Vermittelnder Antagonist

Steimle Architekten
6. Mai 2020
Der Erweiterungsneubau Landratsamt Bad Kissingen als vertrauter Stadtbaustein im historisch geprägten Stadtraum (Foto: Brigida González)

Das Landratsamt in Bad Kissingen ist von Steimle Architekten erweitert worden. Thomas Steimle wählt acht Bilder und drei Pläne und beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die besondere Lage des Baugrundstückes forderte ein großes Maß an Sensibilität für die Gestaltung des Bauvolumens ab. Mit dem Neubau war sowohl der angrenzenden Altstadt Bad Kissingens – ein historisch geprägter Stadtraum mit kleinteiliger Körnung – als auch den Bestandsbauten des Landratsamtes aus den 1960er-Jahren mit größeren Baumassen Rechnung zu tragen.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Es ist vor allem der Ort selbst mit seiner beengten Lage zwischen Altstadt und den bestehenden Verwaltungsgebäuden des Landratsamtes, der die sorgfältig ausbalancierte Formung des Gebäudes beeinflusst hat. Für die Gestaltung und Farbgebung der Fassade diente hauptsächlich der mächtige Sandsteinbau des nahegelegenen Rathauses, das aus dem Jahr 1709 datiert, als Vorbild.

Wie selbstverständlich verbindet sich der Baukörper mit seiner direkten Nachbarschaft und den verwinkelten, ortstypischen Gassen, die sich immer wieder zu kleinen Plätzen aufweiten. (Foto: Brigida González)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die Gliederung des Gebäudevolumens wurde mit Vor- und Rücksprüngen und einer plastischen Höhenstaffelung in Anlehnung an die direkte Nachbarschaft, aber auch den ortstypischen Gassen der Altstadt entwickelt. Dadurch entstehen keine massiven zusammenhängenden Körper, vielmehr eine ausbalancierte Gliederung und Maßstäblichkeit des Gebäudes im Verhältnis zu seinem Umfeld.

Der Grundriss nimmt die Fluchten der Altstadtgassen auf, führt diese wie selbstverständlich über die verschiedenen Gebäudezugänge im Inneren des Hauses fort und verwebt sich so mit der Vielfalt der bestehenden Strukturen.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Der Auftrag für den Erweiterungsneubau ging aus einem Wettbewerbsgewinn hervor. Bereits der Wettbewerbsbeitrag hat die Bauherrschaft und zugleich die späteren Nutzer von der Aussagekraft des Entwurfs überzeugt – es wurde kein zweiter Preis vergeben. In enger Zusammenarbeit konnte der Entwurf für die Nutzer weiterentwickelt und optimiert werden, ohne jedoch vom ursprünglichen Gestaltungskonzept abzuweichen. 

Der direkt an den Eingang gelegte Sitzungssaal im Erdgeschoss öffnet sich mit seiner großzügig verglasten Fassade deutlich nach außen und kann sowohl intern als auch extern genutzt werden. (Foto: Brigida González)
Auch bei Verschattung der Fenster zeigt sich der Neubau als homogener Baukörper durch die farblich aufeinander abgestimmten Materialien der Fassade. (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die Proportionierung des Gebäudevolumens mit dessen Wirkung von zwei ineinandergeschobenen und um ein Geschoss gestaffelten Baukörpern blieb durchgängig erhalten. Ein über das Baugrundstück verlaufender Kanal sowie die besondere Lage des Baufelds im Heilquellenschutzgebiet der Stadt Bad Kissingen hatten im Zuge der Planung Auswirkungen auf die Höhenlage des Gebäudes. Im Vergleich zum Wettbewerbsentwurf wurde die innere Organisation des Hauses optimiert, der zentrale Erschließungs- und Sanitärkern fand eine klarere und kompaktere Umsetzung.

Der leicht eingerückte Sockel wirkt durch seine vertikale Scharierung leicht heller als die glatte Betonfassade der darüberliegenden Geschosse und gliedert die Fassade. (Foto: Brigida González)
Bildunterschrift Abbildung 013*: Die benachbarte Umgebungsbebauung der Bad Kissinger Altstadt ist im Inneren des Gebäudes präsent und spürbar. (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Maßgeblich für das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes sind die großflächigen Betonfertigteile, die sich durch die Zuschläge aus Mainsand und Kalkstein in die hellbeige Nachbarschaft der historischen Sandsteingebäude einfügen und deren Fassaden in zeitgemäßer Art und Weise neu interpretieren. Im Sockelbereich und den tieferliegenden Laibungen wurden die Betonfertigteile steinmetztechnisch vertikal schariert und erhalten somit den Charakter einer klassischen Differenzierung von Fassade, Laibung und Sockel. 

Der zentrale Erschließungskern zeigt sich mit glatten Sichtbetonoberflächen und passgenauen Eiche-Holzeinbauten (Foto: Brigida González)
Die Flure geben die Blickbeziehungen in die ortstypischen Altstadtgassen frei (Foto: Brigida González)
Lageplan (Zeichnung: Steimle Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Steimle Architekten)
Schnitt (Zeichnung: Steimle Architekten)
Erweiterungsneubau Landratsamt Bad Kissingen
2019
Mühlgasse 4
97688 Bad Kissingen

Nutzung
Gesundheitsamt und Verwaltung
 
Auftragsart
Beauftragung gem. HOAI nach Teilnahme an nichtoffenem Realisierungswettbewerb

Bauherrschaft
Landkreis Bad Kissingen
 
Architektur
Steimle Architekten BDA, Stuttgart
Carolin Müller
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: Wolff + Glatt Ingenieure,  Bad Kissingen
 
Bauleitung
Armin Röder Architekten, Bad Neustadt/S. für Steimle Architekten GmbH

Ausführende Firmen
Rohbau: Josef Bindrum & Sohn GmbH, Hammelburg-Westheim
Sichtbetonfertigteile Fassade: Hemmerlein Ingenieurbau GmbH, Bodenwöhr
Matallbau-/Verglasungsarbeiten: Vorndran Metallbau GmbH & Co. KG, Münnerstadt-Kleinwenkheim
Innenausbau: Achim Eisele, Möbel & Innenausbau, Engstingen
Heppt Design in Holz GmbH & Co. KG, Haßfurt
Schreinerei Neser e.K., Burgebrach

Hersteller
Sichtbetonfertigteile Fassade: Hemmerlein Ingenieurbau GmbH
Fliesenbeläge: Mirage Granito Ceramico Spa (IT)
Brandschutztüren innen: neuform-Türenwerk Hans Glock GmbH & Co. KG
Tür-/Fensterbeschläge: Franz Schneider Brakel GmbH + Co. KG
Schalterprogramm: GIRA, Giersiepen GmbH & Co. KG
 
Energiestandard 
34 kWh/m²a
 
Bruttogeschossfläche
1.930 m²
 
Gebäudevolumen
7.400 m³
 
Gesamtkosten
ca. 7.840.000 € (brutto)
 
Fotos
Brigida González

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