Vexierspiel

Meixner Schlüter Wendt
2. Oktober 2019
Nach Süden, Westen und Osten offenbart der Turm die neue Wohnnutzung in einer Art Vexierspiel (Foto: Christoph Kraneburg)

Meixner Schlüter Wendt haben den Henninger Turm in Frankfurt am Main fertiggestellt. Claudia Meixner und Florian Schlüter antworten auf unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Ausgangspunkt für das neue Wohnhochhaus Henninger Turm ist die Verantwortung gegenüber der Geschichte des ursprünglichen Henninger Turmes, der ein eher skurriles, aber geliebtes Monument darstellt. Er hat eine herausragende Bedeutung für Frankfurt und für ganz Hessen. Jede räumliche und formale Umsetzung sollte sich der authentischen Geschichte des Turmes unterordnen. Der ursprüngliche Henninger Turm als Getreidesilo mit aufgesetztem Drehrestaurant war ein Zeitzeuge der 1960er-Jahre und repräsentierte die Euphorie dieser Zeit. Er war innovativ zu seiner Zeit und ist zu einem Ort mit großer Aufladung geworden - er könnte auch als emotionales Denkmal bezeichnet werden. Insofern bestand die konzeptuelle Dringlichkeit, das Bild „Henninger Turms“ in irgendeiner Form zu erhalten oder zu transformieren. Dabei geht es auch um die Ambivalenz aus Pseudo-Readymade und zeitgenössischen Wohnturm.

Der neue Henninger Turm von der Stadt aus gesehen mit den in das kollektive Gedächtnis eingebrannten Proportionen (Foto: Norbert Miguletz)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Transformation des Bestandes bezieht sich auf das konkrete Originalbild des Henninger Turms – von der Stadt aus gesehen: als kubischer Turm mit einem aufgesetzten Drehrestaurant und seinen signifikanten Proportionen – auch wenn diese Grundfigur für die Entwicklung einer räumlich komplexen Gesamtkomposition durchaus als formale Bleiweste betrachtet werden kann. Obwohl die Proportionen stark verändert wurden, funktioniert das Prinzip des imaginierten Pseudo-Readymades in der kollektiven Wahrnehmung – für die Frankfurter Bevölkerung ist der Henninger Turm wieder da.

Die Varianz der Grundrisse bildet sich auch in der Fassade des neuen Wohnturms ab (Foto: Norbert Miguletz)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Sockelbereich umfasst schützend den öffentlichen Hof. Die Nutzungen um den Hof sind Quartiersnutzungen, Einzelhandel, Sporteinrichtungen, ein Parkhaus und Gastronomie auf der Hofebene. Diese Hof- und Platzebene ist durch vielfältige Zugänge und Durchwegungen erschlossen. Die beiden Niveaus im Hof sind über eine großzügige Freitreppe mit Sitzstufen verbunden. Der Hof dient so als öffentlicher Kommunikationsraum und Erschließungszone aller Bereiche. Somit bilden der neue Turm und die Nahversorgung im Sockel das Zentrum für das neu entstandene Quartier mit insgesamt über 1000 Wohnungen auf dem Gelände der ehemaligen Henninger Brauerei. Als Wahrzeichen gibt er dem Quartier gleichzeitig Identität und wertet es somit auf.

Überlagerung des alten und neuen Henninger Turms (Foto: Christoph Kraneburg)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Auf Grund des großen öffentlichen Interesses hatten sich Bauherr und Stadt im Vorfeld des internationalen Wettbewerbs gemeinsam abgestimmt und die Aufgabe präzise formuliert. Unser Entwurf wurde dann aus neun teilnehmenden Büros ermittelt. Jeder Teilnehmer war aufgefordert zwei Entwurfsvarianten einzureichen. Während des weiteren Verlaufs des Projektes gab es viele iterative Abstimmungen, die zu selbstverständlichen Lösungen geführt haben.

Foyer (Foto: Christoph Kraneburg)
Appartement (Foto: Norbert Miguletz)
Balkondetail (Foto: Norbert Miguletz)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die Maße des neuen Turmes werden entsprechend der notwendigen Größen für Kerne, Technik und Brandschutzanforderungen und einer sinnfälligen Dimension für die Wohnebenen entwickelt – die signifikanten Gesamtproportionen bleiben erhalten. Bei der Fassade der Stadtsilhouette wurden die Fenster des Bestandbaus geklont und vervielfältigt. Nach Süden, Westen und Osten ist die Fassade entsprechend der neuen Nutzung eines Wohnturmes durch eine Varianz und durch die Öffnung der Wohnungen zur Aussicht geprägt. Vorgelagerte, dreiseitig umlaufende Balkonebenen in Kolossalordnung bilden großzügige Außenbereiche. Dieser zweigeschossige Loggienraum dient zur Überleitung vom Inneren der Wohnbereiche in die Weite des städtischen Raumes.

Transformation Henninger Turm (Zeichnungen: Meixner Schlüter Wendt)
Grundriss Henninger Turm 15. Obergeschoss (Zeichnung: Meixner Schlüter Wendt)
Grundriss Henninger Turm 29. Obergeschoss (Zeichnung: Meixner Schlüter Wendt)
Schnitt Henninger Turm (Zeichnung: Meixner Schlüter Wendt)
Neuer Henninger Turm
2018
Hainer Weg 56-80
60599 Frankfurt am Main

Nutzung
Wohnen (Hauptnutzung), Gastronomie, Einzelhandel, Fitness
 
Auftragsart*
Int. Architektenauswahlverfahren (9 Büros)
 
Bauherrschaft
Actris Henninger Turm GmbH & Co KG, Mannheim
 
Architektur
Meixner Schlüter Wendt, Frankfurt am Main
José Ortells (Projektleiter), Rehemitula Batuer, Jahan Beyzavi, Marcella Combalia, Ramon Di Nora, Mark Etling, Cordula Fischer, Mareike Fluhrer, Emanuel Gießen, Martin Goldhammer, Mario Grote, Michael Hennings, Chang-Yeh Ho, Alexander Hörr, Elisabeth Klein, Patrick Klügel, Zoran Milosevic, Thomas Riehling, Volker Rohde, Miriam Rollwa, Kerstin Sander, Friederike Sartor, Kay Sassmannshausen, Philipp Schams, Miodrag Stojsic, Manuela Weber, Thomas Weitershagen
 
Fachplaner
Statik: EHS beratende Ingenieure für Bauwesen, Lohfelden
Elektro: K. Dörflinger Elektroplanungs GmbH & Co KG, Allendorf
TGA: IPB Ing. Büro Peter Berchtold, Sarnen (Schweiz)
Fassade: IFFT Institut für Fassadentechnik Frankfurt GmbH; Frankfurt am Main
Brandschutz: hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin
Bauphysik: ITA Ingenieurgesellschaft für technische Akkustik, Wiesbaden
Landschaft: Vogt Landschaft GmbH, Berlin
Wegeleitsystem: unit-design GmbH, Frankfurt am Main

Bauleitung
GKK Ingenieurgesellschaft für Hochbau mbH, Frankfurt am Main
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Eduard Züblin AG, Frankfurt am Main
TGA + Elektro: Caverion Deutschland GmbH, Deggendorf
Fassade: Rupert App GmbH & Co, Leutkirch
Ausbau: Lindner AG, Arnstorf
Aufzüge: Kone GmBH, Frankfurt am Main
Außenanlagen: Gramenz Neubau GmbH, Wiesbaden
 
Hersteller
Glas: Saint-Gobain Glasssolutions
Naturstein: Hofmann Naturstein
Aufzüge: Kone
Trockenbauwände: Knauf
Sanitärkeramik: Duravit
 
Bruttogeschossfläche
73.418,86 m² NGF (Nutzfläche, Verkehrsfläche, Technikfläche)

Gebäudevolumen
304.221 m³ (gesamt mit Tiefgarage)

Gesamtkosten
k.A.

Fotos
Christoph Kraneburg
Norbert Miguletz

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