Primarschulhaus und Kindergarten Täuffelen von Morscher Architekten

Beschränkung

 Thomas Geuder
7. Januar 2019
Der Erweiterungsbau der Primarschule Täuffelen versteht sich als direkte Fortsetzung in Form und Material. (Bild: Damian Poffet / Morscher Architekten)
Die Primarschule Täuffelen am Bielersee bei Bern hat jüngst eine Erweiterung erfahren, die von Morscher Architekten als selbstverständliche Einfügung in die bestehende Dorfstruktur gedacht ist. Dazu gehört in diesem Fall auch die Beschränkung auf wenige Materialien.
Projekt: Primarschulhaus und Kindergarten (Täuffelen, CH) | Architektur: Morscher Architekten (Bern, CH) | Bauherr: Gemeinde Täuffelen | Hersteller: Euböolithwerke AG (Olten, CH), Kompetenz: Hartsteinholzboden
Die Gegend um die drei großen Jurarandseen Neuenburgersee, Murtensee und Bielersee kann man getrost als beschaulich und malerisch bezeichnen. Bis auf die Städtchen Biel, Neuenburg oder Yverdons-les-Bains herrscht hier vor allem eine kleinteilige bauliche Struktur vor, was die Seenlandschaft zu einem guten Ausflugsziel macht. In der Gemeinde Täuffelen, am Ostrand des Bielersees, befindet sich im Dorfzentrum eine denkmalgeschützte Schulanlage aus dem Jahr 1936, jener Zeit also, in der in der Schweiz eine neue, eher sachliche Auffassung von Schulhausarchitektur vorherrschte. Diese Anlage sollte nun erweitert werden, durch den neuen Erweiterungsbau zu einem neuen Ensemble werden und dennoch trotz der erhöhten Ausnutzung des Grundstücks die Qualität der großzügigen Freiräume erhalten. Es sollten künftig zeitgenössische Unterrichtsformen in einem attraktiven Rahmen möglich sein, so der Wunsch des Bauherrn.

Die mit dieser Bauaufgabe, die einen sensiblen Umgang mit dem Ort verlangte, betrauten Morscher Architekten (aus dem unweit entfernten Bern) sahen am Rande des Baufeldes einen länglichen, dreigeschossigen Baukörper vor, der zusammen mit dem Bestand den Außenraum L-förmig einrahmt. In Proportion und Maßstab orientiert sich der neue Baukörper am alten, wodurch er sich auch wie selbstverständlich ins Dorfgefüge einfügen soll. Prägend für den nun durch die Gebäude eingefassten Außenraum ist ein gewisser Höhenunterschied, der durch eine großzügige und begrünte Treppenanlage überwunden wird, wodurch nicht zuletzt Aufenthaltsqualitäten entstehen. Der Neubau vermittelt durch seine Zugänge zwischen den Niveaus, indem er unten von der Straßenseite und ein Geschoss höher von der Seite des Bestandsbaus betreten werden kann.
Mit dem Baukörper bemühen sich die Architekten um konsequent formale Reduktion. (Bild: Damian Poffet / Morscher Architekten)
Analog zum Bestandsbau ist der Neubau als Massivbau konstruiert, mit einer Fassade aus vorfabrizierten Betonelementen, die – wirtschaftlich in Herstellung und Unterhalt – auf einem einheitlichen Raster beruhen. Eine gewisse Plastizität der Fassade durch Schatten wird durch Vor- und Rücksprünge erzeugt. Die warmtönigen Fenster lugen wie eine zweite Schicht hinter der Betonfassade hervor und verraten bereits etwas von der Atmosphäre im Innenraum. Drinnen ist Platz für zwei Kindergärten- sowie vier Klassenzimmer mit Gruppen- und Spezialunterrichtsräumen. Neue Brandschutznormen haben es hier erlaubt, dass die Klassenzimmer über andere, möblierte und genutzte Flächen erschlossen werden können. Somit gibt es hier quasi keine Korridore.

Auffällig bei dem Gebäude ist neben der formalen Klarheit vor allem der reduzierte Einsatz der Materialien. „Die Beschränkung auf möglichst wenige Materialien und das Zusammenspiel von Beton, den warmen Tönen von Boden, Fenstern und Decken erzeugen eine ruhige Atmosphäre“, erläutert der Architekt Cornelius Morscher. Im Wesentlichen trifft man drinnen auf Beton und Holz. Der Boden besteht aus einem Harsteinholzbelag, ein Material, das man eigentlich aus Industrie- und Gewerbebauten kennt, wo es dank eines hohen Anteils an ausgesuchten Holzfasern die Bauvorschriften für Gebäude mit ständigen Arbeitsplätzen, insbesondere den Anforderungen der Gesundheitsvorsorge erfüllt. Steinholzböden – deren Grundlage statt eines Portlandzements der sogenannte „Sorel-Zement“ oder auch „Holzzement“ ist, eine Mischung aus Magnesiumoxyd und einer Magnesiumchloridlösung also – sind druckfest, fußwarm, dauerhaft, gleitsicher und bieten ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Ideal also für Schulbauten. Das haben sogar schon die Architekten des Bauhauses erkannt, die gerne mit der günstigen Alternative zum herkömmlichem Estrich, die heute eine Art Renaissance erfährt, bauten. Insofern passt das Material bestens Entwurfsansatz eines Erweiterungsbaus für das in den 1930er-Jahren erbaute Schulgebäude.
In der Betonrippendecke wie auch in der Holzlamellendecke sind die technische Installation sowie die Akustikelemente integriert, was zu einem ablenkungsfreien Erscheinungsbild beiträgt. (Bild: Damian Poffet / Morscher Architekten)
Die Räume sind als fließende, flexibel nutzbare Raumlandschaften gedacht, die neue Unterrichtsformen erlauben. (Bild: Damian Poffet / Morscher Architekten)
Hartsteinholzböden findet man oft in Industrie- und Gewerbebauten, wegen ihrer guten Eigenschaften immer häufiger jedoch auch in Privat und öffenltichen Bauten. (Bild: Damian Poffet / Morscher Architekten)
Die innersten Räume sind ganz mit Holz verkleidet und sorgen so für eine gewisse Natürlichkeit, die vielen Architekturen in der Schweiz innewohnt. (Bild: Damian Poffet / Morscher Architekten)
Schwarzplan und Lageplan (Quelle: Morscher Architekten)
Grundrisse Untergeschoss, Erdgeschoss und Obergeschoss (Quelle: Morscher Architekten)
Längsschnitt (Quelle: Morscher Architekten)
Projekt
Primarschulhaus und Kindergarten
Täuffelen, CH

Architektur
Morscher Architekten BSA SIA AG
Bern, CH

Bauherr
Gemeinde Täuffelen

Hersteller
Euböolithwerke AG
Olten, CH

Kompetenz
Hartsteinholzboden

weitere Hersteller
äusserer Sonnenschutz: Nyffenegger Storenfabrik AG, Huttwil. Storentyp: Lamellenstore SZA 72
Beleuchtung: Zumtobel Licht AG, Bern
Sanitärapparate: Keramik Laufen AG, Laufen
Lift: AS Aufzüge AG, Urtenen-Schönbühl. Lifttyp: Swisslift
Photovoltaik: Suntech Power. Modultyp: Suntech STP 290-20/Wfh

Bauingenieur
Ulrich Christen AG Ingenieure
Lyss, CH

Elektroingenieur
Fischer Engineering AG
Orpund, CH

HLS-Ingenieur
eCon Energie+Gebäudetechnik GmbH
Lüscherz, CH

Landschaftsarchitekt
extra Landschaftsarchitekten AG
Bern, CH

Bauphysik
Zeugin Bauberatungen AG
Münsingen, CH

Fertigstellung
2018

Fotografie
Damian Poffet
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