Neubau Evangelisches Gemeindezentrum Herbolzheim

Keine Kompromisse

Kuhn und Lehmann Architekten
26. September 2018
Bild: Achim Birnbaum
Im neuen Evangelischen Gemeindezentrum Herbolzheim sollten viele Nutzungsszenarien miteinander verknüpft werden. Die Architekten Christoph Kuhn und Thomas Lehmann berichten von dieser Bauaufgabe.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Gemeindehäuser sind Multifunktionsgebäude. Hier gab es zusätzlich die Anforderung, dass der Raum auch sakral genutzt werden sollte. Die Multifunktionalität so zu gestalten, dass die verschiedenen Nutzungsszenarien nicht nach Kompromisslösungen aussehen, das war der Anspruch.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die Entwicklung eines Grundrisses, der alle Flächen nutzbar macht und dennoch flexibel nutzbar bleibt, hat dieses Projekt inspiriert. Es gibt quasi keine Erschließungsflächen. Verschiedene sich überlagernde Nutzungen sind möglich, sodass das Haus sehr flexibel bespielt werden kann. Der entwickelte Grundriss trägt in sich eine neue Typologie. Die Gemeindegruppen teilen alle Flächen gemeinsam. Der zentrale, offene (Ein-)Raum, der in alle Himmelsrichtungen eine direkte Beziehung mit dem großzügigen Außenraum eingeht, bildet zugleich die Identität des Gemeindehauses.
Bild: Achim Birnbaum
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Der Gebäudekörper strahlt nach außen bewusst Ruhe aus und reagiert somit auf den sehr heterogenen Kontext. Die Öffnungen sind so platziert, dass vom Innenraum Bezüge zum benachbarten Kindergarten, der Eingangssituation an der Straße, zu einem geschützten Gartenbereich entstehen. An der vierten Seite, auf der in unmittelbarer Nähe ein privates Nachbargrundstück beginnt, befindet sich der Andachtsraum mit seiner gefilterten Lichtstimmung.
Für die verschiedenen Nutzungsszenarien mit den jeweiligen Raumformaten lässt sich der gesamte Raum mit zwei mobilen Wänden in verschiedenen Kombinationen öffnen oder begrenzen. Nicht benötigte Wandteile verschwinden über Wandtaschen in den Nebenräumen. Dort können auch Tische und Stühle verstaut und in den Einbauschränken das Material der verschiedenen Gemeindegruppen untergebracht werden. Die Türen der Nebenräume und die Wandtaschen der Trennwände sind unmerklich in der für den Innenraum prägenden Holzschalung integriert.
Bild: Achim Birnbaum
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Der Austausch und die Abstimmung mit der Gemeinde im Verlauf der Ausarbeitung des
Wettbewerbsentwurfes und der anschießenden Umsetzung war geprägt von großer
Sachlichkeit, Zielstrebigkeit, respektvollem Verständnis und spürbarer Freude, auf ein
gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Entscheidungen wurden ausführlich diskutiert,
wohlüberlegt und dann sehr schnell getroffen. So kann das Gemeindehaus bereits knapp
zweieinhalb Jahre nach der Wettbewerbsentscheidung bezogen werden.
In diesem intensiven gemeinsamen Arbeitsprozess wurde zunächst vieles hinterfragt und
geprüft. Was ist für die Gemeinde wirkliche wichtig? Worauf kann verzichtet werden?
Geleitet von einer Strategie der Suffizienz – nicht mehr als nötig, aber in guter Qualität.
Das Konzept des Wettbewerbsprojekts wurde schließlich präzise umgesetzt. Wichtige
funktionale Details passten wir an die konkreten Anforderungen an. Gestaltungsfragen konnten in diesem Umfeld offen besprochen, belastbar bemustert und einvernehmlich entschieden werden.
Bild: Achim Birnbaum
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Der Entwurf für das neue Gemeindehaus gründet auf der integrierenden Strategie einer
umfassenden sanften Nachhaltigkeit, die auf eine Übertechnisierung verzichtet. Im
Vordergrund stehen eine hohe Raumqualität durch die enge Einbeziehung des
umgebenden Gartens und die langfristig flexible Nutzung bei sparsamen Flächen- und
Ressourcenverbrauch. Die untergeordneten Funktionen in den Eckkörpern werden mit niedrigerem Temperaturniveau betrieben, sodass die Wärmeversorgung auf den zentralen Kernbereich des Saales konzentriert werden kann. Eine Grundwasser-Wärmepumpe versorgt die Fußbodenheizung und bietet darüber hinaus die komfortable Möglichkeit, die Säle im
Sommer bei Bedarf kühlen zu können. Öffenbare Oberlichter in den vier Außenfassaden
übernehmen die Funktion der natürlichen Belüftung, insbesondere auch der natürlichen
Nachtauskühlung. Eine einfache Lüftungsanlage beüftet zusätzlich die Säle. Die Abluft
strömt über die Nebenräume und erwärmt über eine Wärmerückgewinnung die Zuluft.
Bild: Achim Birnbaum
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Der vielfältige Einsatz von Holz ist ein wesentliches Merkmal für das Gemeindezentrum. Neben den Wandflächen, die mit der vorvergrauten Fichtenschalung der Außenfassade auch im Innenraum weitergeführt wird, ist die zentrale Lichtdecke, ein Filterwerk aus Weißtanneleisten – im Gegenüber zum Holzdielen Boden – das prägende räumliche Element für das Gemeindezentrums. Das helle Holz steht im Kontrast zur grauen Holzschalung und verleiht dem Haus in der Reflektion des einfallenden Lichts eine warme und feierliche Atmosphäre.
Lageplan
Grundriss
Explosionszeichnung
Neubau Evangelisches Gemeindezentrum Herbolzheim
2017

Hansjakobstraße 8
79336 Herbolzheim

Auftragsart
Wettbewerb, 1. Preis

Bauherrschaft
Evangelische Kirchengemeinde, Herbolzheim

Architektur
KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN, Freiburg
Christoph Kuhn, Thomas Lehmann, Marcus Hug (Projektleiter), Soara Bernard, Fabian Schmidt

Fachplaner
Tragwerk und Statik: Prof. Pfeifer und Partner, Karlsruhe
und Poetzsch Bauingenieure, Herbolzheim
Gebäudetechnik: eta3 , Freiburg
Bauphysik, Akustik: Stahl+Weiß, Freiburg

Ausführende Firmen
Rohbau: Helmut Kern GmbH, Mahlberg
Holzbau Dachtragwerk: Ferdinand Kindle GmbH, Lahr
Dachdeckung: Mathias Schweizer, Winden im Elztal
Pfosten-Riegel-Fassade: Erich Schillinger GmbH, Oberwolfach
Holzfassade: Holzbau Müller, Emmendingen
Mobile Trennwände: ABOPART, Bad Zwischenahn
Schreinerarbeiten: Spitzmüller + Klein, Herbolzheim
Innentüren: Schreinerei Roth, Durbach
Holzfußböden: Holzböden Kleiser, Titisee-Neustadt
Fliesenleger: Gerber, Herbolzheim
Maler: Friedrich Kern, Kenzingen
Estrich: ESBO, Freiburg-Opfingen
Trockenbau: Busch, Wyhl a. K.
Lüftung: Welte GmbH, Herbolzheim
Heizung, Sanitär: Franz Herbstritt GmbH, Herbolzheim
Elektro: F. Weichner GmbH, Herbolzheim

Hersteller
Mobile Trennwände: ABOPART
Leuchten: Luxwerk
Stehfalzdeckung: Kalzip
Glasfassade: Raico
Lichtkuppeln: Lamilux
Dachfenster: Roto
Abdichtung Dach: Bauder
Fliesen: Kermos und Villeroy und Boch

Bruttogeschossfläche
ca. 421 m² 

Gebäudevolumen
ca. 2.487 m³

Gesamtkosten
1,54 Mio € - KG 200-700

Fotos
​Achim Birnbaum

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Marià Castelló arquitectes

Estudio de Arquitectura + vivienda mínima en Formentera

Andere Artikel in dieser Kategorie

Technisch prägnant
vor einer Woche
Glanzvoller Auftritt
vor 2 Wochen
Eingeschoben
vor 3 Wochen
In neuem Gewand
vor 4 Wochen