Traditionell geprägte Moderne

pape + pape architekten
20. septembre 2023
Blick auf die Kita Ernst Fahlbusch (Visualisierung: Renderatelier)
In Göttingen soll ein Neubau der Kindertagesstätte Ernst Fahlbusch samt zugehöriger Freianlagen entstehen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das Baugrundstück liegt im Göttinger Stadtbezirk Weende, im Norden Göttingens an der Ernst-Fahlbusch-Straße. Die baulichen Strukturen rund um das Grundstück sind dörflich mit klassischen Satteldach-Architekturen. Teilweise sind diese durch Siedlungsbau aus den 1970er Jahren überformt worden. Im unmittelbaren Umfeld befinden sich noch weitere Bildungseinrichtungen, drei Schulen und ein weiterer Kindergarten, sodass unser Neubau sich im Grunde als Ergänzung des bestehenden Bildungsschwerpunkts versteht. Charakteristisch für das Wettbewerbsgrundstück ist die Gefällesituation von circa 2,5 Meter, auf die es planerisch einzugehen galt.

Inhaltlich soll auf Wunsch der Ausloberin eine fünfgruppige Kindertagesstätte mit 3 Kindergarten- und 2 Krippengruppen entstehen. Besonderen Wert legt die Stadt Göttingen auf die Umsetzung eines nachhaltigen und klimaoptimierten Planungsansatzes sowohl in der technischen als auch in der baulichen Umsetzung. Pädagogisch wird ein Konzept präferiert, welches alle Nutzungen, bis auf die Verwaltung, auf der Erdgeschossebene abbildet.

Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?

Städtebaulich fügt sich der Entwurf in die stadträumliche Situation ein und sorgt mit einem gefassten Vorplatz und einer starken Gebäudeform für eine klare Adressierung zur Ernst-Fahlbusch-Straße. Typologisch stärkt die gefaltete Satteldachfigur den dörflichen Charakter Weendes und bildet auch innenräumlich eine sehr markante Gebäudetopografie aus. Der Hangsituation begegnet der Entwurf mit zwei Höhenniveaus, die sich in das Grundstück hineinstaffeln. Baulich und energetisch setzen wir auf einen Holzbau mit begrüntem Dach, integrierter PV und einer Wärmepumpe. Der in Nordsüd-Richtung verlaufende Grünzug mit erhaltenswertem Baumbestand bleibt vollständig erhalten. 

Grundrisse (Zeichnungen: pape + pape architekten)
Wie organisieren Sie die Kindertagesstätte?

Erschlossen wird die Kita über einen großzügigen Vorplatz an der Ernst Fahlbusch-Straße. Die vorhandene Bushaltestelle wie auch die erforderlichen Stellplätze werden in die Platzfläche integriert. 

Wunschgemäß haben wir alle Aufenthaltsbereiche der Kinder auf einer Ebene organisiert. Dabei bilden die beiden sich in den Hang staffelnden Gebäudeteile auch gleichzeitig die Nutzungs- und Funktionseinheiten von Kita und Krippe ab. Ein zentrales Foyer in der Schnittstelle verbindet die beiden Einheiten barrierefrei miteinander, stellt eine offene Verbindung unter anderem zum Speiseraum und zur Turnhalle her. So entsteht ein toller offener Ort für Spiel, Austausch und Veranstaltung. Alle Gruppenräume der Kindergartengruppen orientieren sich zum großen Garten und erhalten vorgelagerte, überdachte Terrassen zum Außenspielbereich, die mit hohen »grünen Vorhängen« der Fassadenbegrünung zu einem ganz besonderen Raum im Freiraum werden sollen. 

Die komplette Verwaltung legen wir ins Dachgeschoss. Dabei werden die flachen Traufbereiche der schrägen Dachflächen herausgeschnitten, sodass gut belichtete Räume und attraktive Dachterrassen entstehen. Formal bleibt die Gebäudefigur dadurch jedoch erhalten.

Schnitte und Ansichten (Zeichnungen: pape + pape architekten)
Welche Rolle kommt den Freianlagen zu?

Die Freianlagen sind immer einer der wichtigsten Bestandteile einer Kita – ein Abenteuerspielplatz für die Kids! Dabei sorgen die aus der Gliederung des Gebäudes resultierenden Versprünge in der Kubatur für klare Zuordnungen und Zonierungen im Freiraum. 

Eine lineare Spielplastik bietet von verschiedenen Kletter- und Balanciermöglichkeiten, einen überdachten Sandspielplatz bis hin zu Rückzugs- und Kuschelboxen ein die gesamten Sinne anregendes Spielerlebnis für alle Altersgruppen. Gleichzeitig werden die Bewegungsbereiche von KIGA und KRIPPE wie selbstverständlich räumlich getrennt. 

Ganz wichtig finden wir auch den pädagogischen Umgang mit der Vegetation: für beide Altersgruppen sind jeweils Beete zum Säen und Ernten vorgesehen. Die Terrasse am Essbereich ist in einen Naschgarten mit einem reichen Angebot an leckeren Früchten und Kräutern eingebettet und durch niedrige Fruchthecken vom Rest des Geländes abgeschirmt. 

Auch im übrigen Gelände werden die Gebüschsäume mit Erdbeeren, Heidelbeeren und Minze angereichert; alle Sträucher und Bäume sind fruchtend und/oder Lieferanten für Bastelmaterial wie zum Beispiel Nuss- und Obstbäume oder Kastanien.

Lageplan (Zeichnung: pape + pape architekten)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Uns ist wichtig, dass sich unser Entwurf gut in das Umfeld einfügt und mit seiner Typologie die bestehenden traditionellen Baustrukturen bestmöglich stärkt. Selbstverständlich soll er dabei eine moderne Prägung erhalten, eine traditionell geprägte Moderne sozusagen. Neben einer einfachen Gliederung in den Baukörpern greifen wir gern auf das Dach als prägendes Element zurück. Die rhythmisch gefaltete Dachfigur vermag es, eine harmonische Verbindung zum Vorhandenen aufzubauen und gleichzeitig sehr positive Assoziationen für die Kinder hervorzurufen. Für das Verständnis vieler Kinder bedeutet ein Dach ein wichtiges Identifikationsmerkmal. Auch wenn viele Kinder heute Häuser mit Flachdächern kennen, würden Sie ein Haus immer mit einem Dach malen (... das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen : ). Bei unserer KITA kommt hinzu, dass sie die Dachfigur, die die Kinder von außen sehen, auch von innen erleben können, zum Beispiel in ihrem Gruppenraum. 

Innenraum (Visualisierung: Renderatelier)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Aufgrund des großen Bedarfs an Erziehungseinrichtungen ist eine sehr zügige Umsetzung geplant, was uns freut. Die ersten Planungsrunden werden bereits nach der Sommerpause starten. Einen konkreten Fertigstellungstermin gibt es allerdings noch nicht. 

Modell (Foto: pape + pape architekten)
Neubau der Kindertagesstätte Ernst Fahlbusch in Göttingen
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: Stadt Göttingen
Betreuung: carsten meier architekten stadtplaner bda, Braunschweig
 
Jury
Prof. Dr. Volker Droste, Architekt (Vors.) | Christine Frenz-Roemer, Landschaftsarchitektin | Jörg Haberl, Architekt, Projektleitung Hochbauplanung Stadt Göttingen | Prof. Minka Kersten, Architektin | Frithjof Look, Stadtplaner, Stadtbaurat & Dezernent Planen, Bauen und Umwelt Stadt Göttingen | Hans-Albert Ludolph, Ortsbürgermeister Weende | Regina Meyer, Ratsmitglied Stadt Göttingen | Maria Schmidt, Stadträtin & Dezernentin Personal, Schule und Jugend Stadt Göttingen | Jutta Steinke, Ratsmitglied Stadt Göttingen
 
1. Preis
pape + pape architekten, Kassel | Tore Pape
GTL Landschaftsarchitektur + Städtebau Michael Triebswetter, Kassel | Michael Triebswetter
Mitarbeit: Duy Phan Do, Deniz Akmann
Tragwerk: Drewes + Speth | Martin Speth
Energie: Energydesign Braunschweig
Visualierung: Renderatelier
Modell: Modellbau Weimar
 
2. Preis
Schmidt Plöcker Architekten PartG mbB, Frankfurt am Main | Olaf Schmidt, Sebastian Schuster
KuBuS Freiraumplanung GmbH & Co. KG, Wetzlar | Rudolf Kaufmann
Mitarbeit: Elena Georgieva, Yuwei Liu, Moritz Lüpke, Janine Some, Franz Theobald, Malte Spalink, Ferdingand Berghof
 
3. Preis
Architekturbüro pk nord Blencke und Knoll, Hannover | Rudolf Knoll
GRUPPE FREIRAUMPLANUNG Ostermeyer + Partner mbB, Langenhagen | Thomas Ostermeyer
POLYPLAN Beratende Ingeneiure TGA
Bügling Freyer PartG mbB | Angelika Blencke, Julius Blencke
Mitarbeit: Siri El-Hawari, Anneke Burandt, Luisa Austermeier, Felix Klaube, Dieter Bügling, Tobis Remitschka
Brandschutz: Hagen Ingenieurgesellschaft für Brandschutz mbH | Dr.-Ing. Jens Upmeyer

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