Parken in der Energiezentrale

asp Architekten
6. Juli 2022
2762 Glasscheiben kleiden die Nordseite des Gebäudes. Durch ihre schuppenartige Anordnung werden eine natürliche Belüftung und Schallschutz ermöglicht, ihre changierenden Muster und Grüntöne stellen den Blendschutz sicher. (Foto: Zooey Braun)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Besondere liegt in den vielseitigen, vermeintlichen Widersprüchen, die das Gebäude vereint. So entstand eine gleichermaßen geschlossene wie geöffnete Gebäudehülle, die einerseits einen Schall- und Blendschutz für das neue angrenzende Quartier ermöglicht und andererseits eine hohe Luftdurchlässigkeit für eine natürliche Belüftung aufweist. Ein absolutes Novum ist das Gebäude aber auch deshalb, weil es ein Parkhaus und eine Energiezentrale vereint, die die komplette Versorgung des neuen, angrenzenden Wohngebietes übernehmen wird, d.h. der Bedarf von rund 850 Wohneinheiten, Gewerbeflächen und einem Sportbad. Großflächig angeordnete Photovoltaik auf dem Dach des Parkhauses unterstützt die Energieversorgung.

Auch im Inneren des Gebäudes wird die Rautenform der Fassadenkonstruktion fortgeführt. (Foto: Zooey Braun)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Da sich das Quartier in einem Heilquellenschutzgebiet befindet, kann in dem Wohngebiet nur eine geringe Zahl von Stellplätzen in Tiefgaragen untergebracht werden. So entstand die Idee, ein Parkhaus zu errichten, das neben Autos und Fahrrädern auch die Energiezentrale beherbergt und einen angemessenen, identitätsstiftenden Auftakt bildet für das neue Quartier. Den offenen, zugänglichen Charakter des Gebäudes unterstützen eine Fahrradgarage und eine Fahrradwerkstatt, die das Erdgeschosses belebt. 

Trapezförmige Pflanztröge, die zwischen die rautenförmige Stahlkonstruktion eingefügt wurden, unterstützen die Begrünung der Fassade. (Foto: Zooey Braun)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Bei jedem unserer Projekte ist es unser Ziel, Strukturen und Räume zu schaffen, die möglichst lange Bestand haben und im Einklang stehen mit der Umwelt. Insofern ist unser Anspruch, ein nachhaltiges Umfeld für spätere NutzerInnen zu schaffen, grundsätzlich ein wesentlicher Einfluss. In diesem Fall kam hinzu, dass die Stadt selbst den Anspruch formuliert hat, dass das Quartier im Sinne einer nachhaltigen Stadtplanung sowohl energetisch als auch umweltpolitisch eine Vorreiterrolle einnehmen soll. Die Vorgabe, dass 30 Prozent der gesamten Fassadenfläche begrünt werden müssen und das Quartier über eine eigene nachhaltige Energieversorgung verfügt, hatte entsprechend Einfluss auf unseren Entwurf.

Das Orientierungssystem von Studio Tillack Knöll, wie die Erschließungskerne in Rot gehalten, nimmt Bezug zur Farbgestaltung des Parkhauses. Vereinzelte Informationen an den Wänden sowie am Aufzugsschacht erzählen von den Funktionen des Gebäudes und seinen energetischen Aspekten. (Foto: Zooey Braun)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Das eine beeinflusst das andere – und umgekehrt. Der Anspruch einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Stadtplanung hat sowohl auf energetische als auch konstruktive und gestalterische Aspekte eines Projekts Einfluss. Ein Beispiel: Um die natürliche Belüftung des Parkhauses zu ermöglichen, wurde die Nordseite vollflächig mit farbigen Elementen aus bedrucktem Glas belegt. Diese sind so angeordnet, dass sie nicht nur Lärmemissionen aus dem Quartier fernhalten, sondern auch frische Luft ins Innere des Gebäudes führen. Optisch ergibt sich ein lebendiges, farbenfrohes Fassadenbild mit einer besonderen räumlichen Tiefe.

Um der energetischen und umweltpolitischen Vorreiter­rolle des Quartiers perspektivisch gerecht zu werden, ist unter anderem vorgesehen, dass der Anteil der Stellplätze für Elektrofahr­zeuge von anfänglich 20% zunehmend auf 100% erhöht wird, die entsprechende bauliche Infrastruktur wurde gleich realisiert. (Foto: Zooey Braun)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die außen liegende Stahlkonstruktion aus rautenförmig angeordneten Stahlträgern mit einer Stahlbetonverbunddecke fungiert zugleich als Hauptkonstruktion und als Hülle des Gebäudes und ermöglicht so ein stützenfreies Parkhaus. Über der Stahlkonstruktion spannt sich auf der Süd-, Ost- und Westseite ein Edelstahlnetz, das als Absturzsicherung, Rankhilfe sowie der natürlichen Belüftung dient. Letztlich ermöglichte uns auch erst diese Konstruktion, die Fassade zu begrünen. Obwohl eine begrünte Fassade vorgeschrieben war, sieht der städtebauliche Entwurf nämlich gar kein bodengebundenes Grün vor. So entstand die Idee, Pflanztröge zwischen die rautenförmigen Stahlträger zu setzen, wo nun eine Reihe unterschiedlicher Rankpflanzen wachsen. Die Bepflanzung besteht aus unterschiedlichen Weinreben und stellt den Bezug zu den nahegelegenen Weinbergen dar. Gemeinsam mit den leuchtend roten Treppenhäusern entsteht ein Identitätsanker im Quartier.
 

Lageplan (Zeichnung: asp Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: asp Architekten)
Grundriss 1. Obergeschoss (Zeichnung: asp Architekten)
Schnitt (Zeichnung: asp Architekten)
Energieparkhaus Neckarpark
2021
Hanna-Henning-Str. 2/1 
70372 Stuttgart
 
Auftragsart
Neubau eines Parkhauses mit integrierter Energiezentrale

Bauherrschaft
Landeshauptstadt Stuttgart Tiefbauamt, Amt für Umweltschutz, Stuttgart
 
Architektur
asp Architekten GmbH, Stuttgart
Projektleiterinnen: Angelika Babucke (ab LPH 4), Martina Rauh (LPH 1-3)
Projektteam: Cem Arat, Eberhard Becker, Ralph Stäcker, Hannah Kölbl, Onur Canvarol, Bárbara Riera Menéndez, Henriette Commichau, Raphael Dietz, Marisa Suttner, Laura Selwood, Carolina Estrada, Eugen Grass, Bernhard Heinnickel und Hans-Georg Heel
 
Fachplaner
Projektsteuerung: Hochbauamt Stuttgart
Tragwerk: Mayr I Ludescher I Partner, Stuttgart
Baugrundgutachten: Geotechnik Stuttgart, Stuttgart
TGA, HLS Parkhaus: Ingenieurbüro Neckermann & Partner, Gerlingen
TGA, ELT Parkhaus: Ingenieurbüro Werner Schwarz GmbH, Stuttgart
TGA Energiezentrale: IBS Ingenieurgesellschaft mbH. Bietigheim-Bissingen
Fassadenplanung: DS-Plan, Stuttgart
Schallschutzgutachten: SoundPlan GmbH, Backnang
Fassadenbegrünung: Koeber Landschaftsarchitektur, Stuttgart
Brandschutz: Kuhn Decker GmbH & Co. KG, Stuttgart
Bauphysik: GN Bauphysik, Stuttgart
Orientierungssystem: Studio Tillack Knöll, Stuttgart
 
Ausführende Firmen
Erdarbeiten: JMS GmbH & Co. KG, Weinstadt
Rohbau: Adolf List Bauunternehmung GmbH & Co. KG, Reutlingen; Stahlbau: Friedrich Bühler GmbH & Co. KG,  Altensteig
Glasschuppenfassade: Roschmann Holding GmbH, Gersthofen
Netzfassade: Jakob GmbH, Ostfildern
Fassaden- und Verglasungsarbeiten: Neusser Stahl- und Leichtmetallbau GmbH, Dettenhausen
Dachabdichtungs- & Klempnerarbeiten: J. Fuhr Inh. E. Brendel GmbH & Co. KG, Ulm
Schlosserarbeiten Energiezentrale: Maibrink GmbH & Co. KG, St. Johann-Gächingen
Schlosserarbeiten Parkhaus: Metallbau Heimsch, Stuttgart
Stahltüren und Tore: Armin Raugust – Der Türenbauer, Fellbach
Maler- und Trockenbauarbeiten: Kauderer GmbH & Co. KG (ARTA), Stuttgart
Bodenbeschichtungen Energiezentrale: Dekorative Beschichtungen UG, Kornwestheim
Parkdeckbeschichtung, Markierungsarbeiten: Ed. Züblin AG, Direktion Bauwerkserhaltung, Stuttgart
Fassadenbegrünung: Hans Herthneck e.K. Garten- und Landschaftsbau, Stuttgart
Beschilderung: RTS road traffic systems GmbH, Sinsheim
Heizung, Sanitär Parkhaus: MS Haustechnik, Schorndorf
Elektro Parkhaus: Speidel GmbH, Göppingen
Lüftung: Fa. Mesch GmbH, Weilheim / Teck
Heizungsbau Energiezentrale: Maier Heiztechnik GmbH, Köngen
Schornsteinbau: Kögel Schornsteine GmbH, Backnang
Elektro Energiezentrale: Cabletec GmbH, Gäufelden
Wärmedämmungen Energiezentrale: Fa. Armbrust GmbH, Mülheim a.d. Ruhr
 
Bruttogeschossfläche
13.116 m²
 
Gebäudevolumen
44.783 m³

Gesamtkosten KG 300+400 
13.590.000 €

Fotos
Zooey Braun 

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Pakula & Fischer Architekten

Prinz-Eugen-Park

Andere Artikel in dieser Kategorie