Pforzheims verborgene Schönheit

Manuel Pestalozzi
29. Oktober 2018
Haut Fachleute um: das Reuchlinhaus von Manfred Lehmbruck im Stadtgarten, erbaut zwischen 1957 und 1961. Bild: Georg Waßmuth/Wikimedia Commons

Architekturhistorikerin und Buchautorin Turit Fröbe hat die Stadt im Nordwesten Baden-Württembergs besucht – und wurde von ihrer Schönheit bezirzt. Offenbar bleibt sie für viele verborgen.

Turit Fröbe geht der Geschichte von Häusern auf den Grund. Besonders Bauten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg haben es ihr angetan. Sie spielen die Hauptrolle in ihrem »Bestimmungsbuch für moderne Architektur« mit dem Titel »Alles nur Fassade?«. Es will mitunter die Augen der Allgemeinheit öffnen für die Qualität dieser Bauten, die beim Publikum heute oft keine große Wertschätzung genießen.
 
Pforzheim erwies sich für Fröbe offenbar als eine veritable Schatztruhe. In einem Interview mit der Pforzheimer Zeitung bekannte die Berlinerin, dass sie von der Stadt hingerissen ist. »Schon das Ankommen war ganz großes Kino«, erzählte sie dem Journalisten, »der Bahnhof ist eine gebaute Willkommensgeste. Ich kann mich an keine Stadt erinnern, in der ich eine solche Häufung eleganter, qualitativ hochwertiger 1950er-Jahre-Architektur auf so engem Raum gesehen habe: Bahnhof, Gesundheitsamt, Technisches Rathaus – das Amtsgericht hat es mir besonders angetan.«
 
Noch höher schlugen die Wellen im Stadtgarten, wo das Reuchlinghaus, ein Museum, die fachkundigen Reisenden in Sachen Architektur »regelrecht umgehauen« hat. Leider mussten sie auch feststellen, dass dieser Enthusiasmus bei der ansässigen Bevölkerung oft kein Echo auslöst. Für die Einheimischen ist ihre Stadt offenbar häufig eine verkannte Schönheit, entsprechend unsorgfältig scheint deshalb gelegentlich auch der Umgang mit dieser Bausubstanz. Das Interview löste nicht nur positive Reaktionen aus, die Pforzheimer Zeitung rapportiert den Tenor: Die Stadt ist und bleibt hässlich.
 
An dieser Stelle sollten sich eigentlich die Verantwortlichen für das Stadtmarketing einschalten. Pforzheim preist sich als »Goldstadt« an und als der »ideale Ausgangspunkt für den Schwarzwaldurlauber«. Weshalb nicht Architekturrundgänge organisieren, oder einen Parcours zu diesen Stätten, welche die Frühphase der BRD dokumentieren?
 

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