Leerstand reduzieren, Identität schaffen

Brückner & Brückner Architekten
4. August 2021
Der Stadtbaustein im Herzen der Stadt Tirschenreuth – die ehemalige Fronfeste wird zum Lernstandort (Foto: mju-fotografie)

Die ehemalige Fronfeste in Tirschenreuth ist zum Lernstandort für die Hochschulen Regensburg und Landshut transformiert worden. Peter Brückner von Brückner & Brückner Architekten beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Konzept, neues Leben in alte Häuser mitten in der Stadt einziehen zu lassen, ist nicht nur nachhaltig und reduziert Leerstand, sondern schafft auch Identität und erhält eine viele Jahrhunderte alte Bausubstanz. Der neue Lernstandort hat eine wechselvolle Geschichte, war Fronfeste, Zehntkasten, Gefängnis und Polizeidienststelle.

Das Gebäude wurde Mitte des 18. Jahrhunderts als Zehntkasten für das Kloster Waldsassen genutzt, diente also als Lagerhaus zur Annahme und Aufbewahrung von Natural- oder Geldsteuern, dem sogenannten Zehnten. Es steht jedoch auf viel älteren, bis zu 1,5 Meter dicken Mauern, die wohl zu einem nicht vollendeten, aber imposant anmutenden, Gebäude im Bereich des ehemaligen Tirschenreuther Schlosses gehörten, einer „Stadtburg“ mit Befestigungsanlagen und verschiedenen Amtsgebäuden, die 1633 niederbrannte. Diese imposanten Mauerwerke aus Bruch- und Feldsteinen stammen wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert und gehören zu einem wohl nie ganz vollendeten Gebäude. Diese wurden im Zuge der Sanierung archäologisch aufgearbeitet, konserviert und als Baustein der Geschichte sichtbar gemacht. In den 1980er-Jahren, es diente inzwischen der Polizei der Stadt Tirschenreuth, fand der letzte große Umbau statt. In den vergangenen Jahren stand es leer und hat auf eine neue Nutzung gewartet.

Atmosphäre, Material, Licht und Raum spielen eine herausragende Rolle. Mit Kalk geputzte, geschlämmte Wände, steinerne und hölzerne Böden. Eichenholz und Granit. (Foto: mju-fotografie)
Studieren in historischen Mauern. Architektur als begehbare Geschichte (Foto: mju-fotografie)
Der Lernstandort für die Hochschulen Regensburg und Landshut (Foto: mju-fotografie)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Grundidee unseres architektonischen und städtebaulichen Konzeptes war es, Architektur als begehbare und erlebbare Geschichte zu denken. Aus den Mauern dieses besonderen Ensembles wurden die Außenanlagen für den neuen Hochschulstandort entwickelt. Die verschiedenen Zeitschichten bleiben im Mauerwerk deutlich erlebbar und ablesbar. Bewusst kein Gebäude, sondern eine Gartenanlage, wie früher schon einmal, ein Stadtbalkon, ein Hochschulgarten mit Blick auf das neue Gartenschaugelände. Zugleich wird aus einem jahrelang abgeschotteten und aus Sicherheitsgründen nicht zugänglichen Bereich ein öffentlicher, der nicht nur Aufenthaltsqualität für Studierende und Bürger schafft, sondern auch eine barrierearme Verbindung zwischen dem Naherholungsgebiet und dem Stadtzentrum mit Marktplatz.

Auch die verschütteten Gewölbekeller wurden freigelegt und sind als Zeitdokument wieder erlebbar. Eiserne Gitter und die alten Ruß- und Fackelspuren erinnern an die frühe Geschichte des Gebäudes. Ein echter Blick in die Historie, ein Ort für Stadtführungen, Empfänge, Begegnungen, Ausstellungen, Theater Konzerte und Kommunikation.
Ziel war es, das Gebäude mit einem einheitlichen und zeitgemäßen Gesamtkonzept als Bildungsstätte und Kulturstätte innerstädtisch neu zu aktivieren und energetisch zu sanieren.

Es entstehen öffentliche Plätze, Wege und barrierefreie Verknüpfungen (Foto: mju-fotografie)
Ein Stadtbalkon und vielfältige Aktionsflächen für unterschiedliche Veranstaltungen - nutzbar für die Studierenden, die Bürger der Stadt und deren Gäste. (Foto: schicker-allmedia.de)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Aus Alt und Neu entstand eine Einheit. Zentral war der angemessene Umgang mit der historischen Bausubstanz. Durch sensible, gezielte Eingriffe und zeitgemäßer Weiterentwicklung konnte den Anforderungen an eine moderne, schwellenfreie Hochschulzweigstelle mit digital ausgerüsteten Unterrichtsräumen Rechnung getragen werden. Die Grundstruktur des historischen Gebäudes wird dabei erhalten, sein Charakter freigelegt und dem Neuen wird Raum gegeben. Auch wenn durch frühere Eingriffe vor allem aus den 1970er- bis 1990er-Jahren sehr viel an historischer Bausubstanz verloren ging. Wir suchen, finden und bauen weiter, befreien das Haus und sein Umfeld von seinem Ballast. Es werden neue Raumverknüpfungen durch Rück- und Neubau von Wänden, Türen und Öffnungen geschaffen. Das Erd- und das Obergeschoss beherbergt Vortrags-, Seminar-, Dozenten-, und Aufenthaltsräume mit modernster technischer Ausstattung für zeitgemäßes Lernen. Diesen Räumen sind Teeküche, Toiletten und Nebenräume zugeordnet. Alles über einen Mittelgang zugänglich. Im erweiterten Nordflügel ist die komplette zentrale Erschließung über eine Treppenanlage aus Stahl und Naturstein sowie eine Aufzuganlage untergebracht.

Die Rampenanlage im Außenbereich verbindet das hochgelegene Stadtzentrum mit dem am See liegenden Naherholungsgebiet der Landesgartenschau und schafft so eine barrierearme Verknüpfung zweier wichtiger Stadtteile.
Das Gebäude soll sich selbst erklären und einfache Orientierung schaffen. Im Dach wurde der barocke Dachstuhl saniert und die Technik integriert.

Das Erd- und das Obergeschoss beherbergt Vortrags-, Seminar-, Dozenten- und Aufenthaltsräume mit modernster technischer Ausstattung für zeitgemäßes Lernen. (Foto: mju-fotografie)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Im regelmäßigen Austausch zwischen Bauherren, Nutzern und Architekten wurde der Entwurf in kreativen Prozessen gemeinschaftlich formuliert und ein Konzept entwickelt, welches der Nutzung und dem Ort mit seiner bewegten Vergangenheit gerecht wird.

In Abstimmung mit dem bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt Tirschenreuth konnte das Gebäude zu einem begehbaren historischen Dokument“ ausgebaut werden, welche die vergangene Geschichte erzählt und zeitgemäß interpretiert. (Foto: mju-fotografie)
Auch die teilweise verschütteten Gewölbekeller wurden freigelegt und sind als Zeitdokument wieder erlebbar. (Foto: mju-fotografie)
Diese imposanten Mauerwerke aus Bruch- und Feldsteinen stammen wahrscheinlich aus dem 16. Jahrhundert und gehören zu einem wohl nie ganz vollendeten Gebäude. Diese wurden im Zuge der Sanierung archäologisch aufgearbeitet, konserviert und als lebendiger Baustein der Geschichte sichtbar gemacht. (Foto: mju-fotografie)
Der neue Lernstandort hat eine wechselvolle Geschichte, war Fronfeste, Zehntkasten, Gefängnis und Polizeidienststelle. (Foto: Robert Reith)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Durch Recherchen in Archiven und dem Rückbau von nicht bauzeitlichen Strukturen wurde der Entwurfsprozess immer wieder mit neuen Erkenntnissen hinterlegt. Die Planung wurde simultan während der archäologischen Freilegung fortgeschrieben. Das Vorgefundene ist durch die Architekten sensibel gefiltert und in einem starken Charakter für den Ortes ausformuliert wurden.

Es entstehen öffentliche Plätze, Wege und barrierefreie Verknüpfungen. (Foto: mju-fotografie)
Die Außenanlagen sind aus einem speziell für dieses Haus gebranntem Ziegel, der die Farbigkeit der Feldsteine des Granits aufnimmt. (Foto: Robert Reith)
Auch die teilweise verschütteten Gewölbekeller wurden frei- gelegt und sind als Zeitdokument wieder erlebbar. (Foto: mju-fotografie)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Atmosphäre, Material, Licht und Raum spielen eine herausragende Rolle. Es wurden nur bereits vorhandene Materialien verwendet: Mit Kalk geputzte, geschlämmte Wände, steinerne und hölzerne Böden. Eichenholz und Granit. Loden aus der Traditionsfabrik Mehler. Das besondere sind die Außenanlagen, die aus einem speziell für dieses Haus gebranntem Ziegel sind, der die Farbigkeit der Feldsteine des Granits übernimmt.

Lageplan (Zeichnung: Brückner & Brückner Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Brückner & Brückner Architekten)
Schnitt (Zeichnung: Brückner & Brückner Architekten)
Ort des Lernens | Revitalisierung der ehemaligen historischen Fronfeste zum Hochschulstandort Tirschenreuth
2020
Hochwartstraße 3
95643 Tirschenreuth
 
Nutzung
Hochschulnutzung, Bildung, Unterricht, Kultur, Museale Nutzung
Für berufsbegleitende Studiengänge „Soziale Arbeit“ der OTH Regensburg und „Wirtschaftsingenieurwesen Energie und Logistik“ der Hochschule Landshut
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Stadt Tirschenreuth, vertreten durch den Ersten Bürgermeister Franz Stahl
 
Architektur
Brückner & Brückner Architekten GmbH, Tirschenreuth | Würzburg
 
Fachplaner*
Tragwerksplanung: Lehner + Baumgärtner Ingenieurgesellschaft, Tirschenreuth
HLS: Grünwald & Ach, Weiden i.d.OPf
Elektro: EAS Systems, Neustadt a.d.Waldnaab;
Brandschutz: DAI Dorn Architekten Ingenieure Gebäude & Brandschutzplanung, München Landschaftsarchitektur: Stadt-Land-Fanck, Tirschenreuth
 
Ausführende Firmen
Baumeisterarbeiten: Wilhelm Bauer GmbH & Co. KG, Erbendorf
Sanitärinstallation: Bad & Heizung Sperber GmbH & Co. KG, Windischeschenbach
Vermessung: Janka Ingenieurbüro, Vermessung & Geoinfo, Schwandorf
Schreinerarbeiten, Holzdecken: Schreinerei Rosenberger, Waldershof
Zimmererarbeiten: Häring Hubert, Zimmerei Großkonreuth , Mähring
Elektroinstallation: Elektro Hartung GmbH, Weiden
Natursteinarbeiten: Karl Fröhlich GmbH Flossenbürger, Flossenbürg
Tischlerarbeiten, feste Möblierung/ Einbaumöbel: Gack Möbelwerkstätten e. k., Thurnau
Dachdeckerarbeiten: Schedl, Zimmerei - Dachdeckerei Bernstein e4, Windischeschenbach
Tischlerarbeiten Fenster: Schreinerei Rosenberger, Waldershof
Bodenbelagsarbeiten Holzböden: Sperer & Moser GmbH, Plöẞberg
Außenanlagen: Rolf Schmidt GmbH, Schirmitz
Spenglerarbeiten: Joh. B. Gleißner, Spenglerei - Installation, Tirschenreuth
Tischlerarbeiten Türen: Schreinerei Meier, Inh. Michael Ruland. Thumsenreuth
Maler- & Lackierarbeiten: Malerfachbetrieb Blechinger, Mitterteich
Gerüstbauarbeiten: Kircheis & Partner, Gerüstb. & Bauges. mbH, Makersbach
Putzerarbeiten: Trinkerl Putz & Stuck GmbH, Weiden
Stahlbauarbeiten Außenanlagen: Schlosserei Bubak e. k., Inh. Sven Gruber, Wunsiedel
Aufzugsanlage: Schmitt + Sohn Aufzüge GmbH & Co. KG, Bayreuth
Trockenbauarbeiten: Baugeschäft h. Kreuzer GmbH, Störnstein
Stahlbauarbeiten Gebäude: Sell GmbH, Helmbrechts
Heizungs- und Lüftungsinstallation: Meller Installations GmbH, Waldsassen
Estricharbeiten: Warkuss GmbH, Teppichhaus Fussbodenbau, Marktredwitz
Abdichtungsarbeiten Hochschulgarten: Richard Rank GmbH & Co. KG, Weiden
 
Hersteller
Ziegel für Außenbereich: Girnghuber GmbH | Klinker: Riegelformat, Farbe: Edolo FKS, Format: 490x90x52mm
Loden-Vorhänge: Tuchfabrik Gebrüder Mehler GmbH
Entwässerungsrinnen für die Außenanlagenentwässerung: ACO Tiefbau - Regenwassermanagement 
Systeme zur Dachbegrünung: Optigrün international AG
 
Energiestandard 
Denkmalgeschütztes Gebäude 
 
Bruttogeschossfläche
1.860 m²
 
Gebäudevolumen
7.490 m³
 
Gebäudekosten
3.562.000 € brutto
 
Gesamtkosten
5.446.000 € brutto
 
Auszeichnung
Deutscher Städtebaupreis 2020 (Auszeichnung)
BDA Regionalpreis Niederbayern Oberpfalz – regiNO 2021 (Auszeichnung)
 
Fotos
mju-fotografie, Hümpfershausen
Robert Reith, Tirschenreuth
schicker-allmedia.de

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