Weiterentwickelter Bestand: Wohnen im Village

Stefan Forster Architekten
3. November 2021
Fassadenansicht von Osten mit Blick entlang der Andrew-Jackson-Straße, linkerhand (Foto: Lisa Farkas)

In Mannheim haben Stefan Forster Architekten das große Wohnprojekt Franklin fertiggestellt. Stefan Forster über ein Bauvorhaben, das trotz widriger Bedingungen schlussendlich hohe Qualität erreichte.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Grundstück liegt auf dem Gelände des ehemaligen „Benjamin Franklin Village“ im Nordosten Mannheims. Sechzig Jahre lang war Franklin die größte Wohnsiedlung der US-amerikanischen Streitkräfte in Deutschland und galt als „Stadt in der Stadt“. Nach dem Abzug des Militärs 2011 bot sich der Stadt Mannheim die Gelegenheit, das über viele Jahrzehnte abgeschlossene Areal in ein zukunftsfähiges Stadtviertel umzuwandeln. Auf etwa 144 Hektar Gesamtfläche – vergleichbar der Größe der Mannheimer Innenstadt – entstehen bis 2025 Wohnungen für rund 9'000 Bewohner. Auf der Grundlage eines städtebaulichen Rahmenplans sollte jede zweite der einstigen Kasernenbauten erhalten bleiben und so an die Geschichte des Ortes erinnern. Um eine gleichberechtigte Nutzungsmischung zu ermöglichen, wurde Franklin bundesweit erstmals als „urbanes Gebiet“ ausgewiesen und entwickelt.

Fassadenprofilierung und Hauseingänge an der Ostseite (Foto: Lisa Farkas)
Straßenhof an der Wasserwerkstraße mit den verbindenden Loggien, dahinter das sanierte Bestandsgebäude (Foto: Lisa Farkas)
Staffelung des Baukörpers mit „transparenten“ Loggien, rechterhand (Foto: Lisa Farkas)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Struktur der einstigen „Housing Area“ mit ihren Kasernen entspricht städtebaulich der typischen Zeilensiedlung, wie wir sie seit Dammerstock kennen. In der Mitte des Grundstücks sollte zudem eine einzelne Zeile – rechtwinklig zur Straße stehend – erhalten und in den Entwurf integriert werden. Als am großstädtischen Block orientiertes Büro sehen wir den Zeilenbau kritisch. Die Frage lautete: Wie können wir eine Blocktypologie entwickeln, die dem Ort gerecht wird? Schließlich entwickelten wir einen neuen, modular aus der Zeile entwickelten Blocktyp – einmal in offener U-Form, einmal umlaufend geschlossen. Die Zeile wird hier als ein Modul aufgefasst, das durch Addition neu zusammengesetzt und an den Ecken mit „transparenten“ Loggien verbunden wird. Anders als der Zeilenbau ermöglicht diese Struktur eine Differenzierung der Freiräume – vom öffentlichen Straßenraum über halböffentliche Wege bis zum privaten Hof.

Blick über den Hof nach Nordwesten; das Bodenraster zeigt die Flächen der geplanten Schrebergärten (Foto: Lisa Farkas)
Loggien verbinden die „Zeilen“ zu einem umlaufend geschlossenen Block (Foto: Lisa Farkas)
Bestandsgebäude der ehemaligen Kaserne; im Zuge der Sanierung wurden die Fensterbrüstungen reduziert und die Eingänge neu definiert (Foto: Lisa Farkas)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die Neubauten greifen das städtebauliche Thema der Kaserne – den Zeilenbau – auf und entwickeln daraus einen neuen Bautyp. Zugleich verstehen wir den unaufgeregten Städtebau und die Zielsetzung eines qualitätsvollen Wohnungsbaus als Kritik am Rahmenplan für das Neubauviertel Franklin. Unter der Leitung von Winy Maas (MVRDV) wurde eine Aufteilung des Areals beschlossen, die heute als Collage erscheint und mit in die Zeilen geschobenen Buchstabenhäusern – die zusammen das Wort H.O.M.E. ergeben – eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Demgegenüber haben wir uns an klassischen Qualitäten des Wohnungsbaus orientiert: differenzierte Außenräume, ein wertiger Klinkersockel, profilierte Fassaden mit privaten Freiräumen, integrierte Müll- und Fahrradplätze und ein Hof, der von den Bewohnern in unterschiedlicher Weise angeeignet werden kann – zum Beispiel als Schrebergärten auf dafür vorgesehenen Parzellen.

Fassadendetails mit Profilierungen und unterschiedlichen Putzstrukturen(Foto: Lisa Farkas)
Treppenhaus im Neubau (Foto: Lisa Farkas)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Aufgrund des starken Kostendrucks wurde die Durchführung zunehmend schwieriger. Im Rückblick kann man festhalten, dass Quartiere wie Franklin vor allem für Investoren entwickelt werden, die Immobilien schnell weiterveräußern wollen. Darunter hat auch die Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und dem Generalunternehmer gelitten. Beispielsweise hätten wir gerne größere Eingriffe in das Bestandsgebäude vorgenommen und dieses architektonisch anders behandelt; aufgrund der schlechten Bausubstanz war dies jedoch nicht wirtschaftlich. Offen ist auch, ob die geplanten Schrebergärten im Innenhof wirklich angenommen werden, da aus Kostengründen auf einen Wasser- und Stromanschluss verzichtet wurde. Trotz der widrigen Bedingungen konnten wir insgesamt aber eine Qualität erreichen, die in Franklin ihresgleichen sucht!

Schwarzplan (Zeichnung: Stefan Forster Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Stefan Forster Architekten)
Grundriss Regelgeschoss (Zeichnung: Stefan Forster Architekten)
Schnitte (Zeichnung: Stefan Forster Architekten)
Franklin
2021
Andrew-Jackson-Straße 5–27
68309 Mannheim
 
Nutzung
Wohnen
 
Auftragsart
Direktbeauftragung
 
Bauherrschaft
GWH Bauprojekte GmbH
 
Architektur
Stefan Forster GmbH, Frankfurt am Main
Yvonne Merkt (Projektleitung), Janos Lalik, Alexander Trinks, Michael Thomas, Sandra Klepsch, Peter Gallo
 
Fachplanung
Tragwerksplanung: R&P Ruffert Ingenieurgesellschaft mbH, Limburg
Haustechnikplanung: Ingenieurbüro Auffenberg, Frankfurt am Main
Freiraumplanung: Freiraum Landschaftsarchitekten Rabsilber + Heckmann, Wiesbaden
 
Bauleitung
Adolf Gerber Baumanagement, Darmstadt
Gramenz Neubau GmbH, Wiesbaden
 
Ausführende Firmen
Oevermann Hochbau GmbH, Gütersloh / Münster (Generalunternehmer)
Gramenz Neubau GmbH Garten- und Landschaftsbau, Wiesbaden
 
Hersteller
Klinker: Feldhaus
Fenster: Schüco
 
Energiestandard
KfW 55
 
Bruttogeschossfläche
15.000 m²
 
Gebäudevolumen
50.000 m³
 
Gesamtkosten
k.A.
 
Fotos
Lisa Farkas

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