Fotografie-Ausstellung in der Berliner Galerie Loris

Schauplatz Vorstadt Ostersbaum

Oliver Pohlisch
7. Januar 2016
Ostersbaum | 2013/14, Foto: Andy Heller

Das Interieur von Swinger-Clubs, Stapel von ausrangierten Gebrauchsgütern, ein Imbiss im Speckgürtel Berlins: Motive, die am Rand siedeln, sind das Thema der Fotografin Andy Heller. Die Berliner Künstlergalerie Loris zeigt jetzt ihre Serie «Ostersbaum», die einen Blick auf die Peripherie Wuppertals wirft.

Die bundesrepublikanische «Vorstadt» ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus zeitgenössischer deutscher Fotografie geraten. Aufnahmen von Ausfallstraßen, Einkaufszentren auf der grünen Wiese, Eigenheimsiedlungen und Gewerbeparks verstärken den Diskurs über die urbane Peripherie als Zone des Beliebigen und Gesichtslosen. Die ProduzentInnen dieser Bilder offenbaren nicht selten entweder einen Hang zur Exotisierung des eigentlich allzu vertrauten Speckgürtels oder ein Unbehagen über seine vermeintliche Amerikanisierung.

Solche Absichten scheinen Andy Heller, einer ehemaligen Meisterschülerin von Joachim Brohm an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, völlig abzugehen. Ihre Serie dreht sich weder um die Austauschbarkeit urbaner Topographien noch um die Faszination der Banalität. Heller belichtet einen konkreten Schauplatz, dessen Name keinen Verallgemeinerungen zum Opfer fällt. «Ostersbaum» zeigt einfach Ostersbaum, ein Konglomerat von Gebäuden aus den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren, das mit all seinen spezifischen architektonischen Details, die schon Patina angesetzt haben, seinen Markierungen und Zeichen, genauso nur einmal im Tal der Wupper im Bergischen Land existiert.

Ostersbaum | 2013/14, Foto: Andy Heller

Heller gibt aber auch nicht vor, sich mit dem Ort gemein gemacht, ihn und seine BewohnerInnen gut kennengelernt zu haben. Als geradezu stoisch neutrale Betrachterin bleibt sie selbst am Rand, hat sich den Damm der stillgelegten Wuppertaler Nordbahn als Standort für ihre Kamera gesucht. Ihre Aufnahmen sind Aufsichten, ähnlich distanziert wie Fotos eines verlassenen Bühnenbilds, die vom Rang aus gemacht worden sind. Wobei die Sicht manchmal durch entlaubte Bäume eingeschränkt ist, der Vorhang also nicht immer ganz aufgezogen ist. «Zeit»-Autor Benedikt Erenz verweist in seinem Begleittext zur Ausstellung dementsprechend auf die Technik des Repoussoir in der Malerei, des Rahmens hinter dem Rahmen.

Die Menschenleere der Lokalität im von Heller eingefangenen Augenblick erzeugt eine rätselhafte Spannung – eben wie nach der Umbaupause eines Theaterstücks: Wer wird gleich die Szenerie betreten? Auf jeden Fall sind in der Zeit vor dem Moment des Fotografierens eine Menge vorstädtischer Aktivitäten geschehen, deren Spuren die/der Betrachterin an der komplexen Oberfläche ablesen kann. Schon in ihrer Arbeit CA 94103, die Übernachtungsplätze von Obdachlosen in San Francisco zeigt, hat Andy Heller, wenn auch kleinräumlicher, die Herstellung von Örtlichkeit dokumentiert, ohne die handelnden Personen vorzuführen. Nun macht sie am Beispiel der Straßenzüge und Liegenschaften Ostersbaums deutlich, dass paradoxerweise gerade die Abwesenheit von Personen den Blick dafür schärft, dass Raum immer sozial produziert ist.

Ausstellung: ANDY HELLER | Ostersbaum, 9. Januar bis 6. Februar 2016, Do. bis Sa., 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung, Eintritt frei, in der Galerie Loris, Potsdamer Str. 65, 10785 Berlin.

Ostersbaum | 2013/14, Foto. Andy Heller

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