gizcampus ESCHBORN

Caramel Architekten
17. März 2021
Blick über den zentralen, individuell aneigenbaren Campusplatz auf den geplanten Neubau für circa 1.000 MItarbeiterinnen und MItarbeiter (Visualisierung: Caramel Architekten)

Caramel Architekten gewinnen den Wettbewerb um den gizcampus ESCHBORN. Martin Haller stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Mit dem „gizcampus ESCHBORN“ soll ein neuartiges, hochflexibles und auf modernste Organisationsentwicklungen ausgerichtetes Bürogebäude mit einer Vielzahl ergänzender Nutzungen entstehen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Laut Auslobung sieht sich die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) als „bunte, heterogene Gemeinschaft“, die mit 20.000 Kolleginnen und Kollegen in 120 Ländern weltweit daran arbeitet, dass Menschen in einer friedlicheren, freieren, gerechteren, sicheren und nachhaltigeren Welt leben können. „Deren gemeinsame Motivation ist zugleich unsere Vision: Wir arbeiten weltweit an einer lebenswerten Zukunft. Nachhaltigkeit ist dabei unser Leitprinzip. Diese Werte leiten uns täglich, mit Leidenschaft, Dynamik und Teamgeist neue Ideen, Ansätze und Produkte gemeinsam mit unseren Partnern und Auftraggebern zu entwickeln. Um in einer sich wandelnden Arbeitswelt weiterhin nachhaltige Erfolge erzielen können, müssen wir moderne und flexible Arbeitsformen und innovative Arbeitsweisen fördern. Dazu gehört für uns eine Arbeitsumgebung, die Zusammenarbeit ermöglicht – die Kreativität und Innovation animiert, die inspiriert und motiviert.“ Die GIZ wünscht sich einen Entwurf, der „für uns alle bereits auf den ersten Blick unsere Werte verdeutlicht und einen inspirierenden, lebenswerten Arbeits- und Aufenthaltsort bietet.“

Lageplan (Zeichnung: Caramel Architekten)
Was war Ihnen bei der Adressbildung und der Freiraumplanung wichtig?

Im geometrischen Zentrum der umliegenden Gebäude des GIZ spannt sich zwischen dem bahnbegleitenden Weg und der Ludwig-Erhard-Straße ein durchlässiger, öffentlicher Platz auf. Hier können sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GIZ und die umliegenden Bewohnerinnen und Bewohner zu Veranstaltungen, zum Spielen, zu Ausstellungen und Märkten, zum gemeinsam arbeiten und besprechen oder im Gastgarten treffen. Multifunktional nutzbare Platzmöblierungen und Bepflanzungen laden zur weiteren individuellen Aneignungen ein (Sitz- und Liegeinseln, überdachte und geschlossene Raumelemente, Sitzstufenarenen, hügelige Spiel- und Sportlandschaft, Nutzpflanzen, Wiesenflächen, Kletterbäume). 

Die bestehenden Bäume verbinden sich mit den neuen Bäumen des Außenbereiches und den Bäumen in den hohen Erdgeschossbereichen und Innenhöfen des Gebäudes zu einem lockeren Baumhain im Zentrum des GIZ Campus – offen für die umliegenden Bewohner. Nutzpflanzen und erkletterbare Bäume laden zur Aneignung ein. Bewuchsgitter für vertikale Pflanzflächen an der Fassade können von den MitarbeiterInnen über den vorgelagerten Balkon als Befestigung für Ihre individuellen Nutzpflanzentöpfe verwendet werden.

Zentraler, individuell aneigenbarer Campusplatz (Piktogramm: Caramel Architekten)
Ein großer Baumhain für Eschborn / Raumbildende Bepflanzungsflächen (Piktogramm: Caramel Architekten)
Wie organisieren Sie die Gebäude?

Das neue Hauptgebäude wird mit einem Flugdachelement vom überdachten Eingangsbereich des Neubaus über den neuen zentralen Campusplatz bis zu einer Überdachung der Terrasse des nördlichen GIZ Bestandhauses Nr. 4/5 und weiter bis zum jetzigen GIZ Haupthaus Nr. 1 ganz im Norden vernetzt. Diese Verbindung erfolgt ressourcenschonend ohne Umbaumaßnahmen in der inneren Struktur von Haus 4/5. Den Start- und Endpunkt des Netzwerks bildet die zentrale Kommunikations- und Erschließungshalle des Neubaus. Hinter der Sicherheitsschleuse des Eingangsbereiches bildet sich hier eine offene Lobbysituation aus, die das Restaurant und das Kommunikationszentrum verbindet. Großzügige Kommunikationstreppen verbinden in dieser Halle vertikal alle Bürobereiche miteinander. Neben der Wegevernetzung verbindet sich auch die Fläche des Campusplatzes mit den offen einsehbaren Flächen des Erdgeschosses durch die Weiterführung des flach geneigten Platzgeländes im Gebäudeinneren.

Vernetzter GIZ Campus / Zentrale Kommunikations- und Erschließungshalle (Zeichnung: Caramel Architekten)
Schnitte mit zentraler Erschließungshalle (Zeichnungen: Caramel Architekten)
Wie können wir uns die Arbeitsplätze und das Arbeitsumfeld im neuen Gebäude vorstellen?

Basierend auf den vorgegebenen unterschiedlichen Raum- und Flächenmodulen aus Arbeits- und Aufenthaltsflächen bilden sich im Regelgeschossgrundriss 8 Homebases für jeweils 30 Personen ab. Statt dem vorgeschlagenen Ein-Gang System mit Richtungswechsel wurde bei der Mittelzone beidseitig ein Verkehrsweg vorgesehen, wodurch bei gleicher Flächeneffizienz mehr Variationsmöglichkeiten bei der Modulanordnung entstehen. Exemplarisch sind im Grundriss zwei Belegungsvarianten dargestellt. Für neue Nutzeranforderungen in der Zukunft kann das System so, sehr nachhaltig und ohne Umbau, einfach nur durch neue individuelle Aneignungen umgenutzt werden. Sollte dies nicht ausreichen, sind für punktuelle Umbaumaßnahmen die großen Stützenraster von 6 x1,35 = 8,10 m exakt auf die Modulgrößen und den Ausbauraster abgestimmt. Um die zentrale Erschließungs- und Kommunikationshalle, von der alle Homebases direkt erreichbar sind, gruppieren sich die gemeinsam genutzten kommunikativen Servicebereiche und die Besprechungs- und Projekträume der mittig gelegenen Homebases. Alle Büroarbeitsplätze sind an den ruhigeren Außenfassaden mit öffenbaren Fenstern und vorgelagerten Balkon- und Grünzonen angeordnet. 

Grundrisse Regelgeschosse und Dachgeschoss – Nachhaltige Nutzung durch modulares Bürokonzept / Gemeinsam genutzte Servicebereiche um zentrale Kommunikations- und Erschließungshalle / Alle Arbeitsplätze an der Außenfassade mit Grünraumbezug (Zeichnungen: Caramel Architekten)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Die Balkonzone vor den Büroflächen kann neben Ihrer Funktion als Putzsteg von den MitarbeiterInnen auf verschiedene Weisen individuell genutzt werden: Eigene Nutz- oder Zierpflanzen in den großen Blumentrögen oder an den Bewuchsnetzen, Nutzung des Netzgeländers zur Darstellung persönlicher Botschaften, Aufspannen von Bildsujets, welche die Arbeit der Abteilung wiedergeben, Mitbestimmung bei der Farbgebung der austauschbaren Außenrollos oder einfach nur die individuelle Nutzung des begrünten Balkons. Gemeinsam mit den verstreut vor den Balkonen liegenden diversen Bewuchsflächen wird so das Bild einer bunten, heterogenen Gemeinschaft nach außen transportiert. Der Platz vor dem Gebäude ist öffentlich zugänglich und von den MitarbeiterInnen gemeinsam mit der umliegenden BewohnerInnen für verschiedenste Aktivitäten aneigenbar, die potentiell die Arbeit oder die Verfassheit der GIZ widerspiegeln: Veranstaltungen, Ausstellungen, Märkte, gemeinsam arbeiten oder besprechen, Kommunikation im Gastgarten, Sport und Spiel in der Hügellandschaft, Fruchtgenuss der Nutzpflanzen, Klettern in den Bäumen, in der Wiese schlafen und andere mehr,

Der Baustoff Holz bestimmt das Fassadenbild und bildet gemeinsam mit den Bäumen des Baumhains ein sichtbares Zeichen der Nachhaltigkeit durch nachwachsende Rohstoffe, die den CO₂-Gehalt der Atmosphäre reduzieren. Die flexible Adaptierbarkeit des Gebäudes und damit die Nachhaltigkeit hinsichtlich der einfachen Durchführung zukünftiger Nutzungsänderungen erschließt sich offensichtlich durch die offene Gerüststruktur.

Abbildung der Identität der GIZ nach außenBunte heterogene Gemeinschaft – individuell aneigenbare Umgebung / Sichtbares Leitprinzip Nachhaltigkeit – adaptierbares Gerüst  (Zeichnung: Caramel Architekten)
Welche Besonderheiten hinsichtlich Konstruktion und Material zeichnen Ihren Vorschlag aus?

Den Gebäudesockel bilden die Untergeschosse in Stahlbetonbauweise. Die darüberliegende hohe und offene Erdgeschosszone – mit den zentralen Hallenbereichen – ist ebenfalls in Stahlbetonbauweise geplant; die Unterzüge der Decke über Erdgeschoss wechseln teilweise die Mittelstützen der Bürotrakte aus und überspannen die zentralen Räume zwischen den Bürotrakten stützenfrei. Die Tragstruktur der Bürogeschosse vom ersten bis fünften Obergeschoss ist in wirtschaftlicher und nachhaltiger Holz-Beton-Hybridbauweise als „Gerüst“ aus Stützen und Deckenelementen mit einem gleichbleibenden Stützenraster geplant. Für spätere Änderungen in der Raumanforderung an das Gebäude kann die Flächenbelegung des Gerüstes dann wachsen oder schrumpfen ohne dass die Gebäudestruktur selbst verändert werden muss. 

Ein flexibel nutzbares Gerüst in Holz- Beton-Hybridbauweise auf Stahlbetonsockel / Die Flächenbelegung des Gerüsts kann wachsen oder schrumpfen  (Zeichnung: Caramel Architekten)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

2025.

Modell (Foto: Caramel Architekten)
gizcampus ESCHBORN in Eschborn
Einladungswettbewerb
 
Jury
Prof. Michael Braum, IBA Heidelberg (Vorsitzender) | Christopher Hammerschmidt, Frankfurt a. M. | Julia Tophof, Berlin | Max Otto Zitzelsberger, München | Regina Kallmayer, GIZ Eschborn | Dr. Frank Lebsanft, PHOENIX, Frankfurt/Main | Thorsten Schäfer-Gümbel, GIZ Eschborn | Adnan Shaikh, Bürgermeister Stadt Eschborn 
 
1. Preis
Caramel Architekten ZT GmbH, Wien
TGA: TB Käferhaus GmbH, Wien
TWP: Werkraum Ingenieure ZT GmbH, Wien
 
2. Preis
schneider+schumacher Städtebau GmbH, Frankfurt am Main
Statik: Bollinger und Grohmann, Frankfurt/Main
Energie: Transsolar Energietechnik, Stuttgart
 
3. Preis
holger meyer architektur, Frankfurt am Main
HKK Landschaftsarchitektur, Frankfurt am Main
Energie: Lemon Consult AG, Zürich

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