Stadtlandschaft im Fluss

Ulf Meyer
17. April 2019
Luftaufnahme der Sommerinsel im Herbst 2018, Landschaftarchitektur: LOMA architecture . landscape . urbanism (Bild: Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH)

Bundesgartenschauen gelten tendenziell als Rentner-Veranstaltungen. In Heilbronn hingegen geht mit der Schau ein komplett neues Stadtquartier einher – als Modell für Deutschlands wachsende Städte. 

Das Areal für den Bau des neuen Quartiers bot sich an: Das Gartenschaugelände und damit auch das „Wohnquartier Neckarbogen“ liegen innenstadtnah, unweit des Hauptbahnhofs von Heilbronn. Zwischen Neckarkanal und Alt-Neckar lag bis dato ein brach gefallenes Industriegebiet („Brownfield-Development“ wird das in Fachkreisen genannt) auf den Flächen verfüllter ehemaliger Hafenbecken. Es wird nun nicht nur landschaftsarchitektonisch neu erfunden, sondern auch nachhaltig urbanisiert. Der Stadtplaner Hildebrand Machleidt aus Berlin will mit seinem Werk Heilbronn die Chance geben, „seine fragmentierte Flusslandschaft neu zu interpretieren“. Steidle Architekten aus München hatten die Freilegung des Floss- und Karlshafens vorgeschlagen und damit „ein städtisch gefasstes Hafenbecken und einen landschaftlich geprägten See im Park“ definiert.
Vier landschaftliche Bänder umgeben während der BUGA die Ufer von Neckar und Neckarkanal und ein dünenartiger „Reliefpark“ verknüpft mit expressiven Erdarchitekturen die Deiche mit dem Hafenpark. Die Parks am Neckarufer und ein Seepark sollen auch noch der BUGA erhalten bleiben. Sie werden von dem Berliner Büro Sinai gestaltet, das aus dem freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb zur Gestaltung der Grünflächen 2011 als Sieger hervor ging. Sie sahen vor, jeweils ein Drittel des Geländes zum Park, ein Drittel zur Wasserfläche und ein Drittel zur Stadt zu machen.

Flosshafen und Sommerinsel (Bild: Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH)
Innen- geht vor Außenentwicklung

Heilbronn hat sich bei seiner Stadterweiterung für eine „Innenentwicklung“ entschieden und stärkt damit sein Leitbild der ‚Stadt am Fluss'. Die Stadt mit gut 120'000 Einwohnern hatte das Areal der BUGA, die größte zusammenhängende Fläche in Heilbronn, erworben und wollte den Schwung und Zeitdruck nutzen, der bei der Ausrichtung einer Bundesgartenschau „als Impulsgeber für die Förderung der Stadtentwicklung“ entsteht. Neben dem Neckarbogen werden noch ein Bildungscampus der Schwarz-Stiftung und die Wissenswelt Experimenta in Heilbronn gebaut.  
Die innenstadtnahe Lage des Geländes erlaubt eine fußläufige Verbindung zum Zentrum Heilbronns, auch wenn leider keine Straßenbahn-Anbindung vorgesehen ist. Eine geplante Brücke über die Bahngleise wird ebenfalls leider nicht rechtzeitig fertig. Dennoch wurde schon 2012 die Planung mit einem Vor-Zertifikat in „Platin“ der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) in der Rubrik „Stadtquartiere, Version 2016“ ausgezeichnet. Die Stadtausstellung mit 800 Bewohnern in der ersten Phase hat eine hohe Dichte, was die Wege kurz hält. In dem Wohnquartier werden bis zum Jahr 2040 etwa 3'500 Menschen leben und um die eintausend Arbeitsplätze entstehen. Um eine sozial ausgewogene Zusammensetzung der Bewohnerschaft zu erreichen, ist die Hälfte der Wohnungen zu mieten (mit einem hohen Anteil an gefördertem Wohnungsbau) und die andere Hälfte zu kaufen. Die Stromversorgung wird über ein Blockheizkraftwerk, Solarthermie und Photovoltaik mit Zwischenspeichern gewährleistet. Die Seen der benachbarten BUGA-Parks dienen dem Wassermanagement für das neue Stadtquartier und werden zur Bewässerung von Bäumen und Beeten genutzt. 
 

Ein Teil des Geländes im März 2019 (Bild: Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH)
Soziale Mischung

Auch auf der Ebene der Architektur und Haustechnik werden die Ansätze für nachhaltiges Bauen am Neckarbogen unterstützt. Im ersten Bauabschnitt wurden zunächst drei Blöcke mit 22 fünf- bis neun-geschossigen Gebäuden errichtet. Die Proportionen der Gebäude und der Höfe (zwei rechteckig, einer ist dreieckig) entsprechen etwa denen des Heilbronner Bahnhofsviertels aus der letzten Jahrhundertwende. Es gibt ein Mehrgenerationenhaus, Dachterrassen und Effizienzhäuser, Vertikalgrün, ein Kinderhaus, ein „Haus der Inklusion“ mit Betreuungsangeboten und einer Fahrradwerkstatt, ein „Aktiv-Haus“ mit Gemeinschaftsraum und barrierefreie Wohnungen. Die Erdgeschoss-Ebenen der Häuser sind für gewerbliche Nutzung gedacht, um die Straßen zu animieren und Raum für Büros, Einzelhandel und Gastronomie zu bieten. Während der BUGA werden zunächst Hotelübernachtungen in der Stadtausstellung angeboten, erst danach ziehen die neuen Bewohner ein.

Der Neubau Experimenta von Sauerbruch Hutton (Bild: Sauerbruch Hutton)
Das gesamte Areal umfasst eine Fläche von 40 Hektar (Plan: Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH)
Mit Holz hoch hinaus

Nachhaltiges Bauen beschränkt sich nicht nur auf umweltfreundlichen Städtebau, soziale Inklusion und moderne Haustechnik. Auch die Wahl der Baumaterialien ist entscheidend: Holz ist deshalb der meist verwendete Baustoff in der neuen Stadtausstellung. Alle drei Blöcke sind über Tiefgaragen miteinander verbunden, die 0,6 Stellplätze pro Wohnung vorsehen. Darauf wollten die Bauherren partout nicht verzichten, obwohl der Bau teuer ist und Garagen dem ökologischen Denken zuwiderlaufen, in dem sie den Individualverkehr per Auto im wahrsten Sinne des Wortes zementieren. Die Höfe über den Garagen sind jedoch liebevoll und jeweils unterschiedlich gestaltet und bleiben öffentlich zugänglich. Ein „automatisiertes Lieferkonzept“ für Einkäufe soll die Selbstständigkeit der Senioren, der Familien und der Menschen mit Handicaps erleichtern, denn einen Supermarkt gibt es in der neuen Stadt nicht. Ob die ‚Abkehr von einer auto-orientierten Verkehrspolitik' wie sie sich die Stadt selbst verordnet hat, ernst genommen wird, ist angesichts der Tatsache, dass ein großer deutscher Automobilhersteller die Neustadt mit einem Modell für die „Mobilität in der Stadt der Zukunft“ sponsert, allerdings fraglich.

Bild: Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH
Baukultur im Praxistest

Um das „Modell eines urbanen, kompakten Stadtquartiers“ architektonisch qualitätvoll zu gestalten, wurde eine Baukommission eingesetzt, der Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur aus Potsdam vorsaß. In den drei Baufeldern gab es sechs, drei und acht Bau-Teams und entsprechend viel Koordinierungs-Aufwand. Die Grundsätze, wie zum Beispiel die Beschränkung der Architekten auf maximal zwei Gebäude, die nicht nebeneinander liegen sollen, erscheint sinnvoll, um gestalterische Vielfalt zu garantieren. Es gab viermal so viele Bewerber wie Grundstücke, sodass die Organisatoren im „Interesse-Bekundungs-Verfahren“ die besten Konzepte auswählen konnten. 

Das interessanteste Beispiel für das „Wohnen auf der Bundesgartenschau“ ist das Holzhochhaus, entworfen vom Architekturbüro Kaden+Lager aus Berlin. Das „SKAIO“ genannte Gebäude ist mit 34 Metern und zehn Geschossen das höchste Holzhochhaus in Deutschland. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Stadtsiedlung Heilbronn als Bauherr entschied sich für eine Hybrid-Konstruktion: Sockelgeschoss und Treppenhaus bestehen aus Stahlbeton, während alle Wände und Decken aus Holz vorgefertigt und vor Ort montiert wurden. Für die Stützen wurde Brettschichtholz verwendet, für Decken und Wände deutsche Fichte. Für die Nutzung von Holz als tragendem Bauteil im Hochbau ist der Neubau ein interessantes Experiment. Die Fassade ist leider mit Aluminiumplatten verkleidet, sodass man von der bautechnischen Innovation von außen nichts erahnen kann. Im Erdgeschoss bietet das Holzhaus Gewerbe- und Nebenräume und darüber 60 Wohnungen, 22 davon sind Sozialwohnungen. Die Ein- bis Zweizimmerwohnungen sind 40 bis 70 Quadratmeter groß, nur ganz oben liegt eine Wohnung mit acht Zimmern für eine Wohngemeinschaft mit eigener Dachterrasse. Jede Wohnung hat eine Loggia oder bodentiefe Fenster und auf dem Dach des zehnten Geschosses gibt es eine Dachterrasse für alle Bewohner. Das Hochhaus markiert mit seinen zehn Geschossen den Eingang zum Gelände der Gartenschau.

Die weiteren Baufelder des Stadtquartiers werden nach 2019 bebaut. Aber die erste Phase der ökologischen Neustadt am Neckarbogen wird gleichzeitig mit der Bundesgartenschau Heilbronn eingeweiht, schließlich handelt es sich um eine kombinierte „Garten- und Stadtausstellung“ – erstmals in der fast 70-jährigen Geschichte ist somit eine BUGA Landschafts- und Bauausstellung zugleich.

BUGA Heilbronn, 17.4. – 6.10.2019
173 Tage lang wird die Bundesgartenschau unter dem Motto ’Blühendes Leben’ geöffnet sein. Weitere Informationen: www.buga2019.de

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