD Architekten

Die Chemie der Fassade

 Thomas Geuder
2. Juli 2018
Mit dem „House of Elements“ haben JSWD Architekten ein Bürokomplex errichtet, das die Corporate Identity der Brenntag Gruppe unauffällig in die Architektur übersetzt. (Bild: Dirk Matull)
Wie könnte ein Haus für einen Konzern aussehen, der in der Chemiedistribution tätig ist? JSWD Architekten haben sich bei der Brenntag Gruppe in Essen das „Periodensystem der Elemente“ zur Hand genommen und es architektonisch wie konstruktiv übersetzt.
Projekt: „House of Elements“, neuer Sitz der Brenntag Gruppe (Essen, DE) |
Architektur: JSWD Architekten (Köln, DE) | Bauherr: Hochtief Projektentwicklung (Essen, DE) | Hersteller: WAREMA Renkhoff SE (Marktheidenfeld , DE), Kompetenz: Raffstoren mit Lichtlenkung | weitere Projektdaten siehe unten
Corporate Architecture ist etwas, bei dem man im Unternehmensportfolio viele Anhaltspunkte für den Entwurf finden kann, so die allgemeine Annahme. Manche Gestalter nehmen das sehr ernst und entwerfen zum Beispiel Restaurants in Ketchup-Rot und Pommes-Gelb. Ganz so einfach aber darf man es sich als verantwortungsvoller Architekt nicht machen. Im konkreten Fall hatten es JSWD-Architekten aus Köln mit der Brenntag Gruppe zu tun, einem Weltmarktführer in der Chemiedistribution, das als Bindeglied zwischen Chemieproduzenten und der weiterverarbeitenden Industrie fungiert, mit weltweit rund 15.000 Mitarbeitern an 530 Standorten in über 75 Ländern. Für dieses Unternehmen sollte ein neuer Hauptsitz in Essen entstehen, ein Gebäude also, mit dem man sich Kunden, Partnern und Mitarbeitern angemessen und individuell präsentieren kann. Der Baugrund für dieses Vorhaben liegt unweit der Messe Essen, in einem von recht gesichtslosen, fünfgeschossigen Büroriegeln samt Autobahn geprägten Umfeld. Um für diesen Ort und diese Aufgabe ein einprägsames Gebäude zu errichten, musste zunächst Ordnung geschaffen werden.
Durch die Kammstruktur des Gebäudes ergeben sich geschützte und einseitig offene Innenhöfe.(Bild: Christa Lachenmaier)
Womit wir bereits tief im Thema wären: Arbeitsgrundlage jedes Chemikers ist das „Periodensystem der Elemente“, das 1869 entwickelt wurde alle chemischen Elemente mit steigender Kernladung (Ordnungszahl) und entsprechend ihrer Eigenschaften in Perioden sowie Haupt- und Nebengruppen einteilt. Die grafische Struktur dieses Periodensystems haben die Architekten in ein Fassadenraster aus regelmäßig angeordneten Feldern übersetzt, mit dem die komplette Außenhaut bespielt ist. Die Rahmen bestehen dabei aus mattweißen, scharfkantigen Aluminiumstrangpressprofilen, in denen mehrere schmale Fenster mit hochglänzend schwarzen Rahmenprofilen zusammengefasst werden, meist vier Fenster plus ein gedämmtes Element mit rückseitig schwarz lackiertem Glas.

Auch in der Konstruktion der Fassade selbst findet sich das „Priodensystem der Elemente“ wieder: Die gesamte Fassade besteht aus geschosshohen und 2,70 m breiten Segmenten, die just-in-time zur Baustelle geliefert und montiert wurden, sprich: Ohne die Notwendigkeit einer Einrüstung konnte die vollständige Fassade als Gebäudeabschluss in einem einzigen Arbeitsschritt erstellt werden. Das sparte nicht nur Geld, sondern hat auch eine hohe Terminsicherheit garantiert. Die „Fassaden-Elemente“ (womit wir wieder beim Thema der Elemente wären) wurden komplett im Werk vorgerüstet und konnten so als per Kran an ihren finalen Montageort gehoben werden. Die geschosshohe 3-fach-Verglasung wird ergänzt durch Raffstoren mit Lichtlenkung (Warema), bei der die Lamellen im oberen Teil immer horizontal bleiben und so das Sonnenlicht an die Decke gespiegelt wird.
Die Struktur der regelmäßig angeordneten Fassadenfelder erinnert an das markante Raster des fast 150 Jahre alten „Periodensystems der Elemente“. (Bild: Christa Lachenmaier)
Das Gebäude ist als fünf- bis sechsgeschossiges Bürohaus mit Kammstruktur organisiert, was nicht zuletzt auch die Unternehmensstruktur der Brenntag Gruppe mit ihren unterschiedlichen Geschäftsbereichen und Landesgesellschaften widerspiegeln soll. An der Ecke zur Messeallee hin ist der Haupteingang mit eigener Vorfahrt und großzügigem Foyer angeordnet. Von hier aus verläuft im von Nattler Architekten (ebenfalls aus Essen) gestalteten Innenraum eine breite und zweigeschossige Magistrale, die repräsentativer, multifunktionaler Raum und Erschließungsachse zugleich ist. Sie soll zukünftig auch der kommunikative Mittelpunkt des Hauses sein, an der sich die Kantine sowie verschiedene Konferenzräume anordnen, deren Namen wie „Hamburg“ oder „Vienna“ die Internationalität der Brenntag Gruppe zeigen.

So hat ein international tätiges Unternehmen für Chemiedistribution ein Gebäude erhalten, das das Tätigkeitsfeld unaufdringlich präsentiert. Die Gestaltung des „House of Elements“ (wie das Projekt getauft wurde) spielt mit dem Begriff des Elements, vereint das chemische mit dem konstruktiven Element in einem Entwurf und stellt gleichzeitig eine gewisse Ordnung am Ort her. Mit derart viel Corporate Architecture im neuen Hauptsitz dürfte der Nutzer hoch zufrieden sein.
Konstruktiv ist die Fassade als Elementfassade ausgeführt, deren Segmente just-in-time zur Baustelle geliefert und montiert wurden. (Bild: Christa Lachenmaier)
Die seilgeführten Raffstoren sind in die mattweißen Fassadenelemente integriert. (Bild: Christa Lachenmaier)
Lageplan (Quelle: JSWD Architekten)
Grundriss 5. Obergeschoss (Quelle: JSWD Architekten)
Grundriss 1. Obergeschoss (Quelle: JSWD Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: JSWD Architekten)
Grundriss Untergeschoss (Quelle: JSWD Architekten)
Fassadenansicht mit Detailsschnitten vertikal und horizonal (Quelle: JSWD Architekten)
Im Innenraum werden die ersten beiden Geschosse durch eine Magistrale geordnet, die als kommunikativer Raum dienen soll. (Bild: Christa Lachenmaier)
Impression von der Baustelle: Ohne die Notwendigkeit eines Gerüsts wurden die vorgefertigten Fassadenelemente montiert. (Bild: JSWD Architekten)
An seiner Rückseite öffnet sich das Gebäude kammartig nach Westen. (Bild: Dirk Matull)
Projekt
„House of Elements“
neuer Sitz der Brenntag Gruppe
Essen, DE

Architektur
JSWD Architekten
Köln, DE

Bauherr
Hochtief Projektentwicklung
Essen, DE

ab 2017: Teamrheinruhr Projektentwicklung GmbH
Mohnheim am Rhein, DE

Hersteller
WAREMA Renkhoff SE
Marktheidenfeld , DE

Kompetenz
Raffstoren mit Lichtlenkung, 80 mm Horizontal-Lamellen, seilgeführt

Herstellung/Ausführung Fassade
Frontal GmbH
Inning am Ammersee, DE

weitere Hersteller:
Trennwandsysteme Büros: DRUM GmbH
Doppelböden: Sysbotec GmbH
Heiz- und Kühldecken: wg-plan GbR
Aufzüge: KONE GmbH
Stahlbauarbeiten und Glasgeländer: S + O Projektgesellschaft mbH

Ausführungsplanung und Bauleitung
mg architekt
Pulheim, DE

Innenarchitektur
Nattler Architekten
Essen, DE

Generalunternhemer
Hochtief Building
Essen, DE

Tragwerk
Schüssler-Plan GmbH
Düsseldorf, DE

TGA
pit Plan GmbH
Heidelberg, DE

Elektroplanung
Fichte Ingenieurbüro
Köln, DE

Bauphysik
Tohr Bauphysik GmbH & Co. KG
Bergisch-Gladbach, DE

Verfahren
Mehrphasiges Investoren- / Architektenauswahlverfahren 2014

BGF
21.000 m²

Fertigstellung
2017

Fotografie
Christa Lachenmaier
Dirk Matull
Projektvorschläge
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