Bewährungsprobe in Marburg

dichter Architekturgesellschaft
6. März 2024
Eingang vom Hörsaalgebebäude (Foto: Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt)
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Ende 2015 habe ich beschlossen mein Angestelltenverhältnis aufzugeben und ab 2016 an Wettbewerben auf meinen eigenen Namen teilzunehmen. Der offene einphasige Wettbewerb war mein dritter und beinhaltete auch die Beauftragung für das benachbarte Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte (Bildarchiv Marburg). 

Da es im eigentlichen Sinne noch kein Büro dichter gab, verstärkte ich mich zum darauffolgenden Verhandlungsverfahren (damals VOF) mit einem erfahreneren Projektleiter (mein jetziger Partner Nikolaus Steinke) und einem großen Büro aus der Region (Schneider + Schumacher Bau- und Projektmanagement GmbH) für Kosten, Termine und LPH 6–8.

So haben wir gemeinsam noch in meinem ersten Jahr der Gründung zwei öffentliche Bauwerke akquiriert. Es war für uns sehr aufregend.

Fassade zum Innenhof (Foto: Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt)
Welche besonderen Anforderungen wurden in dem Wettbewerb gestellt?

Die Schwierigkeit der Bauaufgabe lag in dem beengten dreieckigen Grundstück zwischen der Marburger Altstadt und dem denkmalgeschütztem Botanischen Garten. Eine vorab entstandene Machbarkeitsstudie von Ferdinand Heide zeigte, wie die beiden Körper (Seminargebäude und Bildarchiv) sehr kompakt und eng aneinander das Grundstück füllten. 

Hauptsächlich verbesserte sich mit dem V-förmigen Grundriss des DDK- Bildarchives das Verhältnis der beiden Bauwerke zueinander. Darüber hinaus haben wir entschlossen das Seminargebäude mit zwei Torbögen direkt an das Bildarchiv anzuschließen. Durch die Kombination beider Maßnahmen wurde aus einer engen dunklen Gasse zwischen den beiden Bauwerken ein gut belichteter Innenhof. 

Darüber hinaus fällt das Gelände um fast zwei Meter ab. Wir brauchten auf beiden Niveaus einen deutlich ausformulierten Haupteingang; einmal als Adresse am Pilgrimstein und zum zweiten an der dem Campus der Philipps-Universität zugewandten Seite. Beide Eingänge wurden barrierefrei durch ein in Längsrichtung durchgestecktes Foyer miteinander barrierefrei verbunden.

Blick vom Alten Botanischen Garten (Foto: Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt)
Haupttreppe (Foto: Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Im Innenraum wurden vorwiegend kostensparende Materialien eingesetzt; eine industrielle Bodenbeschichtung, Einbauten aus Seekieferplatten und akustische Maßnahmen aus Holzwolle-Leichtbauplatten. 

Die schwarze Ziegelfassade mit dem Filtermauerwerkanteil empfinden wir als einen harmonischen Hintergrund für die Bäume am Rand des denkmalgeschützten alten Botanischen Gartens. Das Material ist traditionell, hochwertig und altert dementsprechend gut.

Pausenfoyer mit Einbauten (Foto: Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Die Bauherrenvertretung durch das LBIH (Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen) sowie auch die Philipps-Universität Marburg waren (wie viele öffentliche Bauherren) besonders an einer zügigen Umsetzung und Kosten interessiert. Darüber hinaus hatten wir als junges Büro keinen Vertrauensvorschuss, was unsere Kompetenz insbesondere in der Ausführungsplanung betraf. Leider war die Zusammenarbeit vielleicht auch deswegen von Anfang an belastet. Jedoch muss man sagen, dass der Bauherr technisch versiert war und schlussendlich uns trotz Kostensteigerung doch bei der Umsetzung des Wettbewerbsentwurfs hat lange gewähren lassen. 

Seminarraum (Foto: Bildarchiv Foto Marburg / Thomas Scheidt)
Wie verlief für Sie die Bauphase zu Zeiten von Corona, Ukraine-Krise und Fachkräftemangel?

Leider war die Ausführung besonders schwierig. Wir erhielten nur wenige Angebote teilweise mit sehr hohen Preisen. Es kam zu Verzögerungen durch Bauunternehmer, die entweder keine Materialien, einen hohen Krankenstand bzw. einfach nicht genügend Arbeitskräfte hatten. Die Bauleitung wurde oft von Baufirmen hingehalten und vertröstet. Eine Firma wurde gekündigt, ein anderer Unternehmer ist verstorben. Eine Firma hat zeitweise die Arbeiten niedergelegt, weil es Uneinigkeit über einen entstandenen Schaden gab. Die Dokumentation und Schriftverkehr nahmen ungewöhnlich große Ausmaße an. Das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte ist noch immer nicht fertiggestellt. Unser anfänglicher Enthusiasmus wurde stark gedämpft. Trotzdem denken wir, dass sich das Resultat sehen lassen kann. 

Lageplan und Schwarzplan (Zeichnung: dichter Architekturgesellschaft)
Grundriss Erdgeschoss: 1. Eingangsfoyer | 2. Seminarräume | 3. Nebenräume | 4. Norwendiges Treppenhaus (Zeichnung: dichter Architekturgesellschaft)
Längsschnitt: 1. Eingangsfoyer | 3. Nebenräume | 4. Norwendiges Treppenhaus (Zeichnung: dichter Architekturgesellschaft)
Längsschnitt: 1. Eingangsfoyer | 2. Seminarräume (Zeichnung: dichter Architekturgesellschaft)
Neubau Seminargebäude der Philipps-Universität Marburg am Pilgrimstein, Campus Firmanei
2023
Pilgrimstein 12 
35037 Marburg
 
Auftragsart
Hochbau LPH 2-8, Honorarzone 4

Bauherrschaft
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH)
 
Nutzer
Philipps-Universität Marburg

Architektur
Hochbau: dichter Architekturgesellschaft mbH
Mitarbeit: Nikolaus Steinke, Patrick Unger, Ruth Hörter, Timoteo Goldschmidt
 
Vergabe und Bauleitung: schneider+schumacher Bau- und Projektmanagement GmbH
Mitarbeit: Sven Häfner, Serdar Aktürk, Martina Ranker
 
Freiraum: Studio RW PartGmbB
Mitarbeit: Stefan Wiebersinsky
 
Fachplaner
Gebäudestatik: Horn und Horn Beratende Ingenieure VBI Braunschweig 
Brandschutz: Reichmann und Partner Ingenieurgesellschaft mbH + Co. GK
Bauphysik: ITA Ingenieurgesellschaft mbH Beratende Ingenieure VBI
HLS: Ingenieurbüro Neuplan
ELT: WPW Rhein-Neckar GmbH
Bodengutachter: ETN Ingenieurbüro für Geotechnik
Tiefbau: AGC-Aquageo Consult GmbH
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Otto Heil GmbH & Co. KG
Fassade: Duda Bauunternehmung GmbH
Fenster und Türen: Gebrüder Müller GmbH
Dachdeckung: Dachdeckerfirma Berthold Staubach
Dachabdichtung: Koch Holding KG
Geländer: Stahlbau Wölk und Partner GmbH
Tischler: VHB – Vereinigte Holzbau Betriebe
Innentüren Tischler: H. Hüther GmbH /HST Holzspezialtüren GmbH
Bodenbelag: IBR Bau GmbH
Fliesen: A. Haselbauer GmbH
Innenputz: Müller Bau und Putz GmbH/ Whatley Malermeister GmbH
Maler: Kraft GmbH
Trockenbau: TM Ausbau GmbH
 
Hersteller
Fassade: Janinhoff msz –1410 Wasserstrichklinker, Dünnformat
Außen-Fenster und Türen: Holz-Aluminium-Außenfenster – Batimet / Außentüren – Gutmann 
Dachdeckung: Nibra G10, schwarz matt engobiert
Innengeländer: Flachstahlgeländer lackiert DB 701 Eisenglimmer
Feste Einbauten / Tischler: Seekiefer mit pigmentiertem, Mahagoni Öl – Rubio Monocoat endbehandelt
Innentüren: Holztüren HST Spezialtüren mit pigmentiertem, Mahagoni Öl – Rubio Monocoat endbehandelt
Bodenbelag: Kautschuk: Noraplan Kautschuk sentica Farbton 6523 – mineralische Beschichtung Treppenhäuser Chemotechnik Rheodur SIC Megaplan Farbton Schiefer
Fliesen: Agro Buchtal Plural 160-1118H
Trockenbau: Knauf – Trockenbausysteme
Beleuchtung: iGuzzini
 
Energiestandard
ENEV 2014 und EEWärmeG
 
Bruttogeschossfläche
2.435 m²
 
Gebäudevolumen
11.775 m³
 
Kubikmeterpreis
543 €/m³
 
Gebäudekosten
6.394.000 € (KG 300-400 Brutto)
 
Fotos
Bildarchiv Foto Marburg/ Thomas Scheidt 

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