Erweiterung Landratsamt Starnberg

Auer Weber
2. März 2022
Landratsamt Starnberg – Blick von Süden auf den Bestand (1987) und die Erweiterung (2021) im Vordergrund (Foto: Aldo Amoretti)

Auer Weber haben kürzlich die Erweiterung des Landratsamts Starnberg fertiggestellt – eine büroeigene Planung von 1987. Dominik Fahr berichtet, wie dabei das vertraute Bild der Gesamtanlage gewahrt wurde.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Im Wettbewerbsbeitrag von 1982 definierten Auer Weber die Grundzüge des bestehenden Landratsamtes Starnberg. 1985 bis 1987 wurde das Bestandsgebäude – eine Hybridkonstruktion aus Holz, Stahl und Beton in modularer Bauweise errichtet. Nicht zuletzt aufgrund seines „einprägsam-leichten Fassadenbildes“ sowie seiner „intelligenten Grundriss-Disposition“ erhielt das Landratsamt 1989 den Deutschen Architekturpreis und wurde für den „architektonischen Ausdruck demokratischen Bauens“ gewürdigt. (Auszüge aus dem BDA-Jurytext).

Seit Bezug des Bestandes war die Anzahl der Mitarbeiter*innen stark gestiegen und machte so eine Erweiterung notwendig. Der Anbau sollte neben Besprechungs- und Sozialräumen 160 neue Arbeitsplätze beherbergen und sich sowohl funktional als auch architektonisch an das bereits Vorhandene anschließen. Die Erweiterung wurde daher so konzipiert, dass der Anbau sowohl in seiner äußeren als auch inneren Gestalt weitestgehend dem Bestand gleicht und keinen Bruch zwischen Bestehendem und Zugefügtem entsteht. Zugleich hat das Konzept das Ziel, Mitarbeiter*innen und Besucher*innen das Gefühl zu vermitteln, sich in einem Haus „aus einem Guss“ zu bewegen.

Zentraler Innenhof Bestand mit Blick auf den Haupteingang (Foto: Aldo Amoretti)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Seit 35 Jahren ist die an die großen Vorbilder fernöstlicher Baukultur im alten Japan erinnernde Anlage des Landratsamtes eine nicht mehr wegzudenkende Landmarke von Starnberg. Nach außen wie innen zeigt sich der Verwaltungsbau als moderne und offene Behörde, der die Bürger freundlich aufnimmt. 

Die Herausforderung bei der Erweiterung bestand darin, die 35 Jahre alte Konstruktion, die Materialien und Details auf die heutige Zeit zu übertragen. Die inzwischen stark gestiegenen baulichen und energetischen Anforderungen sollten selbstverständlich integriert, gleichzeitig aber das vertraute Bild der Gesamtanlage gewahrt werden. Zu berücksichtigen waren dabei die höher anzusetzenden Lasten in der Statik sowie die strengeren Brandschutz- und die energetischen Anforderungen.

Erweiterung mit modularer Tragkonstruktion in Lärchen-Brettschichtholz (Foto: Aldo Amoretti)
Fassade mit vorgelagertem Wartungssteg, der als Sonnenschutz fungiert und im Obergeschoss die Fallarmmarkisen trägt (Foto: Aldo Amoretti)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Unter einem zusammenhängenden, flach geneigten Dachschirm öffnet sich der feingliedrige Bau zur Landschaft. Obwohl nicht direkt am Seeufer gelegen, reicht das Wasser des Sees über die verlängerten Kanäle bis an das Bestandsgebäude.

Als Standort für die Erweiterung wurde nach Varianten-Untersuchung der südwestliche Bereich des Grundstücks gewählt, um die bestehende Durchlässigkeit für die Öffentlichkeit von der Münchner Straße bis zur Seepromenade/Nepomukweg zu erhalten. Die kammartige Struktur auf der Westseite Richtung Schiffhüttenweg wird im Rhythmus des Bestands fortgeführt und so im Maßstab Bezug auf die benachbarte Wohnbebauung genommen. Auf der Ostseite wird die großräumigere, hofartige Struktur ergänzt, sodass sich zusammen mit dem Jugendzentrum und dem dreigeschossigen Sitzungstrakt ein gut proportionierter Freibereich bildet.

In den Freianlagen werden die Wege mit dem gleichen Betonpflaster des Bestandes ausgebildet, sodass sich auch die neuen Außenanlagen nahtlos in den Bestand einfügen. Die westlichen Höfe dienen als Retentionsbereiche für eine natürliche Versickerung des Regenwassers und werden analog dem Bestand als Themenhöfe mit Findlingen, Kies, heimischen Stauden und Solitärgehölzen gestaltet.

Die gemeinschaftlich genutzten Funktionen, wie Besprechungs-, Sanitär-, Druckerräume und Teeküchen sind zentral in Foyernähe angeordnet und fördern so die informelle Kommunikation der Mitarbeiter*innen (Foto: Aldo Amoretti)
Blick vom Bestand Richtung Anbau mit neu eingefügtem Treppenhaus (Foto: Aldo Amoretti)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die Grundfigur der Erweiterung wurde bereits im Vorentwurf 2013 entwickelt und hat sich seitdem nicht wesentlich geändert. Die Konstruktion des Anbaus ist – wie im Bestand – auf einem durchgehenden Ausbauraster von 1,2 m aufgebaut. Dies betrifft auch die Haustechnik wie z.B. Bodentanks und Lüftungsauslässe. Somit können Büroräume bei Bedarf mit geringem Aufwand umgebaut werden.

Die Büroräume haben eine Achsbreite von 4,8m und können flexibel als Doppel- oder Einzelbüro mit Besprechungsbereich genutzt werden. Aufgrund mehrerer ausgelagerter Fachbereiche wurde seitens LRA ein Nutzerbedarfsprogramm entwickelt und alle Fachbereiche im Gesamtbau neu organisiert. Hierdurch kam es im Planungsprozess mehrfach zu Raumprogramm-Änderungen, die aber aufgrund der Ausbau-Flexibilität einfach umgesetzt werden konnten.

Neben den baulich-energetischen Verbesserungen gegenüber dem Bestand unterscheidet sich die Erweiterung auch in einem weiteren Punkt von ihrem älteren Bruder: in der Transformation der Details. So werden unter anderem bei den Flurwänden, den Glasgeländern und auch bei der Fassade die feinen Unterschiede zwischen Bestand und Anbau sicht- und wahrnehmbar.

Eckbüro: Arbeiten im Grünen (Foto: Aldo Amoretti)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Der Anbau führt das architektonische Konzept der Gebäudehülle weiter, jedoch mit einer modernen und hochgedämmten Fassade mit einer Dreifachverglasung und außen liegendem Sonnenschutz. Heizung und Kühlung erfolgen über eine Bauteilaktivierung der Stahlbeton-Verbunddecke (System Holorib) mit einer Stärke von nur 14 cm, die auf Lärchen-Brettschichtholzträgern aufliegt. In die Decke wurden zudem Leerrohre für die LED-Beleuchtung und Elektroinstallationen eingelegt. 

Eine Grundwasser-Wärmepumpe wird durch die neue 250kWp-Photovoltaik-Anlage auf dem Dach versorgt und ermöglicht eine CO2-freie Wärmeerzeugung. Die Stromproduktion durch die PV-Anlage übersteigt den Eigenbedarf des LRA, sodass Strom in das Netz eingespeist werden kann. Die gesetzlichen Energieeinspar-Vorgaben wurden so übererfüllt und ein KfW-55-Effizienzhaus umgesetzt.

Lageplan (Zeichnung: Auer Weber) 
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Auer Weber) 
Regelschnitt Büroriegel (Zeichnung: Auer Weber)
Erweiterung Landratsamt Starnberg
2021 
Strandbadstraße 2
82319 Starnberg

Auftragsart
Direktbeauftragung
 
Bauherrschaft
Landkreis Starnberg
 
Architektur
Auer Weber Assoziierte GmbH, München
Stephan Suxdorf (verantw. Geschäftsführer),
Dominik Fahr (Projektleitung), Daniela Sacher (Projektleitung), Hannes Ehrminger
Ausschreibung und Bauleitung: Heinz Wendl
 
Fachplaner
Freianlagen: Luska Freiraum, München
Tragwerksplanung: Behringer Beratende Ingenieure, München
Technische Gebäudeausrüstung: Mathias Baumann, München
Elektroplanung: Ingenieurbüro Knab, München
Brandschutz: Kersken + Kirchner, München
Bauphysik: Braun - Haas + Partner, Neumarkt i.d.OPf
Geologie: Grundbaulabor München
 
Ausführende Firmen
Erdbauarbeiten: Terra Umweltservice GmbH & Co. KG, Schrobenhausen
Baumeisterarbeiten: Zech Roh- und SF-Bau GmbH, München
Zimmerer und Holzbau: Hubert Schmid Bauunternehmer GmbH, Marktoberdorf
Gerüstbau: Gustav Raetz Gerüstbau GmbH, München
Stahlbau: Finger Schlosserei & Stahlbau GmbH, Breitenthal
Dachdecker, Spengler: Poschinger GmbH, Thyrnau
Trockenbauarbeiten + Hohlraumboden: TM Ausbau GmbH, Puchheim
Systemtrennwände: Lindner AG, Arnstorf
Fliesen: Fliesen Röhlich GmbH, Wendelstein
Fassade und Sonnenschutz: HAMA Alu + Holzbauwerk GmbH, Rottenburg
Schreiner: Dabar P.L. d.o.o., Zagreb, Kroatien
Parkett: Bodentechnik Kretzschmar GmbH & Co. KG, Dresden
Metallbau: Stahlbau März GmbH, Starnberg
Schlosser, Türen PROBAT Bau AG, Feldkirchen - München
Maler: Hirsch GmbH, München
Bodenbeläge: Heinz Lohmar GmbH, Hameln
WC-Trennwände: Schäfer GmbH, Horhausen
Vorhänge: Raummanufaktur GmbH, Thalmässing
Kanal-/Tiefbau Kaindl GmbH, Herrsching
Sanitär, Heizung, Kälte: Graf Gebäudetechnik GmbH, Schwandorf
Lufttechnische Anlagen: Rixner Brochier, Holzkirchen
Technische Dämmung: K.H. Schmolke, Waltenhofen
Gebäudeautomation: tesaro GmbH, München
Elektro: Schöffmann, Weilheim
PV-Anlage: Solarzentrum GmbH, Weilheim
Aufzüge: Diebold Aufzüge GmbH, Puchheim
Landschaftsbau: Gzimi Garten- und Landschaftsbau GmbH, Olching
 
Hersteller
Pfosten-Riegel-System: Raico
Sonnenschutz: Warema
Systemtrennwände: Lindner
Hohlraumboden: Knauf
 
Energiestandard
KfW-55 Effizienzhaus
 
Bruttogeschossfläche
4.530 m³ BGF
 
Gebäudevolumen
14.750 m³ BRI
 
Gesamtkosten
23.400.000 € KGR 200 - 700 brutto

Auszeichnung Bestandsgebäude
Deutscher Architekturpreis, 1989
 
Fotos
Aldo Amoretti

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