Von Flachsgelb bis Ockerbraun

31. Januar 2024
Ansicht auf die Fahrzeughalle (Foto: Henrik Schipper)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Der Wettbewerb zielte darauf ab, überzeugende Vorschläge für eine hochwertige Bebauung des brachliegenden Geländes an der Zorgestraße zu entwickeln. Diese sollten sowohl den städtebaulichen Gegebenheiten gerecht werden als auch den hohen funktionalen Anforderungen an ein neues, modernes feuerwehrtechnisches Zentrum der Stadt Nordhausen entsprechen.

Die Feuerwehr und ihre Architektur spielen eine essenzielle Rolle im städtebaulichen Kontext. Die Architektur geht über rein funktionale Anforderungen hinaus und trägt zur visuellen Identität des Stadtteils bei. Durch klare Formen, robuste Materialien und eine gezielte Integration in die Umgebung wird die Feuerwehr zum architektonischen Element, das nicht nur Schutz bietet, sondern auch den städtischen Raum aufwertet.

Ansicht Nord, Haupteingang (Foto: Henrik Schipper)
Zickzackfassade (Foto: Henrik Schipper)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der u-förmig geschnittene, dreigeschossige Hauptkörper des feuerwehrtechnischen Zentrums Nordhausen ist klar im Stadtraum positioniert. Die Leitstelle am Kopfende des Gebäudes bietet einen ungehinderten Blick auf den Knotenpunkt der Zu- und Ausfahrten sowie die Straßenkreuzung. Im ersten Obergeschoss befinden sich die Aufenthalts- und Schulungsräume und die Räume der berufs- und freiwilligen Feuerwehr. Das zweite Obergeschoss nimmt die Räume der Verwaltung auf.

Die unterschiedlichen Gebäudeteile und der Schlauchturm werden durch eine einheitliche Materialität zu einer Gesamtanlage zusammengefasst. Einen spannungsreichen Kontrast bilden die großflächigen geschlossenen Wandflächen zu den Verglasungen der Fenster- und Torflächen.

Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Bereits 2006 hatte der Stadtrat die Vorbereitung der Standortverlagerung der Berufsfeuerwehr an die Zorgestraße beschlossen. Dieser Beschluss wurde im Jahr 2010 fortgeschrieben und schlussendlich am 15. Juni 2016 konkretisiert. Zur Planung des Feuerwehrgebäudes auf dem Grundstück Zorgestraße 1 wurde ein europaweit ausgeschriebener Realisierungswettbewerb durchgeführt. 

Unsere Entwurfsplanung überzeugte und im Jahre 2017 konnten wir den einphasigen, nichtoffenen, baulichen Realisierungswettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren und anschließendem Verhandlungsverfahren nach RPW 2013 und VgV zu unseren Gunsten entscheiden. 

Foyer mit Ausstellungsbereich (Foto: Henrik Schipper)
Erschließung (Foto: Henrik Schipper)
Seminarraum (Foto: Henrik Schipper)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Da der Landkreis Nordhausen kein separates Feuerwehrtechnisches Zentrum hat, gibt es in der Nordhäuser Feuerwache gemeinsam genutzte Bereiche: die Schlauchwerkstatt mit Schlauchtrockenturm, die Atemschutzwerkstatt, die Elektro-Funkwerkstatt und die Feuerwehr-Einsatzzentrale. 

Ansicht Ost, Alarmhof (Foto: Henrik Schipper)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Insgesamt war der intensive Austausch zwischen Bauherrschaft, Nutzer und ausführenden Firmen sicher ein entscheidender Erfolgsfaktor, denn nur so konnte ein hochoptimierter Funktionsbau entstehen, der die Feuerwehr optimal bei ihren Aufgaben unterstützt.

Das Prinzip ›Form follows function‹ stand für uns im Fokus, also der Grundsatz, dass sich das Design des Gebäudes vollständig an dessen Funktion orientieren muss. In der Feuerwache Nordhausen unterstützt diese Infrastruktur schnelle und effiziente Einsatzabläufe bestmöglich. Es wurde darauf geachtet, dass bei einem Alarm der Freiwilligen Feuerwehr anfahrende Einsatzkräfte und bereits ausrückende Einsatzfahrzeuge unterschiedliche Zu- bzw. Abfahrten nutzen und sich nicht gegenseitig im Weg sind. Dafür wurde sogar die Zorgestraße um eine zusätzliche Fahrspur für die Feuerwehr als Alarmausfahrt erweitert.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Der ursprüngliche Entwurf wurde weitgehend unverändert umgesetzt. Dennoch wurden im Verlauf des Prozesses Wege und Details optimiert, um eine verbesserte Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit zu gewährleisten. Diese Optimierungen erfolgten in enger Abstimmung mit den Nutzern, um sicherzustellen, dass das endgültige Bauwerk ihren Bedürfnissen bestmöglich gerecht wird.

Fahrzeughalle innen (Foto: Henrik Schipper)
Fahrzeughalle innen mit Feuerwehrauto (Foto: Henrik Schipper)
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Die äußere Gestaltung des Feuerwehrneubaus wird durch ein Klinkerkleid geprägt, das nicht nur die Klarheit und Robustheit des kompakten Baukörpers unterstreicht, sondern auch auf die Verwendung von Naturbaustoffen setzt. Dieser Klinker fügt sich respektvoll in das bestehende Stadtbild ein und verleiht dem Bauwerk eine Vielfalt von Farben – von Flachsgelb bis Ockerbraun mit goldenen Nuancen. Diese Farbpalette wurde gezielt gewählt, um an die ortstypischen Sandsteinfelsen zu erinnern und zugleich die Verwendung dieses natürlichen Baustoffs zu betonen.

Die Resonanz ist sehr positiv: Das Gebäude wird durch die Feuerwehrangehörigen sehr gut angenommen, die Nordhäuser Feuerwehr fühlt sich sehr wohl. Das hier umgesetzte Farbkonzept an der Außenfassade und im Inneren wird am häufigsten positiv erwähnt.

Ansicht Süd, Fahrzeughalle mit Schlauchturm (Foto: Henrik Schipper)
Ansicht Nordost mit Schlauchturm (Foto: Henrik Schipper)
Ansicht Nord mit Haupteingang (Foto: Henrik Schipper)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Die Fahrzeughallen erhalten Stahl-Glas-Faltschiebetore, welche mit der großflächigen Verglasung des westlichen Baukörpers den Innenhof umfassen. Über der Aus- und Einfahrt der beiden Fahrzeughallen wird durch einen Vorsprung der Attika ein Vordach ausgebildet, welches sich im Bereich des Turms vertieft und einen Schutz vor Witterung bietet.

Die Außenhülle besteht aus Stahlbetonwänden mit vorgelagertem Verblendmauerwerk. Durch vorgehängte Fertigteil- Stahlbetonblenden wird der Baukörper horizontal gegliedert. Die bandförmigen Metall-Glas-Fenster bestehen aus einer Dreifach-Isolierverglasung sowie einem außenliegenden beweglichen Sonnenschutz, zum Beispiel Screens/Lamellen. Die Klinkerfassade wird durch großflächige, bodentiefe Verglasungen in den Eckbereichen des Gebäudes, zum Beispiel bei der Leitstelle und dem Aufenthaltsraum der Freiwilligen Feuerwehr unterbrochen. Die bewegte Fassade in den Schulungsräumen bringt durch die große Verglasung viel Licht in den Innenraum und bildet im Innenraum Sitznischen aus. 

Ansicht Nord, Straßenansicht (Foto: Henrik Schipper)
Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

Bei der Planung des Neubaus lag unser Fokus darauf, nachhaltige Praktiken in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen zu integrieren. Wo immer möglich und im Einklang mit den ökonomischen Anforderungen vermieden wir den Einsatz von geklebten Verbundsystemen. Unsere Materialauswahl und Konstruktionsentscheidungen wurden sorgfältig getroffen, um Aspekte des zirkulären Bauens zu berücksichtigen.

Schwarzplan (Zeichnung: dasch zürn + partner) 
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: dasch zürn + partner) 
Neubau Feuerwehrtechnisches Zentrum Nordhausen
2023
Zorgestraße 1
99734 Nordhausen

Nutzung
Feuerwehr mit Schlauchturm und Alarmhof
 
Auftragsart
Wettbewerb 2017, 1. Preis
 
Bauherrschaft
Stadt Nordhausen

Architektur
dasch zürn + partner architekten Partnerschaft mbB, Stuttgart | München
Geschäftsführer: Helmut Dasch, Sebastian Kittelberger, Joachim Zürn
Projektleiter: Sebastian Kittelberger
Weitere Bearbeitung: Janina Sedlmayr, Johannes Sailer, Miriam Huber, Jannik Lambrecht
 
Fachplaner
Landschaftsarchitekt: Reinboth Landschaftsarchitekten, Esslingen
Brandschutzgutachten: Ortsbild Architektur & Ing.Büro GmbH, Nordhausen
Tragwerksplanung: tragwerkeplus, Reutlingen
HLS Planung: IB Wagner, Reutlingen
Elektroplanung: Kienle Ingenieure, Ostrach
Bauphysik/Raumakustik: Dr. Blechschmidt & Reinhold GmbH, Großlohra

Ausführende Firmen
Rohbau: Waresa Bau GmbH
Schreinerarbeiten: Hainich - Holz GmbH
Lüftungsanlage: Otto Building Technologies GmbH
Aufzugsanlage: Hollmann Aufzüge GmbH
Metall-, Verglasungs-, und Sonnenschutzarbeiten: JMF Metallbautechnik GmbH
Verglasungsarbeiten Brandschutz: RBE Rauch & Brandschutzelemente Markranstädt GmbH
Gerüstbauarbeiten: Lindner Gerüstbau GmbH
Photovoltaikanlage (EVN): Heide Solar GmbH & Co. KG
 
Hersteller
Klinkerfassade: Ziegelei Hebrok GmbH & Co. KG
Tore: RS Torsysteme GmbH & Co. KG
Fenster: Schüco International KG
Schalter: Gira Giersiepen GmbH & Co. KG
Außenleuchten: Bega Gantenbrink-Leuchten KG
 
Energiestandard 
Energiekonzept: EnEV 2014/16
Regenerative Energiequellen: Abwärmenutzung 18,7 kWh/(m²a)
Fernwärme aus mind. 70 % KWK 79,5 kWh/(m²a)
Primarenergiebedarf: 63 kWh/(m²a) 
Heizwärmebedarf: 100,4 in kWh/(m²a)
 
Bruttogeschossfläche
5.061 m²
 
Gebäudevolumen
25.025 m³

Gesamtkosten
k. A.
 
Fotos
Henrik Schipper Photography, Henrik Schipper

Vorgestelltes Projekt

Robert Meyer und Tobias Karlhuber Architekten

Wohnbebauung in Bad Tölz

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