Gotik im Cinemascope-Format

Ulf Meyer
31. Oktober 2018
Architektur der Unendlichkeit, ein Film von Christoph Schaub (Bild: filmstill)

Auf der DOK Leipzig feierte gestern Abend ein Schweizer Architekturfilm Weltpremiere: „Architecture of Infinity” von Christoph Schaub. 

Architektur kann ergreifen und selbst unreligiösen Betrachtern einen Moment der Epiphanie bescheren. Der Schweizer Filmemacher Christoph Schaub, der sich selbst als Agnostiker und Kirchen-Kritiker bezeichnet, hat seinen neuesten Film als persönliche Voyage durch berührende Sakralbauten unternommen und in dem Film „Architektur der Unendlichkeit“ zu einem faszinierenden Reigen montiert. Der Film hatte am Dienstag Weltpremiere auf dem DOK Filmfestival in Leipzig.

Seit seiner Kindheit ist Schaub von sakralen Räumen fasziniert. Im Film lässt er Architekten und Künstler zu Wort kommen. Epiphanie-auslösende Orte müssen keine Kirchen, Tempel, Schreine oder Moscheen sein, wie die Werke von James Turrell illustrieren. Dessen „Skyspaces” sind zweifellos „spirituell“, auch wenn sie keinerlei vordergründige – in diesem Fall christliche – Symbolik zeigen. Zu Wort kommen in dem Film die drei Architekten Peter Zumthor, Peter Märkli und Alvaro Siza. Die Kamerafahrten (Kinematographie: Ramon Giger) bringen die immersiven Räume näher. Bei seiner Untersuchung zu Räumen mit sakraler Wirkung, die Erhabenheit oder Überwältigung auslösen, referenziert er immer wieder Rudolf Schwarz.

Der Film feierte gestern Premiere in Leipzig (Bild: filmstill)

„Kirchen thematisieren das Jenseits, als Gegenentwurf zum endlichen Leben auf der Erde, aber heutzutage suchen die meisten Menschen in der Natur und in der Kunst eine Erfahrung der Entrückung“, so Schaub. Gebäude schneiden einen Teil aus dem Unendlichen heraus und stehen „für das Endliche im Unendlichen“. Ihn interessiert das emotionale, philosophische Verständnis der Räume und nicht die Kunst des Entwerfens und Bauens. Bildebene die Erzählung der Architektur und Landschaften, die statisch ist und die ‚inneren’ Bilder, die bewegter und subjektiver sind. Off-Erzählung zu finden, die persönlich ist und informativ. Die Off-Erzählung soll Interesse, Emotion und Erinnerung kitzeln.

Herausgekommen ist nicht nur ein Film über sakrale Architektur, sondern auch eine Lebenserzählung. Der „innere“ Raum, den „Die Architektur der Unendlichkeit“ beschreibt, ist Schaubs bislang persönlichster Film. Der Regisseur setzt bei seiner Kindheit an. Von dort führt die (be)sinnliche Reise in räumliche Weiten, führt den Blick der Betrachter in die Unendlichkeit des Sternenhimmels und in die Tiefe des Meeres. Seit der Mitte der 1990er-Jahre dreht Schaub Dokumentarfilme über Zumthor, Caminada, Calatrava und Herzog & de Meuron. Stets treibt Schaub dabei die Herausforderung an, den Raum so zu inszenieren, dass er eine narrative Interpretation erfährt. Sein neuester Film lebt vom Bild, deren Kraft über die von Musik und Sprache deutlich hinausgehen. Die Distanz zum Prätentiösen hält er gerade so. Insgesamt lenkt die traumwandlerische filmische Reise den Blick des Betrachters geschickt – in das Unendliche. 

Architecture of Infinity
Sprachen: Englisch, Deutsch und Portugiesisch, Untertitel: Englisch, 86 min.
Weitere Aufführungen am 1. November um 10:15 Uhr im CineStar 5 in Leipzig und 3. November um 16:30 Uhr CineStar 6 in Leipzig

Filmplakat

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